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12 Gedanken, um die Welt zu verändern

12 Gedanken, um die Welt zu verändern
"Wir können mehr ertragen, als die Politik uns zutraut": Maike Sippel, Professorin für Nachhaltigkeit, im Interview mit thurgaukultur.ch | © Torben Nuding

In ihrem neuen Buch entwirft die Ökonomin Maike Sippel konkrete Ideen für eine bessere Zukunft. Ein Gespräch über Selbstwirksamkeit, leisen und lauten Mut – und warum wir uns mehr zutrauen sollten. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Frau Professorin Sippel, Sie haben ein Handbuch fürs Zukunftgestalten geschrieben. Wie kam es dazu?

Die ersten Gedanken hatte ich während der Pandemie, die konkrete Arbeit daran fing aber später an. Ende 2022 bekam ich eine Kolumnenanfrage von der taz, aber ich merkte: Die Themen passen besser in einen grösseren Überblickartikel. So entstand ein Beitrag mit zwölf Gedanken um die Welt zu verändern. Zentral war für mich, was mich auch im Lehralltag mit den Studentinnen und Studenten beschäftigt: Was kann man Menschen in diesen Zeiten von Krise und Wandel mitgeben, damit sie handlungsfähig sind und sich als Teil der Lösung sehen? 

Und was wäre das?

Der entscheidende Punkt ist: Es geht nicht nur um Wissen, sondern um Haltung und ums konkrete Anpacken. Für mich war das Buchschreiben so ein kopfgesteuertes und gleichzeitig beherztes Anpacken. Nach dem taz-Artikel kamen nämlich viele Zuschriften und Vortragsanfragen. Bei einer Keynote stand dann jemand auf und sagte: „Wollen Sie nicht ein Buch dazu schreiben?" Erst dachte ich: das ist viel zu viel Arbeit und wer liest es dann? Aber dann hat diese Idee einen Sog entwickelt und ich hab mich hingesetzt und mit dem Schreiben angefangen. 

„Wir stellen jetzt die Weichen für die Überlebensbedingungen auf dieser Erde in den nächsten tausenden Jahren und die Einschläge der Klimakrise kommen ja jedes Jahr näher. Da hilft es nichts, den Kopf in den Sand zu stecken.“

Maike Sippel, Professorin für Nachhaltigkeit und Transformation an der HTWG Hochschule Konstanz.

Wie wir mit der Herausforderung durch die Klimakrise umgehen ist ein zentrales Thema ihres Buches. In der öffentlichen Wahrnehmung spielt die Klimakrise allerdings gerade nicht mehr eine so grosse Rolle. Viele Menschen sind davon eher genervt. Wie kommen wir aus diesen verhärteten Fronten wieder heraus? 

Idealerweise ohne konfrontativ zu sein, ohne anzugreifen, aber trotzdem die Themen realistisch darlegen und zeigen, worauf es jetzt ankommt und wie wir das gemeinsam schaffen können. Wir stellen jetzt die Weichen für die Überlebensbedingungen auf dieser Erde in den nächsten tausenden Jahren und die Einschläge der Klimakrise kommen ja jedes Jahr näher. Da hilft es nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Mein Buch gibt Mut für Leute, die schon unterwegs sind auf diesem Veränderungspfad, aber es schlägt auch die Brücke zu Leuten, die sich mit der Notwendigkeit von Aufbruch und Wandel erst noch anfreunden müssen.

An wen richtet sich das Buch?

An alle, die spüren, dass der Wandel in der Luft liegt. Dass es nicht endlos so weitergeht wie bisher. Menschen, die sich fragen: Was ist mein Platz? Bin ich dem einfach nur hilflos ausgeliefert, oder kann ich etwas tun?

Viele ziehen sich aber zurück, blenden die Welt aus, machen es sich daheim gemütlich. Selbst ich schaue viel weniger Nachrichten als früher.

Das kenne ich. Aber die Lage der Welt ist ja nicht gottgegeben. Durch unser Handeln entsteht, was Zukunft wird. Es kommt also auf uns an, darauf, was wir aus der Zukunft machen.

 

Mehr über Maike Sippel & Lesetermin

Maike Sippel (*1976), studierte Architektin, promovierte Ökonomin, Mutter dreier Teenager, ist seit 2013 Professorin für Nachhaltigkeit und Transformation an der Hochschule Konstanz. In ihrer Arbeit geht es nicht nur um wirtschaftliche Strukturen, sondern auch um unsere Rolle als Konsument:innen und Bürger:innen.

