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Wie ein Film, nur als Buch

Wie ein Film, nur als Buch
Aus der Graphic Novel Heimat von Birgit Weyhe | © Michael Lünstroth

Graphic Novels verbinden filmisches Erzählen mit Literatur. Eine Ausstellung in Konstanz zeigt bis 15. März, warum das Genre boomt – und wie Erinnerung in Bildern eindrücklich erzählt wird.(Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Manchmal hilft ein Blick auf die Zahlen, um zwischen Trend und Hype zu unterscheiden. In den USA steigen die Verkäufe von Comics und Graphic Novels seit Jahren, die Umsätze liegen längst im Milliardenbereich. In Frankreich und Belgien ist der Anteil des Genres am Buchmarkt traditionell hoch – aktuell bei rund 14 Prozent. In Italien wiederum haben sich die Verkaufszahlen zwischen 2019 und 2025 verdreifacht. Und selbst im deutschsprachigen Raum zeigt sich dieser Trend inzwischen deutlich: Laut Branchenberichten hat der deutsche Comic- und Graphic-Novel-Markt in den letzten Jahren Rekordumsätze erzielt und den Anteil von Graphic Novels am Buchmarkt verdoppelt.

Klar: Die Zahlen für einzelne Bestseller sind noch überschaubar. Die 2024 in Grossbritannien meistverkaufte Graphic Novel – ein Manga aus der Reihe „Jujutsu Kaiser“ – wurde 13’602 Mal gekauft. In anderen Buchgenres zählt man damit kaum zu den Stars. Und dennoch zeigen die wirtschaftlichen Daten: Auf dem Markt bewegt sich etwas. Graphic Novels, manchmal etwas verkürzend als Comics für Erwachsene bezeichnet, sind ein beliebter Trend bei Leser:innen.

Video: Zur Einführung: Was ist eine Graphic Novel?

International ausgezeichnete Künstler:innen zeigen, was Graphic Novel kann

Wer wissen will, warum das so ist und worin die Faszination des Genres liegt, findet in Konstanz noch bis Mitte März eine gute Adresse, um dieser Frage nachzugehen. Im etwas versteckt hinter dem Kulturzentrum am Münster gelegenen Turm zur Katz engagiert sich das städtische Kulturamt um Kuratorin Anna Martinez seit Jahren dafür, die oft vergangenheitsfixierte Konstanzer Ausstellungslandschaft um zeitgenössische Blickwinkel zu erweitern.

Aktuell geschieht dies mit der vom Kunsthaus Wiesbaden (Kurator: Jakob Hoffmann) übernommenen Ausstellung „Zeit zeichnen. Comic & Erinnerung“. Im Mittelpunkt stehen vier international ausgezeichnete, deutschsprachige Autor:innen und ihr Zugang zur Graphic Novel: Hannah Brinkmann, Tobi Dahmen, Nora Krug und Birgit Weyhe.

 

Besucherinnen in der Ausstellung „Zeit zeichnen. Comic & Erinnerung“ im Konstanzer Turm zur Katz. Bild: Torben Nuding

Im Zentrum: Erinnerungen an schwere Zeiten

Wie der Titel der Ausstellung nahelegt, beschäftigen sich alle vier Künstler:innen mit dem Thema Erinnerung. Hannah Brinkmann zeichnet den Lebensweg des Holocaust-Überlebenden Ernst Grube nach, Tobi Dahmen erzählt die Geschichte des syrischen Flüchtlings Akram Al Saud. Nora Krug arbeitet die NS-Geschichte ihrer Familie auf, während Birgit Weyhe auf das Schicksal der Studentin Elisabeth Käsemann blickt, die aufgrund ihrer politischen Aktivitäten 1977 in Argentinien hingerichtet wurde.

Auf den oberen drei Etagen des leider immer noch nicht barrierefrei zugänglichen Turms zeigt die Ausstellung nicht nur Szenen aus den einzelnen Werken, sondern gewährt auch Einblicke in den kreativen Prozess der Autor:innen. In Vitrinen liegen Skizzenbücher, an den Wänden finden sich Erläuterungen, und an Hörstationen erklären die Künstler:innen im O-Ton ihre Arbeitsweise und ihre Perspektive auf zentrale Fragen des Genres. Das hilft besonders Besucher:innen, die noch wenig vertraut sind mit Graphic Novels. Aber auch Kenner:innen gewinnen aus den Gesprächen neue Details.

 

Erscheint erst im Mai, hier gibt es erste Einblicke in Tobi Dahmens „Al Fazia – das Grauen. Überleben in Syriens Gefängnissen“. Bild: Michael Lünstroth

Erste Einblicke in ein noch nicht erschienenes Werk

Bemerkenswert ist, dass mit Tobi Dahmens „Al Fazia – das Grauen. Überleben in Syriens Gefängnissen“ auch eine Graphic Novel gezeigt wird, die noch gar nicht erschienen ist. Sie kommt erst Ende Mai im Carlsen Verlag auf den Markt. Ausstellungsbesucher:innen können hier also einen ersten Blick auf ein Werk werfen, das erschütternd, berührend und zugleich hoffnungsvoll ist. Dahmen erzählt gemeinsam mit dem syrischen Flüchtling Akram al Saud dessen Flucht aus dem Folterstaat Syrien unter dem Assad-Regime.

