Künstlerkolonie, Paradies, Ort der schöpferischen Kraft: Die Uttwiler Meisterkurse feiern dieses Jahr ihr 10jähriges Bestehen. 17 junge Musikerinnen und Musiker traffen in den vergangenen Tagen auf drei erfahrene Meister, um in der wunderbaren Atmosphäre an ihrem Können zu feilen. thurgaukultur.ch besuchte die „Klangschmiede“ am See und stellte fest: Gute Künstlergeister aus der Vergangenheit wachen über diesen Ort. Sie führten sogar ein Gästebuch.

Barbara Camenzind

„Verweile doch, du bist so schön“, sagte Dichter Goethe zum Augenblick. Im Zeitalter der reproduzierbaren Klänge ist die Musik längst keine flüchtige Kunst mehr. Irrtum. Wer tonale Frischkost liebt und Konserven ausweichen will, hat in Uttwil seit 10 Jahren die Gelegenheit, Wunderbares zu erleben. Was gibt es Spannenderes, als ein gutes Konzert zu besuchen? Den Weg dorthin mitzuverfolgen. Margrit Stickelberger, die Gesamtleiterin der Uttwiler Meisterkurse freut sich über den anhaltenden Zuspruch und das Interesse: „Wir sind enorm beliebt bei unseren Meistern und ihren Schülerinnen und Schülern.“ Kein Wunder. Ein ganzes Dorf kümmert sich um die Künstler, die, wie es der Violinprofessor Heime Müller formuliert, oft „lange Durststrecken“ aushalten müssen, bis sie wieder eingeladen werden. Sogar vom bestorganisiertesten Meisterkurs in Europa sei die Rede, sagt Stickelberger, deren  Arbeit - und die ihres Teams rund um Andrea Röst, Brigitte Meyer, Heide Dörpinghaus und Hansjürgen Warnecke - also in einem Atemzug mit den berühmten Kursorten Gstaad und Dresden genannt werden kann. Gute Kontakte, persönliches Engagement und ein phantastisches Raumangebot gehören zum Erfolgskonzept. Stolze Patrizierhäuser - sowie die Uttwiler Kirche - stehen den Musizierenden zur Verfügung. Dazu gehört auch die geschichtsträchtige Villa Haab.

Ort der Inspiration

Guarneri-Quartett, Maria Stader, Gewandhausquartett Leipzig: Seit den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gaben sich die Grössen der Musikszene bei der Fabrikantenfamilie Haab die Klinke in die Hand. Am liebsten wären sie stets länger geblieben, wie die Gästebuch-Eintragungen dokumentieren. „Früher bin ich davon ausgegangen, das „Schlössli“ sei der grosse Künstlertreff gewesen“, erzählt Margrit Stickelberger bei der Durchsicht des Gästebuch - Faksimiles der Villa Haab. Musikalischer Hotspot war aber dieses versteckt liegende schöne Haus, welches in diesem Jahr auch den Meisterkursen zur Verfügung steht. Während des Zweiten Weltkriegs standen die Türen offen für die Emigranten. Kunstmäzenin Haab engagierte sich für die Gesellschaft für Literatur und Musik GLM in Romanshorn, die aufgrund dieser Verbindung stets mit den ganz Grossen der Szene rechnen konnte. Uttwil sei ein Kraftort für Künstler gewesen wie Germanistin Stickelberger für die 1200Jahr-Feier der Gemeinde recherchierte. Für die Meisterkurse nutzt sie klug diesen „Genius Loci“.

Musikalische Geister aus der Vergangenheit im Haab’schen Gästebuch (Foto: Barbara Camenzind) 

Musik ist Handwerk

„Schau, hier kommt die Reprise. Lass es hier herbstlicher klingen. Erinnernder.“ Professor Heime Müller tastet sich behutsam an die Interpretation von César Francks Violinsonate heran. Sein Schüler Kaspar Rothenfusser bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung an eine Musikhochschule vor. Er ist erst 17 Jahre alt, dennoch behandelt ihn der Meister wie einen Profi. Das zeugt von Respekt und Anerkennung. Fern von jedem gekünsteltem Gehabe arbeiten die beiden an den schwärmerischen Passagen. Korrepetitor Stefan Veskovic ist enorm gefordert am Flügel. Die jungen Talente müssen sich um einen der begehrten Plätze bewerben. Der Einblick zeigt: Musik ist auch Handwerk, bei der Geige ganz besonders. Knappe technische Anweisungen und die Orientierung an anderen Disziplinen, wie dem Gesang helfen. Hören, spüren, umsetzen: „Es gibt Dinge, die muss man einfach machen, dann wird es besser“, lautet eine schlicht-prägnante Ansage. Der junge Mann wagt und gewinnt. Die schwere, tiefe Passage mit den Lagenwechseln gewinnt an Farbe. Zum Schluss freuen sich beide über den schöpferischen Prozess. An der Wand hinter dem Pianisten hängen die Bilder der berühmten Gäste der Villa Haab. Sie agieren sicher als gute Geister der Uttwiler Meisterkurse.

Uttwiler Meisterkurs 2017:

Dozenten:
Heime Müller, Violine
Emil Rovner, Violoncello
Brigitte Meyer, Klavier

 

KONZERT DER PREISTRÄGER 2016

15. Okt. 2017 17:00 Festsaal Inselhotel Steigenberger Konstanz

mit Michelle Burri (Saxophon) - Julia Stuller, Sylvain Rolland, Arhur Guignard (Violoncello) - Maki Hirota, Benjamin Gatuzz, Alberto Stiffoni (Violine) -Kirill Zwegintsow, Alexandra Sikorskaya (Klavier) sowie der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz unter der Leitung von Eckart Manke.