In ihrem aktuellen Buch „Die Welt, der Wandel und ich“ (erschienen im Herder Verlag) zeigt sie, dass Veränderung nicht nur durch Politik und Wirtschaft entsteht, sondern auch durch uns selbst – durch unsere Werte, Gewohnheiten und Konsumentscheidungen. Als Autorin verbindet sie wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Beispielen und spricht damit ein breites Publikum an.

Lesung aus dem Buch am Freitag, 16. Januar, 20 Uhr, in Radolfzell. Eintritt frei, Reservationen möglich.

 

Was wäre der nächste Schritt für jemanden, der überlegt: Was könnte ich tun?

Zwei Dinge sind wichtig: Fussabdruck und Handabdruck. Der Fussabdruck – das ist der eigene Lebensstil: Mobilität, Ernährung, Energieverbrauch. Wer sich da auf die persönlichen grossen Baustellen fokussiert, kann beim Klimaschutz doppelt so gut werden wie der Durchschnitt. Aber unter die Hälfte kommt man derzeit kaum. Das berechnen wir mit Studenten. Selbst die Engagiertesten landen bei vier, fünf Tonnen CO₂ – das ist aktuell eine Art nicht direkt beeinflussbarer Grundstock an Emissionen, wegen der vielen Verbrennungsprozesse in der Produktherstellung weltweit.

 

„Durch unser Handeln entsteht, was Zukunft wird.“

Maike Sippel, Professorin für Nachhaltigkeit und Transformation an der HTWG Hochschule Konstanz. (Bild: Torben Nuding)

Und dann kommt der Handabdruck ins Spiel?

Genau. Ich bin ja nicht nur Konsumentin, sondern auch Bürgerin in einer Demokratie. Da gehört Ehrenamt dazu, bürgerschaftliches Engagement. Die Frage: Wo kann ich Einfluss nehmen? Wenn es in meinem Ort keine Busverbindung gibt, kann ich das in der Bürgersprechstunde ansprechen. Eine Studentin hat bei ihrem Fußballverein dafür gesorgt, dass es neben der Fleischbratwurst auch eine vegetarische Variante gibt, am Wochenende neben dem Spielfeld. Ein anderer hat eine Fotovoltaikanlage für seine Firma geplant. Jeder von uns hat so ein Umfeld – und da wo wir eh unterwegs sind, können wir gut etwas anstossen.

Aber heisst es nicht oft: Alleine können wir nichts ausrichten, es braucht übergeordnete Regeln, die Politik muss das regeln?

Klar, es braucht nachher auch die Politik. Aber uns halt auch. Es gibt ein Modell vom Wissenschaftlichen Beirat für globale Umweltveränderungen, wie der Wandel funktioniert. Danach braucht es für den Wandel zwei Dinge. Erstens Pioniere des Wandels. Das sind Menschen, die loslaufen, oder Unternehmen, die Vorreiter sind. Sie probieren aus, und zeigen: Das geht. Sie verschieben, was als „normal“ gilt. Als Zweites braucht es politische Rahmenbedingungen, also Änderungen der Spielregeln, damit das, was die Pioniere erproben und vormachen in die Breite kommt. Hier ist also die Politik gefragt. Und dass Politik ins Handeln kommt, wird eben auch dadurch beeinflusst, wenn immer mehr Menschen sichtbar machen, dass es auch anders geht und dass ihnen der Wandel wichtig ist. Dann ist das ein sich selbst verstärkender Kreis.

Sie schreiben viel über Mut. Warum ist Mut so zentral?

Es wäre ja am gemütlichsten, wenn alles bleibt, wie es ist. Vermutlich sagen deshalb viele Politiker nicht, dass wir jetzt grosse Veränderungen brauchen - sie denken, die Leute wollen das nicht. Da braucht es also Mut. Und es braucht für jeden von uns Mut, der Realität in die Augen zu schauen. Wenn man sich die Umweltkrise anschaut – was da heute schon kaputt geht, und wo das hinlaufen kann. Das an sich ranzulassen, nicht wegzulaufen – das braucht Mut. 

 

„Dass Politik ins Handeln kommt, wird eben auch dadurch beeinflusst, wenn immer mehr Menschen sichtbar machen, dass es auch anders geht und dass ihnen der Wandel wichtig ist. Dann ist das ein sich selbst verstärkender Kreis.“

Maike Sippel, Professorin für Nachhaltigkeit und Transformation an der HTWG Hochschule Konstanz.

