Seite vorlesen

Gemeinsam statt einsam

Gemeinsam statt einsam
Wollen die Thurgauer Kulturlandschaft mitgestalten: Kulturschaffende, die sich in der Sektion Thurgau der ig kultur ost engagieren. Im Bild bei einem Treffen zur Ausrichtung der kulturpolitischen Arbeit. | © zVg

In den vergangenen sieben Jahren hat die ig kultur ost manches für die Kultur in der Ostschweiz bewegt. Damit das so bleibt, braucht der Lobbyverein jetzt mehr Mitglieder. Auch aus dem Thurgau. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Lobbyarbeit machen, Stellung nehmen, Forderungen einbringen, sich einmischen – das waren die übergeordneten Ziele, als sich die Interessengemeinschaft Kultur Ost, kurz ig kultur ost, 2019 in St. Gallen gründete. Eine «Plattform für Austausch und für die Vernetzung von Interessen» sollte entstehen. Heute, sieben Jahre später, ist vielleicht nicht alles davon gelungen, aber in den vergangenen Jahren ist doch eine hörbare neue Stimme in die Kulturlandschaft getreten. Lange vor allem in St. Gallen wahrnehmbar, seit zwei Jahren aber auch zunehmend im Thurgau.

Genau an diesem Punkt stellt sich jetzt die Frage: Und nun? «Die ig hat sich als ernst zu nehmender Partner auf regionaler wie auf nationaler Ebene etabliert. Die Verstetigung dieses Weges ist jetzt die grosse Herausforderung», sagt Celin Fässler. Die Kommunikationsexpertin ist seit 2025 neue Geschäftsstellenleiterin bei der ig. 2025 sei insgesamt ein Jahr der Transformation gewesen, sagt Fässler. Vor allem, weil sich die Strukturen und Aufgaben innerhalb der Organisation ändern mussten. Die Beratungsleistungen gegenüber Kulturschaffenden wurden getrennt von der kulturpolitischen Arbeit.

 

«Manchmal braucht es Mut, um Dinge zu verändern.»: Celin Fässler leitet die Geschäftsstelle der ig kultur ost. Ab Oktober erhöht sie ihr Pensum. Bild: Daniela Thielecke

Dringendes Ziel: mehr Mitglieder gewinnen

Der Hintergrund dazu: «Die ig kultur ost kann in Zukunft nicht mehr durch öffentliche Gelder finanziert werden – wegen des kulturpolitischen Schwerpunkts. Lobbyarbeit wird nicht gefördert», erklärt Celin Fässler. Während die Beratungsangebote und strategischen Kooperationen von dem neuen Verein «KulturNavi» übernommen werden, braucht es für die kulturpolitische Arbeit eine neue Finanzierung. Die Hoffnung hierbei: Gelingt es, mehr Mitglieder zu gewinnen, kann sich diese Arbeit vielleicht irgendwann selbst tragen.

Der Weg dahin ist aber weit. 2025 zählte die ig kultur ost 242 Einzelmitglieder sowie 78 Kollektivmitglieder. Rund 18’000 Franken nahm der Verein über die Mitgliedsbeiträge 2025 ein. Zum Vergleich: Die bisherige Förderung durch Stiftungen und Lotteriefonds lag 2025 bei 63’000 Franken. Für die Basisarbeit der Geschäftsstelle bräuchte es mindestens 40’000 Franken, erklärt Celin Fässler. Wenn das künftig über Mitglieder finanziert werden soll, bräuchte es mindestens eine Verdoppelung der Mitgliederzahlen. Deshalb werde die Akquirierung neuer Mitglieder eines der Hauptziele 2026 sein, so die ig-Geschäftsstellenleiterin. «Vor allem Mitglieder in den Kantonen Thurgau sowie beider Appenzell sollen noch stärker aktiviert werden», ergänzt Fässler.

Ein Aufbruchsignal aus der Geschäftsstelle

Um das zu ermöglichen, setzt die ig jetzt auch auf eine Stärkung der Geschäftsstelle. Fässlers Pensum wird ab 1. Oktober von 30 auf 60 Prozent erhöht. «Wir haben in den vergangenen Monaten gemerkt, dass es für eine kontinuierliche Netzwerkarbeit in die Kultur, aber auch in die Politik verlässliche Strukturen braucht. Mit der Erhöhung des Pensums in der Geschäftsstelle können wir unserer Aufgabe als Schnittstelle zwischen Kultur und Politik besser gerecht werden», sagt Celin Fässler. Sie versteht das auch als Aufbruchsignal in die Kulturszene hinein: «Wir sind bereit, für die Kultur zu kämpfen, weil es jetzt wichtig ist. Mit der Entscheidung bekennen wir uns klar dazu», sagt Fässler.

