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«Ich habe immer zwei Leben gelebt.»

«Ich habe immer zwei Leben gelebt.»
«Ein Kurator hat mir mal gesagt: Ich setze dich extra neben die Künstlerinnen, die finden das cool, mit einem Biologen zu reden.» Hannes Geisser, Direktor Naturmuseum Thurgau, im grossen Abschiedsinterview. Das Foto zeigt ihn in der Sammlung mit einem Lieblingsexponat - einem Schnabeltier. | © Reto Martin

Als Biologe und Musiker hat Hannes Geisser das Naturmuseum immer interdisziplinär gedacht – mit Kunstschaffenden aus verschiedenen Sparten. Ein Gespräch über den Sound eines Museums, den Wert des Analogen – und den Abschied nach fast 30 Jahren. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)

Herr Geisser, im ersten Teil unseres Interviews haben wir viel über Politik und die Bedeutung von Museen für die Gesellschaft gesprochen. Blicken wir von dieser politischen auf die inhaltliche Ebene: Wie hat sich die Rolle von Museen in den vergangenen 30 Jahren verändert?

Als ich anfing, lag der Fokus klar auf der Ausstellung, Sammlungen wurden eher stiefmütterlich behandelt. In den letzten zehn Jahren haben unsere Sammlungen wieder enorm an Bedeutung gewonnen. Ich bin zum Beispiel eng in «SwissCollNet» involviert, ein grosses Digitalisierungsprojekt der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz und des Schweizer Naturmuseumsverbands, bei dem der Bund rund zwölf Millionen Franken gesprochen hat.

Was war das Ziel des Projektes?

Über zwei Millionen Objekte von 35 naturwissenschaftlichen Sammlungen der Schweiz wurden bis heute digitalisiert und online für die Forschung bereitgestellt, teils so hochwertig, dass etwa Typusexemplare nicht mehr um die halbe Welt verschickt werden müssen – das hat den wissenschaftlichen Wert der Sammlungen sichtbar gemacht, gerade mit Blick auf Fragen zu Biodiversitätsverlust und Klimawandel.

Hat sich die Arbeit mit der eigenen Sammlung im Naturmuseum über die Jahre auch konkret verändert?

Ja, stark. Es gab beispielsweise in vielen Naturmuseen in den 90ern eine Phase, in der man statt Präparatorinnen und Präparatoren zunehmend Tierpflegerinnen angestellt hat, weg vom Präparat, hin zu lebenden Tieren. Das verschwindet inzwischen wieder fast komplett, weil man es kaum noch stemmen kann – allein die Geräte für ein Meerwasser-Aquarium zu ersetzen, kostet schnell mehrere Zehntausend Franken. Auch im Naturmuseum Thurgau hatten wir in den 2000ern mehrere Terrarien und zwei grosse Aquarien in der Dauerausstellung. Diese sind mittlerweile verschwunden. Gleichzeitig hat die eigentliche Sammlung in den letzten zehn Jahren enorm an Bedeutung gewonnen, gerade auch durch Projekte wie «SwissCollNet». Heute verstehen wir die Sammlung als Naturarchiv des Kantons. Dazu zählen wir auch unser Museumsarchiv mit Tausenden von Dokumenten zu den Sammlungsobjekten, zu den Sammlerinnen und Sammlern und zur Institution Naturmuseum Thurgau. Beides zusammen ist ein einzigartiger Wissensfundus.  

 

«Heute verstehen wir die Sammlung als Naturarchiv des Kantons.» 

Hannes Geisser, scheidender Direktor Naturmuseum Thurgau (Bild: Reto Martin)

Die Vermittlung von Wissen spielt heute auch eine ganz andere Rolle als damals, oder?

Ja. Als ich von über 30 Jahren anfing, gab es den Begriff Museumspädagogik noch gar nicht. Heute hat praktisch jedes Museum eigene Vermittlungspersonen. Und Museen verstehen sich zunehmend als Kulturinstitutionen – bei uns haben Theater, Musik, Lesungen und Kunst einen festen Platz gefunden.

Sie sind nicht nur Biologe und Museumsdirektor, sondern auch Musiker. Wie klingt für Sie der Sound des Naturmuseums?

