von Jürg Schoop (1934 - 2024), 30.03.2014
4 Pfund Jazz, gut abgehangen

Am 6. Februar 2014 sprach der Autor und Journalist Stefan Keller im Bodmanhaus in Gottlieben mit dem in Arbon aufgewachsenen, heute im Tessin lebenden Peter Rüedi über dessen neues Werk. Rüedi, dessen Dürrenmatt-Biografie ebenfalls hier präsentiert wurde, verfasste - allen Jazzkennern wohlbekannt - seit 30 Jahren Jazzkolumnen für die „Weltwoche“. Die sind nun in einem sehr dicken Band unter dem Titel «Stolen Moments» erschienen. Eine persönlich gefärbte REZENSION von
Jürg Schoop
Ein Schinken - tatsächlich. 1320 Seiten, 2 Kilo schwer, 6 cm dick. Auch wenn ich jeden Morgen vor dem Aufstehen eine der Jazzkolumnen lesen würde, überkämen mich alten Mann Zweifel, ob meine Lebenszeit dazu reichen würde, mich durch die über 1500 Einträge durchzuarbeiten. Allerdings kenne ich einen kleinen Teil dieser Ausführungen schon durch unmittelbare Lektüre der „Weltwoche“. Der Autor besitzt ein seit jeher profundes Verständnis des Jazz und seiner Musiker. Er weiss stets, worüber er schreibt, worauf es ankommt, lässt nichts im Ungefähren, bringt es auf den Punkt, bringt es immer wieder in vielfältige Beziehungen zum kulturellen Umfeld, wie beispielsweise der Input zu Irving Berlin, der nicht nur Lesevergnügen, sondern auch Zuwachs an Kenntnissen der amerikanischen Musikgeschichte verschafft.
*
Ich habe Peter Rüedis Kolumnen schon deshalb gerne gelesen, weil sie immer wieder auch mein Selbstwertgefühl als Jazzkenner bestätigten. Man weiss ja nicht immer genauestens, wie gut man in einer Sache zuhause ist. Wenn man aber mit einem Zunftmeister die gleichen Ansichten teilt und seiner Argumentation beipflichtet, kann man ja kaum eine der letzten Pfeifen sein. Das tat ich in der Regel: wenn Rüedi beispielsweise den zwar wohlbekannten und geschätzten Paul Desmond, den Bläser des Dave-Brubeck-Quartetts, als allgemein weit unterschätzten, wundervollen Improvisator darstellte, sprach er direkt aus meinem Herzen.
*
Akribische theoretische Sezierungen der Jazzmusik gibt es bei Rüedi nicht. Da gibt es kein sinngemässes «die Achteltriolen im Takt 265 kommen etwas zu früh», wie das bei den Klassikkollegen beliebt ist, die wohl die inkriminierten Partituren auswendig kennen, bei denen aber einen oft das Gefühl beschleicht, dass sie Musik als Ganzes nicht so recht einzuordnen wissen. Autor Rüedi stützt sich, wie die meisten Jazzkommentatoren, nicht auf ein musiktheoretisches Wissen, sein weitläufiger kultureller Hintergrund und all die verfügbaren Vergleichsmöglichkeiten können den Gegenstand weit besser fixieren. (Man weiss, dass die graue, inzwischen verstorbene Eminenz allen Jazzkommentars, Joachim Ernst Berendt, zu Beginn seiner Tätigkeit herzlich wenig vom theoretischen Hintergrund der Sache verstand.) Rüedi wies anlässlich seiner Lesung im Bodmanhaus auch selbstironisch auf diesen Punkt hin, wenn er meinte, falls ein Musikkenner unter den Anwesenden wäre und sein Buch kennen würde, was vielleicht schon nicht ganz zumutbar sein könnte, wäre es sehr fraglich, ob er denn als schreibender Musikfachmann anerkannt würde.
*
Wenn man mal in den Hintergrund stellt, dass Rüedi von Haus aus ein Vollblutintellektueller ist, könnte man ihn durchaus auch in die Reihe der Praktiker stellen. Denn von Jazz bewegt und inspiriert werden, spielt nicht auf der theoretischer Stufe. Peter Rüedi spielte auch wirklich, anfänglich wahrscheinlich begeistert, ein bisschen Schlagzeug. Wie gut , könnten nur jene beurteilen, die ihn auch einmal gehört haben. Etwas Klavierunterricht gehörte in dem Lehrerhaushalt, in dem Rüedi aufwuchs, natürlich dazu. Der spätere Kolumnist schien aber davon nicht allzu begeistert gewesen zu sein, hielt es eher für eine Pflichtübung, die aber sicher seiner auf klassische Musik abonnierte Mutter gefiel, wie Rüedi bemerkte. Die «Kleine Nachtmusik» von Mozart (zu der ich ein ganz anderes Verhältnis habe als der junge Rebell Rüedi) schien für ihn all das Bürgerliche zu verkörpern, das er instinktiv verabscheute. Jazz, das war Mitte der 50-er-Jahre die Rebellion der anspruchsvollen Jugend. Das Abhören von AFN, dem amerikanischen Soldatensender und der Voice of America war Pflicht. Elvis Presley, Jimmy Lunceford und das Modern Jazz Quartett liessen grüssen. Da wurde mit den Patriarchen gebrochen, da machten sich auch etliche per Anhalter nach Indien auf.