Gleichzeitig werden die Kulturschaffenden damit nicht aus der Verantwortung gelassen. Denn für die nachhaltige Finanzierung braucht die ig trotzdem mehr Mitglieder. Auch aus dieser Perspektive sei es sinnvoll, das Pensum in der Geschäftsstelle zu erhöhen, «weil wir diesen Prozess der Mitgliederakquise so professionell unterstützen und steuern können», sagt Fässler.

Idealerweise greife am Ende alles ineinander – die Pensenerhöhung hilft dabei, mehr Mitglieder zu gewinnen, und sichert so langfristig die kulturpolitische Arbeit der ig. Auf die Frage, ob das nicht auch eine riskante Strategie sei, antwortet Fässler: «Manchmal braucht es Mut, um Dinge zu verändern. Wir sind überzeugt, dass dies jetzt der richtige Weg ist, weil wir lieber agieren wollen, statt nur reagieren zu können.»

 

Gemeinsames Co-Präsidium: Kathrin Dörig und Jacques Erlanger engagieren sich bei der ig kultur ost.

Der Weg: Klinkenputzen und Beziehungsarbeit

Dass das nur gemeinsam mit den Kulturschaffenden in der Ostschweiz gelingt, das weiss auch Jacques Erlanger. Er ist Co-Präsident der ig kultur ost und hält die notwendige Verdoppelung der Mitgliederzahlen innerhalb von zwei Jahren für realistisch: «Wir müssen ganz viel Klinken putzen und Menschen direkt ansprechen. Wenn jedes bestehende Mitglied ein neues Mitglied wirbt, dann sollte das zu schaffen sein», so Erlanger.

Um mehr Menschen von der ig kultur ost zu überzeugen, wolle man in den nächsten Monaten auch die Relevanz der Interessengemeinschaft betonen. «Es muss für jede und jeden noch klarer werden, warum es uns braucht und warum Kulturschaffende bei uns Mitglieder sein sollten», so der Co-Präsident. Er leitet den Verein gemeinsam mit Kathrin Döring.

Was die Sektion Thurgau leistet

Ein Weg zu mehr Relevanz ist mehr Sichtbarkeit vor Ort. Im Thurgau soll dafür die neu gestartete Sektion Thurgau der ig kultur ost sorgen. Kulturschaffende wie Mirjam Wanner (Kuratorin Shed Eisenwerk), Noemi Signer (administrative Leiterin Theater Bilitz), Gino Rusch (KAFF), Mara Notter (KAFF) und Reto Müller (Kunstraum Kreuzlingen) engagieren sich hier, um die Einsamkeit der Kulturschaffenden durch mehr Gemeinsamkeit zu ersetzen. Im Thurgau gibt es für die ig noch Entwicklungspotenzial – bislang stammen nur rund 20 Prozent der Mitglieder von hier. Der weitaus grössere Teil kommt aus St. Gallen.

«Zusammen ist man immer stärker als alleine, deshalb freue ich mich, dass es uns gelungen ist, eine so aktive Gruppe für den Thurgau aufzubauen», sagt Marc Jenny, der die ig kultur ost vor sieben Jahren mitbegründet hat und ansonsten Musik- und Co-Verlagschef bei Saiten ist. Dadurch, dass viele Strukturen heute schon bereitstehen, laufe der Aufbau im Thurgau zügiger, als es in der Anfangszeit in St. Gallen gewesen sei, so Jenny.

In den vergangenen Monaten machte die ig kultur ost mit Stellungnahmen zu kulturpolitischen Themen wie den Sparrunden bei den kantonalen Museen sowie weiteren Kürzungsplänen der Politik auf sich aufmerksam. «Nebst der aktiven Teilhabe im Vernehmlassungsprozess zur Aufgaben- und Verzichtsplanung des Kantons fanden Gespräche mit dem Kulturamt sowie Vertreter:innen aus der Politik statt. Es tut sich was und das stetig!», sagte Noemi Signer im Gespräch mit thurgaukultur.ch.

