von Inka Grabowsky, 01.06.2026
«Musik ist für mich existenziell.»

Dave Flütsch ist Schlagzeuger, Songwriter, Komponist sowie Sound Engineer und Sounddesigner. Der 29-jährige Musiker aus Weinfelden gehört zu den diesjährigen Gewinner:innen des kantonalen Förderbeitrags. Mit dem Geld will er sich weiterbilden – aber nicht nur. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
«Eigentlich wollte ich als Kind E-Gitarre lernen, aber mein Vater hat gesagt, vom Schlagzeugspielen bekäme man ganz viele Muskeln.» Und so stellte der kleine Dave in sein Kinderzimmer in Graubünden Trommeln, Tomtoms und Becken. Unterricht bekam er nicht. Er brachte sich alles selbst bei. «Das war auch deshalb schwierig, weil meine Eltern damals in einer Sekte waren. Musik aus der Welt war verpönt. Anregungen von aussen bekam ich nicht.»
Als Teenager brach Dave Flütsch aus, gründet seine eigene Band und sog im Internet auf, was an Musik zu hören war – was zu einer echten Epiphanie führte: «Mit 14 entdeckte ich ‹The Mars Volta», die live auf Yahoo «Wax Simulacra» spielten. Und da sass doch tatsächlich ein schwarzer Dude mit vielen Muskeln am Schlagzeug – und die Band ging ab. Das wollte ich auch.»
Reinhören: So klingt Dave Flütsch
Alles von Militärmusik über Jazz bis Punk-Rock
Diverse Bands und eine Fachmatura später gab es für den jungen Musiker zum ersten Mal Profi-Stunden. «Mein Ziel war die Militärmusik in der Rekrutenschule. Die ist waffenlos. Aber man muss einen Eignungstest bestehen. Also haben ich ein Jahr in Teilzeit gejobbt, um genug Geld für Unterricht bei Rolf Caflisch zu verdienen.»
Einmal im Jahr vergibt der Kanton Thurgau seine Kultur-Förderbeiträge an Künstler:innen mit Bezug zum Thurgau. Die diesjährigen Gewinner:innen stellen wir in den kommenden Wochen in Porträts vor. Alle Texte bündeln wir in einem Themendossier. Dort finden sich auch Porträts früherer Preisträger:innen.
Die Übergabe der Förderbeiträge findet im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung am Mittwoch, 1. Juli 2026, um 19 Uhr im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden statt. Musikalisch begleitet wird der Anlass von Irina Ungureanu, welche den Förderbeitrag im Vorjahr erhalten hat und erste Ergebnisse präsentieren wird.
Der Plan ging auf. In der Militärmusik habe er sehr viel gelernt, sagt Dave – sogar halbwegs das Notenlesen. Das war deshalb entscheidend, weil in dieser Zeit sein Wunsch wuchs, Musik zu studieren. Gegen den Willen der Eltern meldete er sich 2017 bei der ZHdK an. «Es gab einen Studiengang ‹Jazz-drums›. Ich bin zwar kein Jazzer, aber es passte trotzdem.»
Wichtiger als der Schulstoff waren aber die aussercurricularen Aktivitäten: Der Drummer spielte mit mehreren Bands, sammelte Bühnenerfahrung und knüpfte Kontakte.
Einmal nach Brasilien
Seiner Partnerin wegen kam er nach Weinfelden. Als Solo-Künstler verfolgt er sein eigenes Projekt «MONODADA» , bei dem er psychedelische Klanglandschaften kreiert. Dafür bekam er 2023 den «M4Music Demo Tape Clinic Award».
Ebenfalls 2023 gab es einen Bruch in der Entwicklung: Bei Dave wurde Hodenkrebs diagnostiziert. Eine erfolgreiche OP und monatelange Chemo-Therapie folgten. «Zum Erholen bin ich nach Brasilien gereist, in das Heimatland meiner Mutter. Ich wollte diesen Teil meiner Wurzeln kennenlernen.»
In der Schweiz werde er aufgrund der Hautfarbe oft sofort in die Schublade «Afro-American-Music» gesteckt, obwohl er in dem Fach kein Experte sei. «Zwei Identitäten in mir zu tragen ist oft schwierig. Man wächst mit dem Mindset auf, halb/halb zu sein. Ich fühle mich oft weder brasilianisch noch schweizerisch. Diese Ambivalenz inspiriert mich, mich über meine Kunst auszudrücken.»
Reinhören: Dave Flütsch live in Zürich
Produzent in Bürglen
Der Kontakt zum Publikum sei über die Zeit weniger wichtig geworden. «Ich spiele seit meiner Kindheit für mich, um Gefühle zu äussern. Das ist existenziell für mich.» Dementsprechend lebt Dave Flütsch inzwischen den nächsten Traum. Er produziert Musik für andere und mit anderen im Studio «Soul Sour» in Bürglen.
«Auch das habe ich mir grösstenteils selbst beigebracht - mit vielen Versuchen und vielen Irrtümern», lacht er. «Mein Gehör hat mich schon weit gebracht, als ich ohne Noten spielte. Es bringt mich nun noch weiter, weil ich genau zuhöre, was die anderen Musiker und Musikerinnen wollen – und ich kann die Idee zum Klingen bringen.»
Geld gibt Zeit
Und was hat er vor mit dem Förderbeitrag von 25’000 Franken? «Er wird mich ein Jahr über Wasser halten. Ich habe derzeit ein sehr breites Wissen über Musik. Das soll nun auch in die Tiefe gehen.» Weil er sich mit dem Geld von der reinen Auftragsarbeit lösen kann, will er die eigene musikalische Handschrift stärken und klarer profilieren. Aber einen Teil will er schlicht in die Altersvorsorge stecken. «Als freischaffender Künstler ist das dringend nötig.»

Von Inka Grabowsky
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