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von Judith Schuck, 29.06.2026

Sie will einfach nur tanzen

Sie will einfach nur tanzen
Voller Einsatz: Jana Dünners Herz schlägt für den Hip Hop. | © zVg

Jana Dünner bringt Streetdance auf die institutionellen Tanzbühnen. Für ihr Engagement für Tanz im Kanton erhält sie einen der diesjährigen Kulturförderbeiträge. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Kunst hat die Macht, als gesellschaftlicher Indikator zu fungieren, Stimmungen aufzugreifen, die vielleicht in Worten so nicht fassbar sind oder uns tiefer berühren als blosse, rationale Inhalte. Tanz hat einen besonderen Zugang zur Gefühlswelt mit seiner Bewegungssprache, seinem Ausdruck und den Mehrdeutigkeiten. Jana Dünner scheut sich als Tänzerin und Choreografin nicht, politische Themen auf die Bühne zu bringen.

Sie gehört zu den sechs Kunstschaffenden, die 2026 einen mit jeweils 25'000 Franken dotierten Kulturförderbeitrag vom Kanton Thurgau erhalten, sie selbst in der Kategorie Tanz. Der Kanton würdigt damit ihr Engagement, die Kunstform Tanz im Thurgau zu fördern, möchte ihr aber auch die Möglichkeit bieten, ihre eigenen Recherchen vertiefen zu können.

Dünner tanzt, seit sie drei Jahre alt ist. Auch das Schreiben begleitet sie schon lange, wenn auch meist rein privat, doch fliessen ihre poetischen Inhalte teils in ihre Stücke ein. 1997 in Frauenfeld geboren, wuchs Jana Dünner in Bürglen auf, wo sie ihrer Karriere in der Tanzschule Sun Dance mit einem Kindertanzkurs startete. Ein kurzer Ausflug ins Ballett mit fünf Jahren scheiterte an der Strenge der Ballettlehrerin. In einer Tanzpause belegte sie Gymnastikkurse, kam aber mit zwölf Jahren durch Hip Hop wieder zum Tanz.

 

Jana Dünner im Finale eines Battles. Bild: zVg

Verschiedene Stile durchprobiert

Dann begann sie mit 14 Jahren Jazz Dance an der Musik- und Tanzschule Weinfelden zu lernen. «Später kam noch Contemporary hinzu. Ich belegte dann die Kunst- und Sportklasse der PMS Kreuzlingen», sagt Jana Dünner, die häufig ihre Frisuren wechselt, von lang bis kurzgeschoren, war alles schon dabei. Bei ihren Tanzstilen legt sie ihren Schwerpunkt schliesslich auf Streetdance. Früh war klar, dass sie den Tanz zu ihrem Beruf machen möchte. «Ich dachte, wenn es mir mit 24 Jahren reicht, kann ich immer noch den pädagogischen Weg einschlagen und unterrichten.»

Sie studierte am Tanzwerk 101 in Zürich bis 2022 Streetdance und zeitgenössischen Tanz. Da ihre Diplomarbeit in die Corona-Zeit fiel, hatte sie in ihrer Vorstellung kein Publikum. Ihr Thema wollte sie aber raustragen und entschied sich darum auf eigene Faust einen Kurzfilm daraus zu machen. Jana Dünner realisierte das Projekt gemeinsam mit der Zürcher Filmschaffenden Zoé Kugler als Co-Regisseurin, «Video und Choreografie mussten bei diesem Projekt ineinanderfliessen».

Video: Trailer zu seCURE

In seCURE, einem knapp achtminütigen Video, bearbeiten sie das Thema sexualisierte Gewalt mittels Tanz und Poesie. «seCURE» gewann beim Female Filmmakers Festival in Berlin direkt den ersten Preis als bester Experimentalfilm und wurde anschliessend auf weiteren Festivals gezeigt, darunter in Wien, Beirut oder Seattle.

Gesellschaftlichem Klima mit Wachsamkeit begegnen

Gerade mit Blick auf die jüngsten gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen findet es die 29-jährige Thurgauerin wichtig, an feministischen Themen festzuhalten. «Es gibt viele Menschen, die Ermächtigung brauchen. Ich beschäftige mich vor allem mit feministischen Themen, weil ich als Jana mit meinem Erfahrungsrucksack auf die Bühne trete.»

Als grosses Glück empfindet sie es, mit nur wenigen Auditions (Vortanzen) nach dem Studium gleich zwei internationale Jobs bekommen zu haben. Sie tanzte in der Kompanie Miller de Nobili in Dresden und ab 2024 in der Wiener Tanzkompanie Hungry Sharks, wo sie auch nach einer Knieverletzung beim Vortanzen genommen wurde. «Ein bestärkendes Gefühl direkt nach der Ausbildung von internationalen Kompanien ausgewählt zu werden», fasst sie diesen Erfolg in Worte.

 

Nicht aufgeben, auch wenn der Weg nicht immer einfach ist, das ist eine Botschaft des Tanzstücks «Giant Steps» der Kompanie Remi Demi. Bild: Beni Blaser

Eigene Tanzkompanie für bessere Bedingungen

2023 gründete sie schliesslich mit Giulia Esposito und Astro Scheidegger die Tanzkompanie Remi Demi in Bürglen. Nach ihren ersten Erfahrungen in der Tanzszene entstand das Bedürfnis, eine eigene Kompanie auf die Bein zu stellen, mit den Zielen, Produktionen mehr Nachhaltigkeit zu verleihen. Eine der zentralen Fragen dabei: Wie können Tänzer:innen langfristig bedürfnisorientiert und hierarchisch-flach zusammen arbeiten und Arbeitsprozesse reformieren? In der Regel sind es nur drei bis fünf Vorstellungen pro Produktion.