 

Hat sich schon auf verschiedenen Bühnen für mehr kulturpolitischen Diskurs eingesetzt: Mirjam Wanner. Bild: Daniela Thielecke

So hat sich die ig positioniert im Thurgau

In der Vernehmlassung erläuterte die ig die Bedeutung von Kultur für den Kanton: «Die vorliegenden Pläne drohen, gewachsene Strukturen zu schwächen, die für die Lebensqualität und die Attraktivität des Thurgaus zentral sind. Wenn wir jetzt nicht bestimmt und vielstimmig Stellung beziehen, riskieren wir einen schleichenden Substanzverlust. Investitionen in die Kultur haben eine hohe Umwegrentabilität und stärken die regionale Wertschöpfung», so die ig in einer Stellungnahme. Auch zu weiteren Debatten wie der Verteilung der Lotteriefonds-Gelder hatte sich die ig kultur ost differenziert zu Wort gemeldet.

Gemeinsam mit uns von thurgaukultur.ch hat die ig auch in dem Dialogformat «Kultur trifft Politik» den Diskurs zwischen Politiker:innen und Kulturschaffenden ermöglicht. Das soll auch 2026 mit einer weiteren Ausgabe im November fortgesetzt werden.

Bildergalerie zu Kultur trifft Politik

Kultur trifft Politik No. 3: Speeddating

Ohne die Kulturschaffenden wird es nicht gehen

Wie sehr sich die Interessengemeinschaft auch künftig in das Kulturleben im Thurgau einbringen kann, das hängt am Ende von den Kulturschaffenden selbst ab. Das hatte die frühere Geschäftsstellenleiterin Ladina Thöny bereits vor zwei Jahren klargemacht: «Ohne die Thurgauer Kulturschaffenden wird es nicht funktionieren. Wir von der Geschäftsstelle stehen unterstützend zur Seite. Wir können unsere Lernerfahrung weitergeben, wir können administrativ helfen und unsere Plattform anbieten. Aber am Ende muss es Leute vor Ort geben, die sich einsetzen, kümmern und Themen setzen.»

So kannst du Mitglied werden bei der ig kultur ost

Die ig kultur ost unterscheidet zwischen Einzel- und Kollektivmitgliedschaften. Einzelmitglieder sind Einzelpersonen. Als Kollektivmitglieder gelten Kulturinstitutionen, Vereine, Verbände und sonstige juristische Personen des privaten Rechts oder Körperschaften und Stiftungen des öffentlichen Rechts. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, die Arbeit der ig als Gönner:in mit einem frei zu wählenden Betrag zu unterstützen.

 

Die Mitgliedsbeiträge: Die ig schreibt auf ihrer Website: «Wir bitten alle Kulturverbündeten, sich aufgrund ihrer aktuellen Lebenssituation selbst einzustufen. Ab 30/60/90 Franken pro Jahr für Einzelpersonen, ab 200/400/800 Franken pro Jahr für Institutionen.»

 

Hier kannst du dich anmelden.

 

 

 

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kulturpolitik

Kommt vor in diesen Interessen

  • Kulturförderung
  • Kulturvermittlung

Werbung

Ausschreibung «Freies Atelierstipendium»

Bewerbungsdauer: 1. Juli bis Mitte August 2026 über die digitale Gesuchsplattform der Kulturstiftung Thurgau.

Ähnliche Beiträge

Kulturpolitik

Leistungsschau des Thurgauer Kulturschaffens

Die Vergabefeier der diesjährigen Kulturförderbeiträge des Kantons zeigte einmal mehr, die Vielfalt und Lebendigkeit der Thurgauer Kulturszene. mehr

Kulturpolitik

Zehn Ideen für die Kultur von morgen

Die Kulturstiftung des Kantons Thurgau hat zehn Recherchestipendien vergeben. Aus 72 Bewerbungen wählte die Jury zehn Kulturschaffende mit Thurgau-Bezug aus, die je 10'000 Franken erhalten. mehr

Kulturpolitik

Auf der Höhe der Zeit

Kriegsfotografie, viel Tanz, Skulpturen, Sounddesign und Aquarelle – die Vergabe der diesjährigen Kulturförderbeiträge des Kantons zeigt die Breite des Thurgauer Kulturschaffens. mehr