Der Sound besteht darin, dass wir Themen immer von unterschiedlichen Positionen aus betrachtet haben. Ich habe immer versucht, die Brille des Biologen regelmässig abzulegen, und ich glaube, das hat das Haus geprägt. Den Fokus habe ich sicher auf die bildende Kunst gelegt, wir haben etliche Projekte mit Kunstschaffenden gemacht. Und man kann wirklich sagen: Das Naturmuseum Thurgau ist meines Wissens die erste Naturmuseums-Institution der Schweiz, in der die Sammlungsleitung vor über 15 Jahren nicht einer Biologin, sondern einer Kulturwissenschaftlerin übergeben wurde. Diese tägliche kulturwissenschaftliche Sichtweise auf unsere Kernthemen, zusammen mit den gelegentlichen Exkursionen in die bildende Kunst – das macht für mich unseren Sound aus.

 

Was andere über Hannes Geisser sagen (3): Dominik Gügel, Direktor Napoleonmuseum Arenenberg

Dominik Gügel (Bild: Helmuth Scham), Direktor des Napoleonmuseum Thurgau auf dem Arenenberg, hat in den vergangenen Jahren immer wieder mit Hannes Geisser zusammen gearbeitet. Wie blickt er auf das Wirken des scheidenden Naturmuseum-Direktors?

«Wenn ich an Hannes Geisser denke, habe ich einen offenen, kreativen, ideenreichen und neugierigen Weltbürger vor Augen, der stets bereit ist, über den Tellerrand zu schauen. Er ist kein trockenenr Kultur- oder Museumsmenschen im Elfenbeinturm, wie man sie leider oft trifft. Das mag vielleicht daran liegen, dass Hannes auch ein begnadeter Musiker ist – bei so viel künstlerischer Veranlagung liegen ihm brillante Ideen und Ausführungen wahrscheinlich im Blut.» 

«Ich freue mich über jedes der vielen Projekte, die wir zusammen mit Hannes Geisser und seinem Team vom Naturmuseum verwirklichen durften.»

«Bei einem Austausch über gemeinsame Projekte mit dem und für das Napoleonmuseum skizzierte mir Hannes vor einigen Jahren sein Idealbild eines Universalgelehrten. Fröhlich pfeifend und lächelnd geht die Person (sein "alter ego"?) durch die Arenenberger Gärten, schwingt dabei seinen Spazierstock mit silbernem Knauf (wie früher üblich) und erklärt ihren Begleiterinnen und Begleitern die Natur in all ihren bewundernswerten Facetten.»

Warum war Ihnen diese Offenheit in Richtung anderer Disziplinen wichtig?

Ehrlich gesagt ist das einfach so passiert. Ich glaube, das hat ganz stark mit meinem eigenen Rucksack zu tun. Ich habe immer zwei Leben gelebt – bis heute definiere ich mich auch als Musiker. Meine erste Stelle war vielleicht prägend: Im Naturmuseum St. Gallen, Anfang der 90er, damals unter dem Dach des heutigen Kunstmuseums. Als ich mich beworben hatte, gab es 130 Bewerbungen, und mein späterer Chef sagte mir irgendwann, einer der Hauptgründe, wieso er mich genommen habe, sei, dass ich Musiker bin – er selbst komme mit den Kunstschaffenden nicht so gut klar, ich würde mich sicher besser mit ihnen verstehen. Genau so ist es dann auch gekommen.

 

«Ich habe immer versucht, die Brille des Biologen regelmässig abzulegen, und ich glaube, das hat das Haus geprägt.» 

Hannes Geisser

Gibt es aus der Zeit prägende Erinnerungen?

Klar. Ich habe mit Pipilotti Rist Kabel verlegt für Videoinstallationen, als sie noch lange nicht so bekannt war, wie jetzt. Ich habe einen Katalog von Erwin Wurm mit einer persönlichen Widmung, ich habe mit Lawrence Weiner auf einem schwankenden Gerüst Schriftzüge an die Wand montiert, war mit ihm zum Mittagessen, habe mit Manon und ihrem Pudel in einer Pizzeria nach der Vernissage gefeiert. Ein Kurator hat mir mal gesagt: Ich setze dich extra neben die Künstlerinnen, die finden das cool, mit einem Biologen zu reden. So bin ich in diese Welt hineingerutscht, und das hat mich immer fasziniert. Da fällt mir ein Punkt ein, den ich an meinem Abschied bedauere.

Welchen?

