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von Judith Schuck, 15.04.2026

Der lange Weg zum richtigen Geschlecht

Der lange Weg zum richtigen Geschlecht
Melina fühlt sich angekommen im eigenen Körper. Szene aus dem neuen Douglas-Wolfsperger-Film «Denn dieses Leben lebst nur du!» | © Douglas Wolfsperger Filmproduktion

Der Dokumentarfilmer Douglas Wolfsperger zeigt in «Denn dieses Leben lebst nur du!» das Leben von trans Menschen auf dem Land – zwischen Neugier, Vorurteilen und dem Wunsch nach Normalität. Im Kreuzlinger Apollokino feierte der Film jetzt Schweizer Premiere. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Das laute Schaben des Rasierers, der die eingeschäumten Bartstoppeln auf Kinn und Backen entfernt, ist sehr präsent zu hören. Es wird bald abgelöst von einem ähnlichen Geräusch: dem Kratzen der Mascarabürste auf den Wimpern. Melina steht vor einem schlichten Badezimmerspiegel und führt erst die eine Handlung aus, dann die andere.

Der Ton ist in dieser Szene von Douglas Wolfspergers neuem Dokumentarfilm «Denn dieses Leben lebst nur du!» zentral. Die Aufmerksamkeit wird über die Geräusche auf das gelenkt, was dort geschieht: eine Verwandlung vom Männlichen ins Weibliche. Melina erklärt, dass sie immer noch etwas Bartwuchs habe, aber solange die Hormone nicht vollständig wirkten, müsse sie sich eben rasieren. Sie ist heute 44 Jahre alt und zeigte ihre weibliche Identität mit 36 Jahren zum ersten Mal.

Der Ton wirkt hier nicht nur unterstützend für die Bildsprache; er steht derart stark im Vordergrund, dass er sich vor das Visuelle schiebt – als Kontrast, aber auch als verbindendes Element: eine männlich konnotierte Tätigkeit, die von einer weiblich konnotierten abgelöst wird. Rasur und Schminken – beides geschieht an ein und derselben Person, einer Frau, die im Körper eines Mannes geboren wurde und allmählich den Übergang vom einen zum anderen Geschlecht durchlebt.

Video: Trailer zum Film

Die Blicke der anderen aushalten

«Denn dieses Leben lebst nur du!» ist der neue Film von Douglas Wolfsperger, der am 9. April seine Schweizpremiere im Apollo in Kreuzlingen feierte – ein Heimspiel für den Dokumentarfilmer, der am Bodensee aufwuchs. Der Enge der Provinz entfloh er einst in die Grossstadt. Er habe grössten Respekt vor Menschen, die trotz ihres Andersseins in ihrer Heimat blieben, denn alle Protagonist:innen leben im Süden Deutschlands am oder nahe dem Bodensee.

So wie Melina, die nach ihrer Transition zur Frau immer noch Beurteilungen und abschätzigen Blicken ausgesetzt ist. In Friedrichshafen sei sie bekannt wie ein bunter Hund, sagt sie im Anschluss an die Filmpremiere. Gleichzeitig betont sie, dass es aus ihrer Sicht wertvoller sei, im Stillen sichtbar zu werden, als bei schrill-lauten CSDs für Gleichberechtigung und Respekt zu demonstrieren.

Sie hält den Blicken und Kommentaren stand, die sie und ihre Partnerin Dunja (57) begleiten, wenn sie durch die Stadt bummeln. Beiden merkt man an: Sie sind im Reinen mit sich. Dunja ist ebenfalls als Mann geboren, war verheiratet und hat Kinder. Sie beschreibt sich als bisexuell, lebt aber mit Melina in einer lesbischen Beziehung. Für beide gibt es keinen Unterschied zwischen Frau und Transfrau – sie sind Frauen. Der einzige Unterschied zu Cis-Frauen: Sie können keine Kinder bekommen.

 

Elisabeth lebt auch nach der Transition in ihrer süddeutschen Heimat. Bild: Douglas Wolfsperger Filmproduktion

Um den weiblichen Anteil beraubt

Elisabeth hiess früher Ewald. Sie ist intersexuell; bei ihr waren beide Geschlechtsorgane angelegt. Dass die Vagina nach der Geburt einfach zugenäht wurde, wurde erst viele Jahre später festgestellt – obwohl die weiblichen Anteile stärker ausgeprägt waren als die männlichen. «Ich habe mich erst mit 52 Jahren geoutet», sagt die heute 65-Jährige in breitestem Schwäbisch.

Als Kind zog sie manchmal an einem heiligen Ort ausserhalb Röcke an und rannte so über die Wiesen. «Im Rock fühlte ich mich befreit», beschreibt sie ihr damaliges Gefühl.

Gott nimmt einen grossen Platz in ihrem Leben ein. Sie wollte Diakon werden – als Frau war dies jedoch nicht mehr möglich, obwohl sie Ausbildung, Fähigkeiten und Leidenschaft mitbrächte. Es schmerzt sie, dass die katholische Kirche sie als Frau ausschliesst. Wie Melina arbeitet auch sie im Blaumann; beide üben einen Männerberuf aus, sind Handwerkerinnen.

