von Judith Schuck, 13.04.2026
Auf dem Weg zum Möglichkeitsraum

Im Kreuzlinger Kult-X wird bald umgebaut, die Räume müssen bis Juni leer sein. Das Programm steht dennoch nicht still, im Gegenteil: Die entstehenden Zwischenräume könnten wegweisend sein für das zukünftige Kulturzentrum. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)
Langweilig war es in den vergangenen Monaten nie im Kult-X, das bestätigt die Geschäftsführerin Eve Hübscher bei einem Gespräch an einem der ersten Frühlingstage im März, das gemeinsam mit Reto Müller, dem Kurator des Kunstraums, im Garten des Kreuzlinger Kulturzentrums stattfindet.
Der lang geplante Umbau in ein Mehrspartenhaus startet dieses Jahr, und damit die Vereine weiterhin veranstalten und proben können, mussten Lösungen her. Es gab Workshops und Stammtische für die im Kult-X ansässigen Vereine, um Bedarf und Möglichkeiten zu ermitteln. Sie konnten sich in Listen eintragen, um ihre Wünsche für Raum und Infrastruktur festzuhalten. Aber nicht alle Vereine haben bis jetzt ihren Ort gefunden.
«Unser Ziel war, möglichst viele Angebote weiterhin im Kult-X zu halten», sagt Eve Hübscher. Gleichzeitig spielten aber auch finanzielle und infrastrukturelle Aspekte eine Rolle. Deshalb wurden vor allem jene Formate vor Ort gehalten, die auf spezifische Infrastruktur angewiesen sind, wie Kino, Theater oder Musik. Für Bewegungsformate gebe es tendenziell mehr Ausweichmöglichkeiten, «auch wenn es dabei wichtige Ausnahmen gibt, wie der Tango, für den sich bislang keine passende Lösung gefunden hat», sagt sie.
Gleich zwei 40-Jahr-Jubiläen stehen an
Der Vorstand und die Geschäftsleitung suchten gemeinsam mit der Stadt Kreuzlingen nach Lösungen und prüften über 40 Liegenschaften. Viele Optionen hätten sich als ungeeignet erwiesen, wegen zu hoher Kosten oder den Anforderungen wie Fluchtwegen oder Heizmöglichkeiten. «Gleichzeitig gab es viel Unterstützung aus dem Umfeld, unter anderem dem Trösch, dem Kulturhaus Apollo oder der Musikschule Kreuzlingen, was für uns ein wichtiges Zeichen war», betont die Geschäftsführerin.
Für die Ludothek konnte Kulturstadtrat Daniel Moos eine Lösung finden: «Wir werden am 25. April den letzten Tag im Kult-X haben. Ab dem 7. Mai sind wir dann am neuen Standort in der Hauptstrasse 58a», schreibt Ludothek-Präsidentin Denise Köhler auf Anfrage. In diesem Gebäude war das Modehaus Lohr ansässig, leicht nach hinten versetzt zum Boulevard. Am Sonntag, 21. Juni, feiert die Ludothek in diesem Gebäude ein grosses Jubiläumsfest zu ihrem 40-jährigen Bestehen und gleichzeitig die Wiedereröffnung nach dem Umzug.
40 Jahre wird dieses Jahr auch der Kunstraum Kreuzlingen. Reto Müller wühlt dafür bereits im Archiv. «Wir schauen gerade, was wir da überhaupt erben.» Nachdem Reto Müller den Kunstraum vom langjährigen Kurator Richard Tisserand zunächst in Co-Leitung, inzwischen solo, übernommen hat, findet dort ein Generationenwechsel statt. Für das Jahresprogramm 2026 hat er sich mit seinem Team Gedanken gemacht – sie hätten zurückgeschaut, aber gleichzeitig sieht er den Kunstraum in eine neue Zukunft aufbrechen, was eng mit dem Geschehen im Kult-X zusammenhängt.
62,5 Prozent der bei der Volksabstimmung über die Zukunft des Kreuzlinger Kulturzentrums abgebenen Stimmen sagten am 22. September 2024 „Ja“. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 44 Prozent. Die Abstimmung beinhaltete nicht nur den 7-Millionen-Kredit für die Sanierung, sondern auch einen jährlichen Betriebsbeitrag an den Trägerverein Kult-X in Höhe von 276’000 Franken pro Jahr. Allerdings nicht auf ewig, sondern begrenzt auf zehn Jahre nach erfolgtem Umbau. Das bedeutet, dass der Betrieb in etwa auf dem aktuellen Niveau zunächst mal bis ins Jahr 2037 gesichert sein sollte.
