von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 29.06.2026
Auf der Suche nach neuen Literaturstimmen

Mit «Passage» lanciert die Kulturstiftung des Kantons Thurgau ein neues Förderprogramm für literarische Nachwuchstalente. Bis zu vier Schreibende werden während eines Jahres von etablierten Autor begleitet. Bewerbungen sind ab 1. Juli möglich. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Obwohl allein im vergangenen Jahr mehr als 14’000 neue Bücher in der Schweiz erschienen sind, ist der Zugang in den Literaturbetrieb für neue Autor:innen immer noch sehr schwer. Um nur ein konkretes Beispiel zu nennen: Über 2000 unverlangt eingesandte Manuskripte landen jedes Jahr im elektronischen Postfach des Diogenes Verlags. Die Wahrscheinlichkeit, dass es eines dieser Manuskripte wirklich ins Verlagsprogramm schafft, ist sehr gering. Für neue literarische Stimmen ist das eine schlechte Nachricht.
Deshalb hat sich die Kulturstiftung des Kantons Thurgau entschieden, den literarischen Nachwuchs zumindest im Thurgau stärker zu fördern. «Passage» heisst das Projekt, das Nachwuchs-Autor:innen auf dem Weg zum professionellen Text helfen will. Ab November 2026 erhalten während eines Jahres bis zu vier Teilnehmende die Möglichkeit, mit einer etablierten Schweizer Autorin oder einem Schweizer Autor zusammenzuarbeiten. Die hierbei entstehenden Texte werden ab Mai 2027 bei thurgaukultur.ch veröffentlicht.
Wer sich für das Programm interessiert: Ab Mittwoch, 1. Juli, startet die Ausschreibung.
Für die Bewerbung werden benötigt:
* Textproben aus einem laufenden Projekt oder aus einzelnen literarischen Arbeiten (10–15 Seiten)
* eine kurze Beschreibung (max. 2 Seiten); Woran wird gearbeitet? Was soll im Mentorat entwickelt werden? Was wird von der Teilnahme erwartet und gewünscht?
* eine Kurzbiografie oder einen Lebenslauf
Bewerbungsschluss ist der 25. August 2026. Der Entscheid erfolgt bis zum 20. September 2026.
Eine unabhängige Jury beurteilt die Bewerbungen und trifft die Auswahl.
Gesuchseinreichung
Die Bewerbungsunterlagen können per Mail unter folgender Adresse eingereicht werden: passage@kulturstiftung.ch
Fragen?
Details zu Ablauf, Terminen, Mentor:innen, Auswahlverfahren und Teilnahmebedingungen sind in den FAQ auf der Internetseite der Kulturstiftung des Kantons Thurgau beschrieben.
Erinnerung an eine erfolgreiche Verlegerin: Woher der Nachlass stammt
Die Literaturvermittlerinnen Rebecca C. Schnyder und Judith Zwick leiten das Projekt gemeinsam. Ermöglicht wird das Ganze durch den Nachlass von Renate und Peter Nagel, den die Thurgauer Kulturstiftung erhalten hat. Renate Nagel war eine deutsch-schweizerische Verlagslektorin und Verlegerin des Buchverlags Nagel & Kimche.
Der Verlag, den sie gemeinsam mit Judith Kimche 1983 gegründet hatte, verstand sich als Literatur- und Autorenverlag. Ziel waren die kontinuierliche Werkpflege und die Neuentdeckung literarischer Talente. Zu den literarischen Neuentdeckungen des Verlages zählten unter anderem Gabrielle Alioth, Rolf Lappert, Mariella Mehr, Frederike Kretzen oder – zuletzt – Lukas Bärfuss und Melinda Nadj Abonji. 2023 war Renate Nagel im Alter von 86 Jahren in Frauenfeld gestorben.
Was der Titel «Passage» meint
Mit dem neuen Förderprojekt soll auch eine Brücke geschlagen werden - vom damaligen Erfolg des Verlages zu den neuen Stimmen von morgen. Der Titel «Passage» beschreibt so etwas wie einen Übergang, findet Judith Zwick. «Unser Projekt begleitet den Übergang vom Schreiben für sich selbst hin zu einem professionellen, an eine Öffentlichkeit gerichteten Schreiben», sagt Zwick. «Passage» verstehe sich als Einladung, «den nächsten Schritt zu wagen – mit Zeit, Aufmerksamkeit und Begleitung», ergänzt Schnyder.