Eine weitere Entscheidung für die Zusammenarbeit mit anderen Tanzschaffenden war auch der Teamgedanke: Entscheidungen mit dem Team zusammen zu treffen oder sich über Strukturen und Vorgehensweisen auszutauschen, Rollen, und damit Verantwortlichkeiten aufzuteilen.

Video: arttv.ch über das Projekt Giant Steps

Erste Koproduktionsförderung im Thurgau erhalten

Für ihre erste Produktion erhielt Remi Demi direkt die Koproduktionsförderung vom Phoenix Theater Steckborn und der Kulturstiftung Thurgau. Das Stück Giant Steps war bei jeder Show ausverkauft. «In der Reitschule Bern sind sogar 250 Leute gekommen und wir haben Folgevorstellungen gegeben.» Giant Steps möchte zeigen, wie Wünsche Wirklichkeit werden können, wenn man sie hegt und dranbleibt.

Das Stück verfolgt den Ansatz von Jana Dünner, Streetdance auf die Bühne zu bringen und so die Kunstform auf Augenhöhe mit anderen Tanzstilen zu heben, damit er seinen gleichwertigen Platz in Institutionen und Theaterprogrammationen findet. Für Giant Steps sind künftig noch weitere Aufführungen in Planung.

 

«Es fühlt sich so an, als sei mehr Anerkennung für den Tanz da.»

Jana Dünner, Tänzerin, über die Lage der Tanzszene im Thurgau

2024 haben sich Tanz- und Performanceschaffende zum Tanznetz Thurgau zusammengeschlossen, mit dem Ansatz, den Kunstformen im Kanton mehr Gesicht zu verschaffen, aber auch die Vernetzung untereinander zu fördern. Jana Dünner gehört zum Gründungsteam.

Sie beobachtet die jüngsten Entwicklungen im Thurgau positiv, da wirklich ein besserer Austausch stattfände. Durch das Tanznetz habe sie verschiedene Orte und neue Leute aus der Tanz- und Performanceszene kennengelernt.

Die «Tanzspuren», mit denen sie immer wieder in die Öffentlichkeit treten, beschreibt sie als «fast schon aktivistisch». Klar gebe es weiterhin die Abhängigkeit von Fördergeldern, «aber es geht im Thurgau in eine gute Richtung. Es fühlt sich so an, als sei mehr Anerkennung für den Tanz da.»

 

Ariana Qizmolli und Jana Dünner waren für die Choreografie von Giant Steps verantwortlich. Bild: Judith Schuck

Mehr Kunst und vertiefte Recherche dank Förderung

Die finanzielle Unterstützung der kantonalen Förderung möchte sie nutzen, um sich vermehrt ihrer Kunst zu widmen. Seit vielen Jahre unterrichtet sie Streetdance an der Musikschule Weinfelden.

Künftig möchte sie wieder mehr Künstlerin sein und ihre Recherchen vertiefen. «Ich will weiterhin für Workshops und in der Vermittlung als Ansprechpartnerin für Jugendliche zur Verfügung stehen», sagt sie, aber sie freue sich auch darauf, im Studio zu Bewegungsqualitäten zu recherchieren, neue Skills und alte, verlernte Schritte zu trainieren oder an Solo-Stücken zu arbeiten, in denen es auch um Selbstermächtigung gehen soll.

«Ich erforsche emotionale Nachhaltigkeit, die Beschäftigung mit Gefühlen über einen längeren Zeitraum. Diese braucht es meiner Meinung nach, um Themen wie sexualisierte Gewalt performen und Geschichten dazu erzählen zu können, die vielleicht sehr privat und vulnerabel sind.»

Jana Dünner, Tänzeri

Streetdance, darunter Hip Hop, sei eine Tanzform, die von marginalisierten Personen entwickelt wurde. «Ich möchte möglichst nah an den Ursprüngen bleiben. Ich weiss, dass ich als weisse Schweizerin in dieser Kultur Gast bin. Ich bin zu Besuch und möchte authentisch tanzen, ohne umzudekorieren. Ich schaue, was es für Möglichkeiten gibt, ohne die Verbindung zu den Wurzel zu verlieren.»

Die Werte im Hip Hop seien sehr «Community Based», das reizt sie an diesem Stil. Mit diesen Gedanken möchte sie auch die Tanzlandschaft im Thurgau weiterentwickeln und vernetzen.
 

Neue Serie über Förderbeitragsgewinner:innen

Einmal im Jahr vergibt der Kanton Thurgau seine Kultur-Förderbeiträge an Künstler:innen mit Bezug zum Thurgau. Die diesjährigen Gewinner:innen stellen wir in den kommenden Wochen in Porträts vor. Alle Texte bündeln wir in einem Themendossier. Dort finden sich auch Porträts früherer Preisträger:innen.

 

Die Übergabe der Förderbeiträge findet im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung am Mittwoch, 1. Juli 2026, um 19 Uhr im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden statt. Musikalisch begleitet wird der Anlass von Irina Ungureanu, welche den Förderbeitrag im Vorjahr erhalten hat und erste Ergebnisse präsentieren wird.

 

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