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von Judith Schuck, 26.05.2026

Auf dem Weg zum Ich

Auf dem Weg zum Ich
Ende gut, alles gut: Freude und Erleichterung nach der Aufführung. | © Judith Schuck

Proben, Zweifel, Durchhalten, Auftritt: Was junge Menschen auf dem Weg zu einem eigenen Theaterstück erleben, prägt sie für ihr Leben. Wir haben eine Schulklasse auf der Reise von der Idee zur Aufführung bei den Schultheatertagen Ostschweiz begleitet. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)

Sich selbst zu inszenieren ist heute einfach: Das Handy macht es möglich, jederzeit vor Publikum zu treten – vor Freunden oder anonymen Follower:innen. Die Hemmschwelle sinkt, wenn man nicht wirklich weiss, ob jemand zuschaut. Wer aber live auf einer echten Bühne steht, vor echten Menschen, im echten Moment – der spürt, dass das etwas anderes ist.

Trotzdem haben sich zwischen Januar und Mai 2026 rund 400 Schülerinnen und Schüler aus 19 Klassen der Kantone Thurgau, St. Gallen sowie Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden auf genau diese Erfahrung eingelassen. Als Teilnehmende an den Schultheatertagen Ostschweiz – die 2026 zum zwölften Mal stattfanden – standen sie nicht nur auf der Bühne: Sie entwickelten ihr Stück von Grund auf selbst, unterstützt von ihrer Lehrperson und begleitet von Theaterpädagoginnen und Theaterpädagogen.

Aus Unsicherheit wird Spielfreude

Eine dieser Klassen war in diesem Jahr eine dritte Oberstufenklasse vom Sekundarschulzentrum Aegelsee in Wilen bei Wil. Unter dem Titel «Shhhöön!» entwickelten die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihrer Lehrerin Nadja Diener und begleitet von Theaterpädagogin Rahel Steger ein Theaterstück – im Rahmen eines Freikurses Theater, der im Stundenplan einmal wöchentlich Platz findet.

 

Probe mit Rahel Steger und Nadja Diener. Bild: Judith Schuck

 

Anfang Februar, eine der frühen Proben. Die 15-jährige Jara Bernet erklärt ihre Motivation knapp und direkt: «Ich möchte mit dem Theaterspielen mehr aus mir herauskommen.» Ihrer Mitschülerin Mirja Stauffer geht es ähnlich. Sie beschreibt sich als eher zurückhaltend. «Theaterspielen kostet mich Überwindung. Aber die Freude am Spiel kommt langsam.» Nadja Diener kennt diese Motive gut. Schüchternheit überwinden, aber auch einfach spielen wollen – das seien die häufigsten Gründe, warum Jugendliche den Freikurs belegen.

Die Lehrerin unterrichtet sonst bildnerisches Gestalten und Making; die Schultheatertage sind für sie kein Neuland – sie nimmt bereits zum vierten Mal teil. An diesem Februarnachmittag steht sie mit Rahel Steger vor dem bisherigen Konzept für die Stückentwicklung: Plakate mit Skizzen möglicher Bühnenaufstellungen, Notizen, Stichworte und Ideensammlungen – alles noch etwas unübersichtlich, aber lebendig. «Wir haben inzwischen eine Story», sagt Nadja Diener. «Wir sind jetzt daran, unterschiedliche Schauplätze zu finden.» Zum ersten Mal getroffen haben sie sich Ende Januar – die eigentliche Probenzeit beträgt also gerade einmal vier Monate.

 

Theaterpädagogin Rahel Steger und Lehrerin Nadja Diener besprechen den Stand der Proben. Bild: Judith Schuck

Ein Thema, das aufmacht

Das Thema des Jahrgangs ist vorgegeben; 2026 lautet es «So schön!». Was die Klassen damit anfangen, bleibt ihnen völlig freigestellt. «Beim Dachthema ist vor allem wichtig, dass es aufmacht – also vieles offen lässt und die Fantasie in alle möglichen Richtungen anregt», erklärt Dunja Tonnemacher vom Theater Bilitz in Weinfelden.

Sie gehört neben Mario Franchi vom Konzert und Theater St. Gallen sowie Björn Reifler von der Pädagogischen Hochschule St. Gallen zum Co-Leitungsteam der Schultheatertage. Die Wahl von «So schön!» war auch eine Haltung: Man wollte angesichts belasteter Zeiten die Aufmerksamkeit sanft, aber bestimmt auf Momente lenken, in denen dieses «So schön!» auftaucht – oder eben ausbleibt.

Neben dem Thema gibt das Co-Leitungsteam jedes Jahr auch die Spielelemente vor: 2026 waren es Hocker und Kissen – wenig, aber genug, um damit zu denken.