Besonders spannend: Dahmen thematisiert innerhalb der Geschichte auch seine eigene künstlerische und journalistische Arbeit. Er zeigt, wie aus dem Kontakt zu Akram al Saud die Graphic Novel Seite für Seite entstanden ist.

Nora Krug fragt sich in ihrem Buch „Heimat – ein deutsches Familienalbum“ unter anderem: „Was für eine Familie wären wir, wenn kein Krieg gewesen wäre?“ Mit dieser Frage im Kopf begibt sie sich auf die Suche nach Antworten. Sie erzählt die Geschichte ihrer Familie in der NS-Zeit in Collagen aus Fotografien, Archiv- und Flohmarktfunden der Kriegsjahre sowie aus eigenen Zeichnungen. Ergänzt wird das Persönliche durch einen „Katalog deutscher Dinge“, in dem die seit Jahren in New York lebende Künstlerin Dinge bündelt, die für sie Deutschland verkörpern. In einer Vitrine lassen sich die akribischen Vorarbeiten der Autorin betrachten – teilweise mit den braunen Rändern von Kaffeetassen versehen.

 

Die Ausstellung zeigt auch den Prozess vor dem fertigen Buch. Hier Skizzen von Hannah Brinkmann zu „Zeit heilt keine Wunden. Das Leben des Ernst Grube“. Bild: Michael Lünstroth

Was die Ausstellung besonders gut macht

Ihre Stärke entfaltet die Ausstellung genau in diesen Momenten: wenn sie den künstlerischen Prozess sichtbar macht, das Schwere mit dem scheinbar Leichten verbindet und zeigt, wie sehr die Graphic Novel ein verschmolzenes Amalgam aus Literatur, Zeichnung, Kunst und Film ist. Hannah Brinkmann nutzt dieses Potenzial in „Zeit heilt keine Wunden. Das Leben des Ernst Grube“ intensiv – besonders in der Gegenüberstellung der Geschichte des Holocaust-Überlebenden Grube und jener des Richters Kurt Weber, der auf zwei sehr unterschiedlichen Ebenen in dessen Leben eingreift.

Noch eindrücklicher gelingt dies Birgit Weyhe. In ihrer Graphic Novel „Schweigen“ über die Militärdiktatur in Argentinien arbeitet sie meisterhaft mit klassischen filmischen Mitteln wie Zooms, Überblendungen und expressiven Darstellungen innerer Gemütszustände. Wenn die Worte für das Geschehene fehlen, übernehmen die Bilder: Sie vermitteln Gefühle unmittelbarer, als Sprache es vermag.

 

Filmische Mittel im Buch: Szene aus Birgit Weyhes "Schweigen". Bild: Michael Lünstroth

Wenn die Geschichte plötzlich greifbar wird

Und wenn das nicht reicht, greift die Ausstellung zu einem kuratorischen Trick. Sie holt das Thema in den Ausstellungsraum hinein und schlägt so eine Brücke zwischen den Bildern an den Wänden und den Bildern in den Köpfen der Besucher:innen. Etwa dann, wenn die Grösse syrischer Gefängniszellen mit Klebe-Absperrband auf den Boden nachgezeichnet wird. Hier lässt sich körperlich erahnen, wie es sich anfühlen muss, mit vielen anderen Menschen auf engstem Raum eingesperrt zu sein.

„Zeit zeichnen. Comic & Erinnerung“ versammelt unterschiedliche Stile und Handschriften des Genres, eröffnet neue Perspektiven, gibt Einblicke in die Werkstätten der Künstler:innen und stellt relevante Fragen. Etwa diese: Wie viel Gewalt muss man zeigen, um das Thema zu vermitteln – und wo liegt eine Grenze? Aufgrund der schweren und teils gewaltvollen Inhalte eignet sich die Ausstellung nicht für jüngere Kinder. Für alle anderen ab 12 Jahren ist sie jedoch unbedingt sehenswert.

Die Ausstellung ist noch bis 15. März zu sehen. Die Öffnungszeiten: Di bis Fr: 10 bis18 Uhr; Sa & So 10 bis 17 Uhr. Eintritt: 5 Euro. Es gibt regelmässig Führungen (1. Februar und 1. März). Am 24. Februar, 19 Uhr, liest Tobi Dahmen im Wolkensteinsaal aus seiner Graphic Novel „Al Fazia – das Grauen. Überleben in Syriens Gefängnissen“.

 

Grosse Kunst: Szene aus Hannah Brinkmanns „Zeit heilt keine Wunden. Das Leben des Ernst Grube“. Bild: Michael Lünstroth

 

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