von Brigitta Hochuli, 28.10.2010
Tiefgang trotz Tempo

Der 30jährige Steckborner WoZ-Journalist, Bestsellerautor und Fussballkenner Daniel Ryser liebt den Thurgau. Hierher will er dereinst aus Zürich zurückkehren. Weil er die Landschaft einfach wunderbar findet und es nichts Spannenderes gebe, als über Lokales zu schreiben. Journalismus gibt ihm ein intensives Lebensgefühl. Ein Gespräch über Hooligans, Drogen, den guten Draht zur SVP, die schönste Barkeeperin und die Heimat.
Interview: Brigitta Hochuli
Daniel Ryser, am 2. Oktober haben Sie beim Fanclub der ersten Mannschaft des FC Kreuzlingen aus Ihrem Hooligan-Buch „Feld-Wald-Wiese“ gelesen. Er habe manche Fans noch nie so interessiert zuhören sehen, kommentierte danach ein Freund im Facebook. Woran lag diese Faszination?
Daniel Ryser: Das Buch gilt als authentisch und bildet eine Sparte von Sex and Crime ab. Das interessiert auch Leute, die mir sagen, sie hätten noch nie ein Buch gelesen. Wenn ich zum Beispiel in meinem Blog Exklusives über die Hooligan-Szene schreibe, explodieren die Leserzahlen auf bis zu 4000 pro Tag. Dadurch, dass das Thema so breit den Fussball an sich betrifft, geht es auch kleine Vereine etwas an.
Das Buch wurde in der NZZ besprochen, ein Kapitel ganzseitig im Schweiz-Teil der der deutschen Wochenzeitung Die Zeit abgedruckt. Zwischen diesen Zeitungen für Intellektuelle und dem FC Kreuzlingen liegen üblicherweise unüberbrückbare Welten. Warum schaffen Sie diesen Spagat?
Ryser: Weil das Buch nicht nur als authentisch, sondern auch als gut geschrieben gilt, interessiert es eben neben den eigentlichen Klienten viele Kreise. Ausserdem war ich ganz nahe an der Szene, und es gab in der Schweiz bisher keine Literatur darüber. Geholfen hat natürlich auch, dass ich bei der WoZ arbeite und den Zürcher Journalistenpreis gewonnen habe. Dadurch war mein Name bekannt.
In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie sich die Zürcher Hooligans in eine Welt abseits der Stadien zurückziehen, um ihre Kampfeslust auszuleben. Wohin wird das noch führen?
Ryser: Das weiss ich nicht. Der ganze Fussball ist heute ein grosser Hype und zieht viele schrägen Typen an, die nicht am Fussball interessiert sind. Wenn dieser Hype einmal abflaut, verkleinert das wohl auch wieder die Szenen jener, die wegen der Action kommen.
Sie kennen die Hooligans, über die Sie geschrieben haben, durch ihre Arbeit persönlich. Was meinen diese zu Ihrer Einschätzung?
Ryser: Einer meinte kürzlich, die Szenen würden nicht verschwinden. Denn sie seien ein Spiegel der Gesellschaft. Vielleicht hat er Recht. Denn das Problem hat auch einen erlebnisorientierten Aspekt. Es gibt neben den gewaltorientierten Fans auch jene, die wie gesagt Action suchen und gar nicht mehr wissen, welchen Verein sie unterstützen. Das sind die negativen Auswüchse der Kommerzialisierung im Fussball. Es handelt sich gar um eine Pervertierung des Hooligan, der früher einmal einfach ein Fussballfan war. Ein Teil jener, die in Feld, Wald und Wiese ihren Kampfsport betreiben, stammen nicht aus Fankreisen, sondern wurden rekrutiert, weil sie gute Schläger sind. Sie werden sich abspalten oder verschwinden. Das ist eine neue Entwicklung.
Neben dem Spagat vom Hooligan-Stoff zur NZZ vollziehen Sie einen weiteren gerade jetzt. Als Journalist schreiben Sie über Fussball oder Militär, als Blogger über Drogen und Musik. Jetzt führen Sie ein Gespräch für thurgaukultur.ch. Wie fühlen Sie sich dabei?