 

Die Schultheatertage Ostschweiz

Die Schultheatertage Ostschweiz werden alljährlich von den vier Kantonen Thurgau, St. Gallen sowie Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden und von unterstützenden Stiftungen durchgeführt. Geleitet wird das Projekt von einem Co-Leitungsteam: Mario Franchi vom Konzert und Theater St. Gallen, Björn Reifler von der Pädagogischen Hochschule St. Gallen sowie Dunja Tonnemacher vom Theater Bilitz in Weinfelden.

Das Ziel ist, theaterpädagogisch die Lust am Theater zu wecken, Schauspielgrundlagen zu vermitteln, die Sinne zu schärfen sowie Auftrittskompetenz und Kreativität zu fördern. «Schultheater» steht als Kulturgut im Zentrum des Projekts. Anfang Jahr ist Projektstart; die Aufführungstage im Mai finden in der Lokremise St. Gallen, dem Fabriggli in Buchs und im Theaterhaus Thurgau Weinfelden statt, wo die Produktionen den teilnehmenden Klassen gezeigt und gemeinsam besprochen werden.

Eine düstere Geschichte über das Schöne

Beim ersten Probenbesuch im Februar wird schnell klar, dass die Klasse das Thema nicht naiv nehmen will. «Lebenskrise» und «Oberhaupt» sind prägnante Stichpunkte auf ihrem vorläufigen Szenenplan. Schülerin Andjela Vasic skizziert die Grundidee: Zwei Strassenmusikerinnen verlieren ihre Einkommensgrundlage und finden Zuflucht bei einer «Seelenretterin» – dem Oberhaupt einer Gemeinschaft, die Ruhe und Gleichförmigkeit zelebriert. Musik und Tanz sind strengstens verboten. «Für sie ist die Gemeinschaft wie eine Therapie», sagt Andjela. Die Geschichte ist düster – und das ist gewollt.

«Vergesst das Thema nicht, ‹So schön!›», erinnert Nadja Diener ihre Klasse immer wieder. Sie hält sich während der Proben meist zurück, gibt Impulse, lobt gute Ideen, lässt den Schülerinnen und Schülern ihren Freiraum. Rahel Steger, die als Theaterpädagogin zur Unterstützung kommt, beobachtet das mit Anerkennung: «Das sind Oberstüfler, die können schon denken.» Und zu Nadja Diener: «Bei den Kleinen würdest du mehr steuern müssen. Aber die hier denken wirklich.»

Die Aufwärmübungen zeigen, wie viel in so einem Probenprozess steckt, was im regulären Unterricht selten Platz hat: Die Schülerinnen und Schüler üben chorisches Sprechen, das sie für eine Szene mit dem Oberhaupt brauchen. Sie laufen durch den Raum und probieren aus, wie sich dieselbe Begegnung anfühlt – mal traurig, mal wütend, mal leise. Der Körper wird zum Instrument. Nadja Diener und Rahel Steger leiten die Übungen gemeinsam; die Grenze zwischen Lehrerin und Theaterpädagogin verschwimmt.

 

Jara Bernet beim zweiten Probenbesuch, das Kissen dient als Küchenbrett. Bild: Judith Schuck

Zeitdruck und Zweifel

Doch die Zeit ist knapp. Der Freikurs findet nur einmal wöchentlich statt, und wegen Ferien oder Feiertagen fällt eine Probe auch mal aus. Zum Stichwort «Lebenskrise» ist an diesem Februarnachmittag noch keine richtige Geschichte gefunden – bis die Idee eingeworfen wird, dass es um Musikerinnen gehen könnte. Rahel Steger beruhigt: «Das kommt schon.»

Zwei Monate später, Ende April, ist die Nervosität trotzdem spürbar. «Wir haben Megastress», sagt Nadja Diener zur Begrüssung. Bis zur Aufführung am 11. Mai im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden bleiben nur noch zwei Proben. Während der Probe muss Rahel Steger einzelne Schülerinnen und Schüler immer wieder zur Konzentration ermahnen. «Bei den Älteren fehlt manchmal die Aufmerksamkeit», sagt sie. «Die Jüngeren sind da eher dabei.» Nach der Probe ist sie ehrlich: «Bei dieser Klasse hat Zeit gefehlt, um in die Tiefe zu gehen.»

Und doch: Die Geschichte steht. Die Szenen sind unterteilt. «Setzt Akzente, bringt mehr Power rein und übt den Text», bittet Nadja Diener ihre Klasse als Hausaufgabe für die letzte Probe. Rahel Steger schlägt vor: «Probiert aus, was passiert, wenn ihr den Text im Laufen sprecht. Und schaut die Leute an, mit denen ihr redet.»