Therapeut:innen hielten es für Verwirrung

«Jeden Tag, den ich mich mehr in Richtung Mann entwickelte, fühlte ich mich freier» – das ist die Aussage von Gabriel (45), der als Frau geboren wurde. Er fühlte sich nie wohl in seinem weiblichen Körper und begann mit 16 Jahren eine erste Therapie, auf die viele weitere folgten.

Doch er traf vor allem auf Unverständnis. Oft wurde sein Zustand als pubertäre Verwirrung abgetan, obwohl er über Jahre unter schweren Depressionen litt. Noch als Eva heiratete Gabriel – «es habe sich so ergeben», sagt er. Im Film beschreibt er seine Ehe eher als Männerfreundschaft; das Sexuelle spielte keine Rolle.

Später begann er mit Muskelaufbau und Hormontherapie und änderte seinen Namen in Gabriel. Unter seiner Brust verläuft eine Narbe von einer Flanke zur anderen – vielleicht der einzige Hinweis darauf, dass er einst im Körper einer Frau lebte.

 

Gabriel sieht seine Partnerin in seinem alten Hochzeitskleid. Bild: Douglas Wolfsperger Filmproduktion

Es geht mehr ums Heute als ums Gestern

Douglas Wolfsperger lässt seine Protagonist:innen über den Prozess der Transition sprechen – vor allem aber darüber, wie sie sich heute fühlen. Die Qualen und Tiefen, die sie im falschen Körper durchlebten, bleiben eher im Hintergrund. Der Fokus liegt klar auf dem Hier und Jetzt.

Der Regisseur holt auch Arbeitskollegen und Dorfbewohner vor die Kamera, etwa den Bäcker Stefan. Er wirkt zunächst skeptisch, zeigt jedoch echtes Interesse und möchte verstehen, wie es ist, im falschen Körper geboren zu sein. In einer Szene sprechen er und Melina überraschend offen über die unterschiedlichen Orgasmen von Mann und Frau, während sie nebeneinander auf einer Hollywoodschaukel sitzen.

Komische Momente im Film

Auch ein erzkonservativer Politiker kommt zu Wort. «Den haben wir aber zerlegt», sagt Melina an der Premiere. Ein Zuschauer fragt in der anschliessenden Fragerunde, wie solche Nebenfiguren überhaupt vor die Kamera gebracht werden konnten – eine berechtigte Frage, wirken doch einige Blicke der Kollegen eher abschätzig oder belächelnd.

Teilweise hat auch die Bildgestaltung etwas Karikierendes, etwa wenn die Kamera lange auf dem breit lachenden Gesicht von Bäcker Stefan verharrt. Werden die Leute hier ein Stück weit vorgeführt? Oder sollen diese Momente das Drama der Einzelschicksale auflockern?

Wolkenformationen dienen von Anfang an als visuelles Stilmittel: zerrissene Föhnwolken über dem Bodensee, strahlend weisse Kumuluswolken oder dramatische Gewitterstimmungen. Auch sakrale Räume mit donnernden Orgeltönen verstärken die Symbolik. Die Naturbilder spiegeln die inneren Zustände – zwischen Unruhe und Frieden.

 

Douglas Wolfspeger mit Melina und Dunja nach der Premiere im Apollo Kreuzlingen. Bild: Judith Schuck

Sichtbarkeit schaffen

In der Fragerunde wird auch nach der Wirkung des Films gefragt. Dunja ist gespannt auf die Reaktionen ihrer Familie, die ihre Teilnahme kritisch sah. Melina sagt: «Ich möchte ein Zeichen setzen, dass es uns gibt. Wir sind ganz normale Menschen und möchten auch so behandelt werden.»

Ein Zuschauer merkt an, dass sexuelle Identität besonders unter Jugendlichen ein grosses Thema sei – warum also keine jüngeren Protagonist:innen? Wolfsperger räumt ein, dass sich niemand aus dieser Altersgruppe zur Teilnahme bereit erklärt habe, was auch mit der sensiblen Lebensphase zusammenhänge.

Langer Prozess bis zur Umsetzung

Die Idee zum Film entstand bereits vor über zehn Jahren während der Dreharbeiten zu «Die Blutritter». Damals setzte sich Wolfsperger intensiv mit religiösen Traditionen auseinander und machte prägende Erfahrungen mit gesellschaftlicher Bigotterie.

In dieser Zeit lernte er auch Elisabeth kennen – ein Schlüsselmoment für die spätere Umsetzung. Dass das Thema heute breiter diskutiert werde, sei Zufall; der Film habe einfach Zeit gebraucht.

Klare Abgrenzung zu queeren Begriffen

Die porträtierten Menschen verstehen sich klar als Frauen oder Männer – nicht als etwas dazwischen. Der Begriff «queer» fällt im Film nicht, ebenso wenig wird sprachlich gegendert. Diese Perspektive unterscheidet den Film von vielen aktuellen Debatten. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb der Film nicht am „Queergestreift Filmfestival“ im Konstanzer Zebrakino gezeigt wurde, sondern im schweizerischen Apollo.

Die Uraufführung fand an den Hofer Filmtagen 2025 statt. Nach der Schweizpremiere in Kreuzlingen folgt die Deutschlandtournee. Kinostart ist der 16. April 2026.

 

Melina, eine der Hauptdarstellerinnen, vor dem Filmplakat, am Apollo Kreuzlingen. Bild: Judith Schuck

 

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