Wer jetzt denkt, 276’000 Franken seien aber viel Geld für den Betrieb eines Kulturzentrums, dem sei gesagt, dass mehr als die Hälfte dieser Summer (143’000 Franken) für die Miete der Räume wieder an die Stadt zurückgehen. Für den jährlichen Betrieb bleiben rund 133’000 Franken.
Allerdings: Auf zusätzliche Mittel für das Programm kann das Kulturzentrum vom Kanton Thurgau hoffen. Bereits in diesem Jahr hatte der Kanton dem Kult-X 95’000 Franken für das Kulturprogramm aus dem Lotteriefonds zugesprochen. Gut möglich, dass dies auch in kommenden Jahren ähnliche Gelder wieder fliessen werden.
Die Arbeiten am Kulturzentrum sind mit der Volksabstimmung nicht erledigt. Im ersten Betriebsjahr nach Sanierung sollen die neuen Möglichkeiten laufend optimiert werden. In der Botschaft zur Volksabstimmung hatte der Stadtrat auch klar gemacht: „Bis das Zentrum seine Wirkung vollumfänglich entfalten kann, ist ein grosses Engagement seitens des Vereins Kult-X notwendig.“
In einem Kommentar nach der Abstimmung, hatte thurgaukultur-Redaktionsleiter Michael Lünstroth das Ergebnis eingeordnet. Er schrieb unter anderem: «Es gibt endlich eine sichere Zukunft für ein Kulturzentrum in Kreuzlingen. Warum das ein Erfolg für die ganze Region ist und trotzdem viele Fragen bleiben.» Mehr zu den jahrelangen Entwicklungen gibt es auch in unserem Themendossier.
Engere Zusammenarbeit auf geteiltem Gelände
Laborraum, Experimentierfeld, geteilte Ressourcen sind Begriffe, die im Gespräch immer wieder auftauchen. Denn Kult-X und Kunstraum wollen die Bauphase nutzen, um ihre Zusammenarbeit zu intensivieren. Ab August sollen im Obergeschoss des Kunstraums dessen Ausstellungsprogramm und Veranstaltungen wie Kino, Theater, Konzerte oder Performances parallel laufen. «Die Idee entstand daraus, dass wir in einem experimentellen Betrieb eine Chance sehen», sagt Reto Müller. Das könnte bedeuten: weg von der klassischen Ausstellung, hin zum Ausprobieren neuer Formate. «Wir wollen eine gemeinsame Infrastruktur schaffen, die für Kunstraum- und Kult-X-Veranstaltungen funktioniert.»
In den Kunstraum zieht ab Juni im Grunde der komplette Raum K, wo vor allem das Filmforum KuK, das Theater an der Grenze und Kultur-WorX veranstalten. Der Raum wird also fürs Kino abdunkelbar, es wird eine Tribüne und die nötige Technik für Kino, Theater und Konzerte geben, aber auch Ausstellungen und Performances sollen dort stattfinden können. «In dieser Zwischenphase wollen wir neue Formate und Kollaborationen entstehen lassen. Es soll ein Möglichkeitsraum werden», erklärt Reto Müller.
Kult-X soll auch während des Umbaus präsent bleiben
Eve Hübscher ergänzt, dass im Kunstraum funktionell alle Veranstaltungen wie im Raum K stattfinden können sollen, aber ästhetisch werde es nicht 1:1 umgesetzt werden. «Wir hoffen, dass wir allen Ansprüchen entgegenkommen.» Sie fügt hinzu: «Dieser Laborcharakter ist für uns wie für den Kunstraum spannend. Es geht hier auch um die Ressourcenfrage: Wie können wir sie besser aufteilen? Und auch der inhaltliche Austausch ist interessant.» Sie sieht es als Riesengeschenk, dass das Kult-X während der Umbauphase örtlich präsent bleiben kann.