Ryser: Gut. Aber ich habe zurzeit wenig Beziehung zur Thurgauer Kultur. Der lässigste Ort, der mir bekannt ist, ist das „KAFF“ in Frauenfeld. Hier arbeitet im übrigen auch die schönste Barkeeperin des Kantons. Über die Anfrage von thurgaukultur.ch habe ich mich aber sehr gefreut. Es ist gut, dass es diese Website und ihren Blog gibt. Der Thurgau muss versuchen, Themen selber zu besetzen. Es deprimiert mich, dass der Kanton keine eigene Zeitung mehr hat. Es ist aber eben extrem wichtig, dass nicht alles von aussen kommt und von Zürich oder St. Gallen gesteuert ist.
Sie selber arbeiten ebenfalls „aussen“, sind nach ihren beruflichen Anfängen beim Tagblatt in Kreuzlingen über St. Gallen nach Zürich gezogen. Könnten Sie sich denn vorstellen, wieder im Thurgau Journalist zu sein?
Ryser: Ja klar. In zehn bis fünfzehn Jahren kehre ich zurück. Ich sehe meine Arbeit als Buchautor, Bundeshausreporter und rasender Reporter als wunderbare Vorbereitung für die Arbeit als kritischer Reporter im Lokalen. Nichts ist wichtiger und spannender als kritischer Lokaljournalismus.
Sie sind auch Künstler. Sie waren unter dem Namen Göldin erfolgreicher Slam-Poet, heute werden Sie Sprachperformer genannt, der seine Texte mit Musik hinterlegt. Als solcher würden Sie die Ostschweiz in Stücke hauen, heisst es in einem Bericht der WoZ. Ist das eine gute Voraussetzung für Lokaljournalismus?
Ryser: Was da geschrieben stand, ist Unsinn – auch wenn es in der WoZ stand. Ich habe zwar einen radikalen Ruf, gelte aber als integer, weil die Inhalte am Schluss einfach stimmen. Das ist extrem wichtig. Man haut die Heimat nicht in Stücke, nur weil man sich kritisch mit ihr auseinandersetzt. Man schlägt nichts kaputt, das man liebt. Aber es ist die Aufgabe des Reporters, objektiv zu hinterfragen, und es gibt nichts Schwierigeres, als im Lokalen die Distanz zu wahren.
Was genau lieben Sie an Ihrer Heimat?
Ryser: Vorläufig schätze ich noch die kleinen Annehmlichkeiten von Zürich. Da gibt es zum Beispiel eine extrem gut sortierte Videothek, von der man bis 22 Uhr die besten Filme ausleihen kann. Es geht um kleine Sachen, nicht um Party. Aber am Thurgau liebe ich die wunderschöne Landschaft. Ich bin in Steckborn direkt neben dem Turmhof aufgewachsen und konnte als Bub aus dem Stubenfenster in den Untersee springen. Ich war da auch eine grosse Junghoffnung des FC Steckborn, bis sich meine Fussballkarriere verlaufen hat, weil meine Eltern für drei Jahre nach Frankfurt zogen. Ich bin immer noch nahe dran am Thurgau, lese regelmässig den Boten vom Untersee und möchte hier auf jeden Fall wieder einmal leben.
Über den Turmhof und seine Gönnerin haben Sie in der WoZ geschrieben.
Ryser: Ja, das hat mich gereizt. Auch wenn es nicht gerade einfach war, weil sich der Stadtpräsident wie ein Dorfkönig aufgeführt hat und mir erzählen wollte, wie ich zu arbeiten habe. Man macht sich dabei viele Feinde, aber auch Freunde. Die einen gratulieren einem zu solch einem Artikel, die anderen wechseln die Strassenseite. Damit muss man umgehen können, dass Freunde plötzlich Feinde werden. Ich habe übrigens einen guten Draht zur SVP - in Bern und im Thurgau.
Zur SVP?
Ryser: Richtig. Das hat damit zu tun, dass die SVP-Mitglieder Journalisten gegenüber oftmals offener sind als Linke, auch wenn sie wissen, dass man ihnen kritisch begegnet. Das hat sich sogar Ueli Maurer als Bundesrat bewahrt. Mit Moritz Leuenberger kann man ja nicht normal reden. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Hier redet der Reporter. Ich würde trotzdem nicht SVP wählen. Nicht einmal wegen der Thurgauer Linie. Ich kann mit dem ausgrenzenden, oftmals hetzerischen stalinistischen Diktat der Zürcher SVP-Sektion nichts, aber auch gar nichts anfangen.
Ist das mit dem guten Draht zur SVP auch in St. Gallen so? Sie recherchieren dort zum Debakel rund um die AFG-Arena, in das auch Thurgauer involviert sind. Was ist Ihre Prognose?