Der grosse Tag

Am 11. Mai ist die Stimmung eine völlig andere. Aufregung, Anspannung, Vorfreude – alles auf einmal. Die Klasse aus Wilen tritt als dritte von drei Klassen auf, kommt also als letzte dran, was die Wartezeit lang macht. Nach einem kurzen Durchlauf am Morgen ist Rahel Steger sichtlich erleichtert: «Ihr habt es supergut gemacht. Ihr seid eine aufgeweckte Klasse.» Sie bedankt sich mit einem kleinen Geschenk und wünscht «Toi, toi, toi». Dann gemeinsame Aufwärmübungen – wie immer bei den Schultheatertagen, bevor der Gong das Stück einläutet.

 

Violinen-Solo als Teil der Aufführung im Theaterhaus. Bild: Judith Schuck

 

Was die Klasse auf die Bühne bringt, ist mutig. Eine Geigenspielerin steht einsam im Rampenlicht, Passantinnen und Passanten gehen achtlos vorbei. Ein umgedrehter Hocker dient als Hut für Spenden; niemand wirft etwas hinein.

Dann der Szenenwechsel: Alle schwarz gekleidet, maschinelle Bewegungen, Zischen, Hämmern, Kissen werden weitergereicht – Fliessbandarbeit. Die Szene zieht sich, bewusst, fast unerträglich. Andjela Vasic erscheint als Oberhaupt, besteigt einen Hocker. Ein emotionsloser Chor empfängt sie: «So schön! So schön! So schön!» – aber nichts klingt dabei schön.

Die Strassenmusikerinnen versuchen, etwas Menschlichkeit aus den stumpf gewordenen Mitgliedern herauszulocken – bis das Geheimnis des Oberhaupts gelüftet wird: Sie selbst hat nach einem Schicksalsschlag der Freude abgeschworen. Als am Ende bunte Shirts unter den schwarzen Kleidern erscheinen und Musik und Tanz die Stille durchbrechen, ist die Erleichterung im Saal gross – auf der Bühne und davor. Applaus.

Was bleibt nach vier Monaten?

In der Feedbackrunde erhält das Stück viel Lob – gerade weil die Klasse den Mut hatte, das Thema «So schön!» sozialkritisch zu beleuchten und das Unbehagen nicht wegzulächeln. Björn Reifler erkennt im mantraartig wiederholten «So schön!» etwas Beunruhigendes: Das vermeintlich Schöne birgt eine Gefahr. Er sieht in der Geschichte auch eine politische Dimension – das Musikverbot als reales Repressionsmittel in manchen Regimen. Andjela Vasic, die die Rolle der «Seelenretterin» spielte, gibt zu: «Es war anfangs komisch zu spielen, weil alles so psycho ist.»

Lorena Wyss, eine der Strassenmusikerinnen, ist stolz auf etwas, das sie selbst überrascht hat: «Auf der Bühne konnten wir heute ernst bleiben. In den Proben war es nie so ernst.» Genau diese Verwandlung – vom Kichern in der Probe zur Ernsthaftigkeit auf der Bühne – macht Rahel Steger «mega stolz». Dass sie am Ende wussten, worauf es ankommt.

 

Andjela Vasic spielt das Oberhaupt einer sehr seltenähnlichen Gemeinschaft. Um sie herum stehen ihre Anhänger:innen. Bild: Judith Schuck

Am Ende wussten die Schüler:innen, worauf es ankommt

Jara Bernet, die im Februar noch sagte, sie wolle mehr aus sich herauskommen, zieht ein klares Fazit: «Ich traue mich schon mehr durch das viele Üben.» Und Andjela Vasic, die bis zuletzt gezweifelt hatte, sagt schlicht: «Ich dachte erst, wir schaffen es nicht.»

Nadja Diener nimmt das als Bestätigung – nicht nur für dieses Stück, sondern für das, was Theater in der Schule leisten kann. «Der Schulalltag ist kopflastig. Die Jugendlichen werden ständig geprüft und bewertet. Theater ist eine Form von Gestaltung und Kunst, die ihnen Raum gibt, sich selbst auf ganz neue Weise darzustellen.» Auf einer professionellen Bühne zu zeigen, was man gemeinsam erschaffen hat – das präge, sagt sie, mit Stolz und mit Erinnerungen, die bleiben.

 

Ohne Recherchefonds wäre dieser Beitrag nicht möglich

Dieser Beitrag entstand mit Hilfe unseres Recherchefonds. Zum 15. Geburtstag von thurgaukultur.ch haben wir im Mai 2024 einen Jubiläums-Recherchefonds initiiert, um bislang unterbelichtete Themen unter die Lupe nehmen zu können. Unter dem Titel „15 Jahre, 15 Geschichten“ sollen tief recherchierte Beiträge zu verschiedenen Themenfeldern des Thurgauer Kulturlebens entstehen. Alle Beiträge werden in einem Dossier gebüldet. Der Recherchefonds wird unterstützt von der Stiftung für Medienvielfalt und der Crescere Stiftung Thurgau.

 

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