Reto Müller betitelt den Umbruch auch als Aufbruch: «Wir wollen die Zeit nutzen, Neues, Gemeinsames zu entwickeln und zu stärken.» Bestehende Formate werden aber weiterhin zentral bleiben. «Dieser Raum ist sowohl für Bewährtes als auch für Neues gedacht. Ich habe gemerkt, dass Vereine diesen sicheren Raum ebenso noch benötigen», ergänzt Eve Hübscher.
Entsteht mehr Gemeinschaft durch den Umbau?
Mehr Gemeinschaft wünscht sich die Kult-X-Geschäftsführerin ebenso für die Zeit nach dem Umbau, sowohl baulich, durch mehr Begegnungszonen, wie inhaltlich innerhalb der Vereine. Sie glaubt, dass es in der Natur des bisherigen Gebäudes lag, dass die Vereine eher für sich arbeiteten. Die Tür ging zu, und alle waren räumlich abgetrennt voneinander.
Nach dem Umbau wird diese Idee baulich greifbarer, wenn es nur noch einen Haupteingang für das Gebäude geben wird, der «wie ein Scharnier» für die verschiedenen Sparten stehen soll, erklärt Eve Hübscher. Die angestrebte Gemeinschaft werde dabei stark von den Vereinen selbst getragen und knüpfe an bestehende Strukturen an. Der neue Eingangsbereich ist bewusst als gemeinsamer Ort gedacht – Eve Hübscher sieht darin einen Ort zum Ankommen, Verweilen und für spontane Begegnungen zwischen den verschiedenen Nutzer:innen.
Gedanklich wieder zurück aufs Kunstgelände Bellevue
Im zukünftigen Kult-X sind Zonen angelegt, die mehr «Durchmischung» zulassen. «Die Türen sollen offen sein für den gemeinsamen Austausch, bis hin zum Publikum», visioniert Reto Müller, für den sich mit dem Kunstraum-Jubiläum noch ganz andere Hoffnungen in Zusammenhang mit dem Experimentierfeld verknüpfen: Die Wiege des heutigen Kunstraums ist in der Kunstgrenze im Bellevue-Areal Anfang der 1980er-Jahre angelegt.
Dort fand Multidisziplinarität auf dem Klinikgelände der stillgelegten Psychiatrie statt. «Anfang der 80er gab es einen sehr offenen Kunstbegriff. Einige der Vereine, die damals dort mitwirkten, wie das Theater an der Grenze, sind heute wieder im Kult-X und kommen jetzt in den Kunstraum.»
Was werden die Menschen in 40 Jahren über diese Zeit sagen?
Reto Müller wünscht sich, dass diese Energie von damals wieder zurückkehrt nach Kreuzlingen. «Im besten Falle reden die Leute in 40 Jahren über das, was während der Umbauphase aus der Zusammenarbeit von Kunstraum und Kult-X entstanden ist», sagt Müller voller Vorfreude.
«Der Experimentierraum ist das Resultat unserer guten Zusammenarbeit und entsteht aus der Verdichtung im Interimsbetrieb, von allen, die hier sind. Er soll eine Einladung sein für zukunftsgerichtete Veranstaltungen», sagt Eve Hübscher. Das bestehende Programm bleibe aber weiterhin wichtig für das Kult-X.
Entrümpelungsparty am 30. Mai
Am Samstag, 30. Mai kommen die Vereine des Kult-X nochmals zusammen: Bei einer Entrümpelungsparty werden Objekte aus dem Haus im Flohmarkt oder in Versteigerungen verkauft – zugunsten der Zukunft des Kulturzentrums. Ein Teil der Versteigerung ist performativ angelegt: So lassen sich unter anderem eine Matinée mit klassischem Klavierkonzert ersteigern oder Geschichten für einen Kindergeburtstag. Zudem gibt es Tanzvorführungen, eine Kinderolympiade der Ludothek sowie weitere Kooperationen mit lokalen Akteur:innen. Ergänzt wird der Abend durch Konzerte, darunter die Band «3yooni»: Elektronische Beats und Synthesizer treffen auf traditionell arabische Elemente und Rhythmen sowie «Verbrennung 3. Grades», Sound zwischen Hans-A-Plast, Malaria!, Hamburger Schule, Die Nerven und 1000 Robota. Ausserdem wird es Essen und Drinks geben.

Von Judith Schuck
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