Ryser: Es überschlagen sich gerade die Ereignisse. Das Stadtparlament hat den Beitrag von 2 Millionen Franken zur Entschuldung der Arena-Gesellschaften abgelehnt. Aber in St. Gallen geht es nicht um die SVP, sondern um FDP-Rotarier. Da ist das Augenmass verloren gegangen. Ich erwarte deshalb, dass viele Leute weggesprengt werden.
Ihre Sprache ist intensiv! In Ihrem Blog nationofswine nennen Sie sich Dr. Gonzo und Raoul Duke. Die Namen sind Büchern des amerikanischen Kult-Autoren und Journalisten Hunter S. Thompson entnommen. Thompson hat in der Hippie-Zeit den Gonzo-Journalismus erfunden. Er bezeichnet den Stil als einen „professionellen Amoklauf“, der eine extrem subjektive Sicht ermögliche. Sind Sie ein Gonzo-Journalist?
Ryser: Ich suche tatsächlich ein intensives Lebensgefühl. Bei Thompson hat mich schon mit 20 Jahren die Verbindung von Tempo und Tiefgang fasziniert. Und Tiefgang hat die Figur des Dr. Gonzo. Mit Amok hat das bei mir nichts zu tun. Ich will einfach der Wahrheit näher kommen.
Gehören zu diesem intensiven Lebensgefühl auch Drogen? Darüber wird im Blog von Dr. Gonzo jedenfalls viel geschrieben.
Ryser: Für Thompsons Generation war Heroin die angesagte Droge. Sie hat unter den Hippies viel Kreativität hervorgebracht. Meine Generation kifft. Und um die jüngere Generation mache ich mir Sorgen, weil Speed, Koks und Gras in Verbindung mit Alkohol ein gesteigertes Aggressionspotenzial zur Folge haben. Kokain macht sehr süchtig, ist aber eher die Droge der Etablierten und der nachkommenden Hooligans.
Und Sie selber?
Ryser: Ich habe mit 25 erstmals Drogen ausprobiert. Bei der Arbeit geht das aber nicht. Ich treibe zudem mit einem intensiven Konditionstraining viel Sport.
Dr. Gonzo, der permanent berauscht ist, ist also kein Deckname für Daniel Ryser?
Ryser: Der Name Dr. Gonzo ist eher ein Witz, und der Blog nationofswine ein grosses Experiment. Er verbindet sehr seriöse Stoffe und aktuelle Verbindlichkeiten mit Launenhaftem. Die Mischung aus subjektiven kulturellen Beiträgen und knallharten lokalen und bundespolitischen Recherchen ist etwas schräg.
Sie erhalten aber wenig Kommentare. Ist der Blog für Sie Selbstzweck?
Ryser: nationofswine ist kein Diskussionsblog. Ich bin nicht auf die Kommentarfunktion aus. Mit einem Blog ist man einfach flexibler und schneller. Die Primeurs sorgen dann über Facebook und via Zeitungsredaktionen für Wirbel.
Eine Art Online-Zeitung also? Könnten Sie sich das auch für den Thurgau vorstellen?
Ryser: Ja, das könnte eine Chance sein, vorausgesetzt, sie wäre kein Dienstleistungsforum, auf dem der Konsument bestimmt. Denn so enthauptet man sich als Journalist ja selbst.
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In Steckborn aufgewachsen
Daniel Ryser ist 1979 geboren und in Steckborn aufgewachsen. Seine journalistische Laufbahn begann er in Kreuzlingen beim damaligen Mittelthurgauer Tagblatt, vier Jahre lang war er beim St. Galler Tagblatt in der Stadtredaktion tätig und wechselte dann 2005 als Inlandredaktor zur linken Zürcher Wochenzeitung WoZ. 2008 wurde er für ein Interview mit dem Fussballer Ivan Ergic in der Kategorie Nachwuchs mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet.
Als Mitherausgeber zeichnete er 2007 für den Band „Espenmoos. Fussball und Fankultur“, Anfang 2010 erschien das Buch „Feld-Wald-Wiese“, in dem Ryser die Kampftreffen der Zürcher Hooligans weit ab vom Fussballstadion schildert. Den Blog nationofswine betreibt er zusammen mit Carlos Hanimann.
Auch musikalisch ist Daniel Ryser kein Unbekannter. 1995 begann er zu rappen, als einer der ersten Schweizer Poetry-Slamer erhielt er ab 2001 unter dem Namen Göldin diverse Preise. Heute pflegt er die Sparte Spoken Word. Sein neues Album heisst CSI:Appenzell. (ho)

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