Gesucht werden in dem Projekt Schreibende ab 18 Jahren mit Bezug zum Kanton Thurgau, die ihr literarisches Arbeiten vertiefen und professionell begleiten lassen möchten. «Ob bereits an einem konkreten Projekt gearbeitet wird oder Texte und Ideen noch im Entstehen sind: Entscheidend ist das ernsthafte Interesse am literarischen Schreiben», erklärt Rebecca C. Schnyder. Wichtig dabei noch: Bewerben können sich nur Personen, die noch keine Buchveröffentlichung in einem Verlag vorweisen können.
Was das neue Förderprojekt anders macht
Das neue Förderprojekt denkt dabei in drei Schritten: Zunächst die Sichtung und Auswahl der neuen literarischen Stimmen, danach die Arbeit an den individuellen Texten und schliesslich die Veröffentlichung der entstandenen Beiträge auf thurgaukultur.ch. Die ausgewählten Autor:innen bekommen also gewissermassen ein Gesamtpaket aller möglichen Erfahrungen und Erlebnisse geliefert, die ein Autor:innenleben bereithält.
Das unterscheidet das Projekt auch von anderen Literaturförderprogrammen, die einzelne Autor:innen oder Texte unterstützen. «Passage» soll auch der Versuch sein, Literaturförderung neu und nachhaltig zu denken. Im Fokus liegt die konkrete Arbeit an den Texten. «Das Mentorat bietet Raum für Austausch, professionelle Rückmeldung und die Weiterentwicklung der eigenen literarischen Stimme», sagt Judith Zwick.
* Ein mehrmonatiges individuelles Mentorat mit einer erfahrenen Autorin oder einem erfahrenen Autor: Regina Dürig, Simon Froehling, Laura Vogt, Levin Westermann
* vertiefte Arbeit am Schreiben – projektbezogen oder entwicklungsorientiert
* Veröffentlichung ausgewählter Texte im digitalen «Textfenster» auf thurgaukultur.ch
* öffentliche Präsentation im Rahmen einer Abschlusslesung
* ein Schreibstipendium (pauschal) von CHF 2'000.– sowie eine Spesenpauschale von CHF 500.–
Es werden bis zu vier Schreibende ausgewählt. Der Entscheid der unabhängigen Jury erfolgt bis zum 20. September 2026. Das Projekt startet dann im November 2026.
Erfolgreiche Autor:innen als Mentor:innen
Als Mentor:innen der ersten Ausgabe von «Passage» sind dabei: Regina Dürig, Simon Froehling, Laura Vogt und Levin Westermann. Allesamt renommierte und ausgezeichnete Autor:innen, die bereits erfolgreich mehrere Bücher veröffentlicht haben. Ob es schwer gewesen sei, die Autor:innen für das Projekt zu gewinnen? «Nein, gar nicht», sagt Judith Zwick, «alle waren mit grosser Begeisterung sehr schnell dabei.»
Welche:r Mentor:in auf welche:n Nachwuchs-Autor:in trifft, entscheidet sich nach Genre, Sprache, Alter und Thema der ausgewählten Stipendiat:innen. «Das werden wir konkret auswählen, sobald wir wissen, wer Teil des Programms sein wird», sagt Rebecca C. Schnyder. Insgesamt umfasse das Mentorat sechs bis maximal zehn Treffen über einen Zeitraum von maximal einem Jahr. Wichtig ist den Projektleiterinnen Schnyder und Zwick dabei aber auch, dass es möglichst viel Flexibilität für die einzelnen Tandems gibt. «Über das konkrete Wie und Wann der Zusammenarbeit entscheiden am Ende vor allem Mentor:in und Stipendiat:in», sagt Schnyder.
Wie thurgaukultur.ch das Projekt begleitet
Zugelassen sind Prosa, Lyrik, Drama, Spoken Word, essayistische Kurztexte sowie hybride und experimentelle Formate, in deutscher Sprache oder auf Mundart.
Damit die Texte nach der Arbeit nicht in der Schublade verschwinden, werden sie bei uns auf thurgaukultur.ch ab Mai 2027 veröffentlicht. Aber auch schon davor werden wir das Projekt eng begleiten: Wir stellen die ausgewählten Autor:innen vor und berichten regelmässig über den Stand des Vorhabens. Neben der digitalen Veröffentlichung bei uns planen Rebecca C. Schnyder und Judith Zwick zudem eine öffentliche Abschlusslesung mit allen Autor:innen und Texten im Frühsommer 2027.

Weitere Beiträge von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter
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