Nein, Peter Rüedi war nicht für die Musik geboren, aber er war nicht für die Musik verloren, wenn wir den Jazz, was wir selbstverständlich tun, dazu rechnen wollen. Die beste Definition von «Stolen Moments» stammt vom Autor selbst, eine Jazzgeschichte in Momentaufnahmen» nennt er seine gesammelten Kolumnen. Auch wir sehen «einen Zusammenhang, auch über den Jazz, ja die Musik hinaus». Ein Nachschlagewerk mit seinen Registern ist es auch, «in welchem jeder seiner eigenen Geschichte mit der Musik nachgehen kann».
Video:
Peter Rüedi berührt auf merkwürdige Weise meine eigene Geschichte. Als ich als Jugendlicher 1953 im Frohsinn-Keller in Arbon mein erstes Jazzkonzert live miterlebte, war Rüedi, nach seiner eigenen Angabe, noch der kleine Peter von 10 Jahren. Vier oder fünf Jahre später hörte ich erstmals von ihm durch einen gemeinsamen, leider früh verstorbenen Freund, der Rüedi, um zehn Jahre älter als dieser, als eine intellektuelle Koryphäe hochlobte, über die es nur Phänomenales zu berichten gab, darunter auch diese Jazzaffinität und seine Fähigkeit, drei Stunden lang über einen Spiegel-Artikel zu referieren. Ich hatte keine Ahnung, dass mein Freund damals nicht von einem Erwachsenen, sondern von einem ungefähr 15-jährigen Gymnasiasten sprach. Persönlich hatte ich Rüedi noch nicht gesehen, das kam einige Zeit später, als sich unser Jazzkenner in der biertrinkenden Burschenschaft bewegte. Nahe kennenzulernen war mir aus dem Grunde versagt, weil mich das Akademische nicht besonders und die Bräuche der Studentenschaft überhaupt nicht anzogen. Aber ich schätzte mich glücklich, einen Superintellektuellen von Angesicht zu kennen, in meinem familiären Umfeld gab es deren keine, die meinen lebten zwischen Buchdeckeln und waren meist schon eine Weile tot.
*
Rüedi ging bald einmal in die Welt, wurde Schriftsteller, Redaktor, Theatermann und schrieb immer beiläufig diese überzeugenden Jazzkolumnen, stets den Mut rühmend «sich (in der Improvisation) dem Einfall so schutzlos wie möglich auszuliefern, also Zensur mit allen möglichen Strategien und Listen zu verhindern», wie er in seinem aufschlussreichen Vorwort bemerkt. Nicht unerwähnt sei des Autors unentwegter Einsatz für den Schweizer Jazz, der seinen verdienten Stellenwert bekommt. Im Platten-Register sind allein unter den ersten drei Buchstaben A-C (wobei C ziemlich unergiebig ist) 25 Veröffentlichungen von Schweizer Formationen erwähnt und besprochen. Die artistische Vorrede von Michel Mettler ist gekonnt, genussvoll zu lesen, mir aber etwas zu bombastisch und ausschweifend. Seht her, ich bin ein grosser Dichter. Mag sein… Ich wollte mich nicht damit zufrieden geben, mit Rüedi stets einer Meinung zu sein, so habe ich etwas geblättert und bin auf einen Pianisten gestossen, den ich erst seit kurzem kenne, bei dem ich mir jedoch überlegt habe, ob ich ihn aus meiner anspruchsvollen Sammlung entfernen soll.
Heureka! Rüedi lobt Agustí Fernández über den grünen Klee, einer, der auf der Suche nach dem Schönen, Einfachen, Introvertierten ist, der stellenweise nach Balladen aus alten Zeiten klingt. Man könnte es auch sehr gehobene Barmusik nennen, wäre meine dagegen sprechende Meinung. Das musste sein! Vielleicht ist Rüedi milder geworden, vielleicht bewege ich mich in eine ganz andere Richtung. „Carry on!“, kann man dem Autor nur zurufen. Die literarische Pflege des Weins schadet deinem Ansehen nicht, mehrt es vielleicht sogar, aber denke bitte daran, dass das ein sehr bitterer Abgang werden könnte, „schlimmer als ein nasser Hund“ (wie du boshaft auf die Weinelogen angespielt hast) wenn du den Jazz - aus welchem Grund auch immer - hintenan stellen würdest.
***
Echtzeit Verlag. Stolen Moments. 1522 Jazzkolumnen. Leinengebunden mit Schutzumschlag, 1320 Seiten. SFr. 78.00.

Weitere Beiträge von Jürg Schoop (1934 - 2024)
- «Jazz ist die beste Form der Demokratie» (13.05.2020)
- Die Hierachie ist tot, es lebe das Kollektiv (29.01.2018)
- Auf dem Weg zum Dreamteam (05.12.2017)
- Gerechtigkeit an der Grenze (29.07.2015)
- Wo Tradition auf Gegenwart trifft (23.06.2016)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Musik
Kommt vor in diesen Interessen
- Jazz
Ähnliche Beiträge
Ein Klangraum von isländischer Weite
Mit «Circle» legt die Schweizer Akkordeonistin Lea Gasser ein Werk vor, das intime Klangmalereien und rhythmische Vielschichtigkeit in den Mittelpunkt stellt. mehr
Ein melancholischer Geschichtenerzähler
Er wollte Goalie werden, wurde zuerst Lehrer und landete als erfolgreicher Liedermacher und Musiker auf den helvetischen Bühnen: Blues Max alias Werner Widmer (74) aus Kreuzlingen. mehr
Im Auge des Jazz
Abgespeckt, dafür mit einem ausgesucht coolen Programm: Das diesjährige Generations Jazz Festival in Frauenfeld verspricht ein sattes Sound-Erlebnis. Los geht es am 26. September. mehr