Okay, aber passiert ist dann immer noch nichts.

Dann braucht es Mut, im Denken auszubrechen: Wie könnte es eigentlich sein? Wie die Dinge heute sind – das ist nicht alternativlos. Und dann das eigene Handeln und mitgestalten auszuprobieren und dabei nicht locker zu lassen, immer wieder aufzustehen. So ein leiser Mut, einfach weiterzumachen. Und vielleicht auch ein lauter Mut: Andere mitzunehmen, zu zeigen, dass diese Richtung Sinn macht.

Sie sprechen auch davon, dass wir als Gesellschaft mehr ertragen können, als uns die Politik zutraut.

Ich denke schon. Die Politik hat uns lange nicht zugetraut, dass wir gemeinsam dieses grosse Projekt angehen können, bei dem wir eben auch raus aus der Komfortzone müssen. Dabei sind ja im Leben wenige Dinge zumutungsfrei. Eltern werden macht glücklich, aber nachts mehrmals aufstehen ist auch eine Zumutung. Ein Studium ist anstrengend, aber es ist ein Invest. Man weiss, wofür man es tut.

Also war die Mutlosigkeit der Politik vor der Veränderungsangst der Menschen?

Irgendwie verstärkt das eine das andere, aber man kann diesen Zirkel durchbrechen. Wichtig ist für Politik zu wissen: Man kann den Menschen etwas zumuten. Wenn man das Gefühl hat, als Teil der Gesellschaft auf dem richtigen Weg zu sein, dann kriegen wir das hin. Den Mut, das auszuprobieren – den hat die Politik zu lange nicht gehabt. 

„Die Politik hat uns lange nicht zugetraut, dass wir gemeinsam dieses grosse Projekt angehen können, bei dem wir eben auch raus aus der Komfortzone müssen. Dabei sind ja im Leben wenige Dinge zumutungsfrei.“

Maike Sippel, Professorin für Nachhaltigkeit und Transformation an der HTWG Hochschule Konstanz.

Der Stil Ihres Buches ist besonders – wissenschaftlich fundiert, aber zugänglich.

Das war mir wichtig. Ich habe mit dem Lektor diskutiert, weil er meinte, die Quellenverweise sollten raus. Aber ich bestand darauf: Die mussten drin bleiben, das Buch basiert schließlich auf wissenschaftlichen Fakten. Es gibt zu jedem der zwölf Kapitel einen Hauptteil, der den Kerngedanken des Kapitels etwas ausführlicher darstellt – aus historischer, philosophischer, gesellschaftlicher und psychologischer Perspektive. Dann kommt zu jedem Gedanken die Einordnung: Warum ist das überhaupt wichtig? Und dann gibt es in jedem Kapitel eine Geschichte von einer echten Person, die den Gedanken bereits umsetzt – eine Art Story-Telling das zeigt: Ach, schau mal, das sind ja Menschen wie du und ich, die machen das einfach schon. Es entsteht das Gefühl, dass man es vielleicht selbst mal ausprobieren könnte.

Nach jeder Geschichte gibt es dann noch abschliessend eine Reflexionsaufgabe. Woher kam die Idee dazu?

Aus einem Reading Circle in Oxford, wo ich fünf Monate zum Thema Klimakommunikation geforscht habe. Wir haben über 28 Tage jeder dasselbe Buch mit 28 Kapiteln gelesen und jedes Kapitel hatte Reflexionsfragen, wo es um die Verknüpfung des Gelesenen mit dem eigenen Leben ging. Die Fragen hat jeder für sich beantwortet. Wir haben uns dann einmal in der Woche getroffen und unsere Gedanken zu den letzten 7 Kapiteln geteilt. Das war für mich eine echte Learning Journey. Ich dachte: So ein cooles Format – das möchte ich auch.

 

Aug in Aug mit dem Dino: Maike Sippel, Professorin für Nachhaltigkeit an der HTWG Konstanz. Damit es uns nicht wie den Dinos geht, hat Maike Sippel ein Buch über den Mut zur Veränderung geschrieben. Den Dino hat ihre Tochter am White Board ihres Büros hinterlassen. Bild: Michael Lünstroth

„Wichtig ist für Politik zu wissen: Man kann den Menschen etwas zumuten. Wenn man das Gefühl hat, als Teil der Gesellschaft auf dem richtigen Weg zu sein, dann kriegen wir das hin.“

Maike Sippel, Professorin für Nachhaltigkeit und Transformation an der HTWG Hochschule Konstanz.
 

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