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25.02.2010

Weckruf

Weckruf
Jean Grädel, Thurgauer Theatermacher | © Caroline Minjolle

Der Thurgauer Theatermacher und Kulturpreisträger Jean Grädel fordert eine Kultur-Lobby, ein Vorhaben, das vor sechs Jahren schon der Kulturfahrplan des Think Tank Thurgau propagiert hat. Dabei gehe es nicht um die Gründung eines Verbandes oder Vereins, betont Grädel. Vielmehr denke er an eine frei zusammengesetzte Gruppe von Persönlichkeiten mit Profil und Einfluss, die sich für die Bedürfnisse, Räume, Finanzen und Entfaltungsmöglichkeiten der Kultur im Thurgau einsetzten. Wer aber sollen diese Persönlichkeiten sein, und wie sollen sie zusammenfinden? Die «thurgaukultur»-Redaktion hat nachgefragt.

Herr Grädel, Sie beklagen in der Kolumne «Leuchtspur» der Thurgauer Zeitung das Fehlen einer Kulturlobby im Thurgau. Kennen Sie Beispiele andernorts, die funktionieren?

Jean Grädel: Ich kenne nur Einzelpersönlichkeiten und die parlamentarische Gruppe Kultur des Nationalrates. Eben, leider! Es muss ja nicht ein Verwaltungsapparat aufgebaut werden. Gesucht sind Persönlichkeiten, die sich periodisch treffen und sich gegebenenfalls engagieren. Die Treffen könnten in Form von Soirées als Salongespräche organisiert werden.

«Wer bringt uns zusammen?», fragen Sie. Von wem genau erwarten Sie diesen Kraftakt? Und warum leisten die Kulturschaffenden ihn nicht selbst?

Jean Grädel: Es geht ja bei einer Kulturlobby genau nicht darum, dass Kulturschaffende für sich selber reden, lobbyieren, kämpfen, antichambrieren und betteln. Das tun sie ohnehin schon bis zur Selbstverleugnung. Eine Kulturlobby müsste sich zusammensetzen aus massgebenden Meinungsmachern und Meinungsmacherinnen im Kanton, Politikerinnen und Politikern, Leuten aus Gewerbe und Wirtschaft und Kulturveranstaltern, die sich an massgeblichen Stellen und zu richtigen Zeiten für kulturelle Belange einsetzen und argumentieren können, die angehört werden und deren Ideen und Vorschläge nachhaltige Wirkung haben.

Das scheint uns ein schwieriges Unterfangen zu sein.

Jean Grädel: Ja. Es wird nicht leicht sein, diese Menschen zusammenzubringen. Das ist mit Arbeit verbunden, das heisst mit Zeit. Und die fraglichen Persönlichkeiten haben ja genau die nicht im Überfluss. Das wird auch der Grund sein, warum in den letzten Jahren noch nichts geschehen ist. Aber jemand müsste mal den Anfang machen. Und das kann wie gesagt nicht ein Kulturschaffender sein.

Zu den Aufgaben einer Kulturlobby gehöre auch die Diskussion von Kulturfragen, zitieren Sie den Kulturfahrplan. Kann Kritik am eigenen Gegenstand funktionieren?

Jean Grädel: Es muss ja nicht nur kritisch diskutiert werden. Es könnten Ideen entwickelt, deren Machbarkeit untersucht und deren Umsetzung vorangetrieben werden. Den Kulturschaffenden fehlen Paten und Patinnen, die sich längerfristig für ihre Anliegen und Bedürfnisse engagieren. In einer Kulturlobby wären die Kulturschaffenden eine Minderheit. Die kritische Beurteilung künstlerischer Projekte wäre sicher ein Gesprächsteil bei den Soirées der Lobbymitglieder. Und Kritik am eigenen Gegenstand ist durchaus möglich. Ich habe das am Beispiel von Theaterinszenierungen oft erlebt. Allerdings ist diese Art von Gesprächskultur bei Künstlern noch sehr unterentwickelt.

Soll die Thurgauer Kulturlobby auch gegen ausserhalb der kantonalen Grenzen wirken und so zum guten Image des Kantons beitragen?

Jean Grädel: Da verstehen Sie mich falsch. Es geht um eine Thurgauer Lobby, die im Kanton Thurgau und in Thurgauer Gemeinden aktiv wird, interveniert und unterstützt und Ideen entwickelt, wo es kantonsintern notwendig ist. Ansprechpartner sind der Regierungsrat, das Kulturamt, Gemeindeparlamente, Veranstalter, Mäzene und Sponsoren.

Herr Grädel, gab es für Sie eigentlich einen konkreten Anlass für Ihre Klage?

Jean Grädel: Naja, da ist einfach die jahrzehntelange Erfahrung, dass Kulturschaffende immer für sich selber weibeln müssen, und das ist oft sehr frustrierend und demotivierend, ermüdend und zeitraubend. Alles auf Kosten der Kreativität im eigentlichen Beruf. Ich spreche hier jedoch nicht unbedingt für mich. Mir lief es gut, aber ich habe ja auch zusätzlich immer auf der Fördererseite gewirkt und kenne die Problematik von allen Seiten: als Regisseur, als Theater-Intendant, als Theaterförderer, als Stiftungsrat von Kulturstiftungen. Und wenn ich realisiere, dass eine Idee wie die des Kulturfahrplans wieder versickert, dann ist das für mich Anlass genug, einen Weckruf zu erlassen.

Und was ist oder was gedenken Sie persönlich konkret zu tun, damit Ihr Appell nicht sang- und klanglos verhallt?

Jean Grädel: Damit der Appell nicht ohne Echo bleibt, werde ich weiter rufen und versuchen bei denen, die ich kenne, anzuklopfen.

Interview: tgk

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