Wenn ich etwas bedauere, wenn ich gehe: dass ich nicht nochmal zehn Jahre habe, um in Sachen Interdisziplinarität noch mutiger zu werden, bis zu dem Punkt, wo man vielleicht sagt: Jetzt bist du einen Schritt zu weit gegangen. Ich glaube, gerade für Häuser unserer Grösse steckt darin ein grosses Potenzial.

Bei digitalen Vermittlungsstrategien waren Sie eher zurückhaltend. Warum?

Digital und analog sind für mich zwei verschiedene Paar Schuhe. Die Herausforderung ist, beide Welten so zu verbinden, dass wirklich ein deutlicher Mehrwert entsteht. Ich bin eigentlich recht digital-affin, ich habe da keine Berührungsängste. Aber ich habe immer nach echtem Mehrwert gesucht. Viele digitale Vermittlungsprojekte sind für mich «Digital Washing» – man macht etwas digital, weil es zeitgemäss wirkt, nicht weil es besser wird.

 

«Ein Kurator hat mir mal gesagt: Ich setze dich extra neben die Künstlerinnen, die finden das cool, mit einem Biologen zu reden. So bin ich in diese Welt hineingerutscht, und das hat mich immer fasziniert.» 

Hannes Geisser (Bild: Reto Martin)

Sie haben also bewusst abwartend agiert?

Ja, vielleicht rückblickend sogar zu zurückhaltend. Wir haben durchaus auch Dinge ausprobiert, die dann komplett gefloppt sind – das gehört dazu, dann weiss man wenigstens, dass man es nicht nochmal so machen muss. Am Schluss ist es auch eine Ressourcenfrage: Digitale Angebote sind in der Produktion aufwendig, aber im Betrieb noch anspruchsvoller als analoge Exponate.

Sollten Museen bewusster die Karte des Analogen spielen?

Ja. Ich glaube, die Exklusivität von Museen liegt heute gerade im Analogen – ein Trumpf, den nicht mehr viele Orte haben, und den sollten wir sehr bewusst und offensiv ausspielen. Das heisst nicht, dass wir nicht digital arbeiten, vieles läuft im Hintergrund, etwa bei der Sammlungsverwaltung – wir katalogisieren längst nicht mehr mit Karteikarten. Aber im Publikumsbereich sehe ich durchaus noch Potenzial, das man in Zukunft stärker ausbauen könnte.

 

Was andere über Hannes Geisser sagen (4): Martha Monstein, frühere Thurgauer Kulturamtsleiterin

Martha Monstein (Bild: Sascha Erni) hat als Leiterin des Kulturamt Thurgau von 2014 bis 2022 mit Hannes Geisser zusammen gearbeitet. Sie erinnert sich gerne an den Direktor des Naturmuseum Thurgau.

«Hannes Geisser zeichnet sich durch einen wachen, analytischen Geist aus. Seine hervorragenden strategischen Fähigkeiten prägten das Naturmuseum Thurgau, waren wichtig für die Weiterentwicklung der ICOM Schweiz und waren auch bei der kantonalen Museumsstrategie äusserst wertvoll.  Seine markanten und träfen Ansichten und Äusserungen gaben immer wieder Anlass zum Nachdenken, aber auch zum Schmunzeln.»

Apropos Publikum: Nimmt man die Coronajahre raus, pendelten die Besucherzahlen hier im Naturmuseum, gemeinsam erfasst mit dem benachbarten Museum für Archäologie, zuletzt zwischen 15'000 und 22'000. Ist das das Ende der Fahnenstange, oder geht da noch mehr?

Ich räume selbstkritisch ein: Da wäre sicher noch mehr möglich. Unser langjähriger Mittelwert liegt bei knapp 17'000, ich fände 20'000 schön – von den Themen und Ressourcen her sollte das möglich sein. In Spitzenjahren mit rund 22'000 wird es aber fürs Gebäude eng. Die eigentliche Herausforderung ist, den Besucherstrom besser zu verteilen: Wir sind stark wetterabhängig, bei Regen an der Kapazitätsgrenze, bei Sonnenschein wenig los.

 

«Viele digitale Vermittlungsprojekte sind für mich „Digital Washing“ – man macht etwas digital, weil es zeitgemäss wirkt, nicht weil es besser wird.»

Hannes Geisser

Wenn Sie Ende November zum letzten Mal die Tür des Naturmuseums abschliessen, welches Gefühl bleibt nach all der Zeit zurück?

Grosse Dankbarkeit. Man hat mir die Möglichkeit und die Freiheit gegeben, zahlreiche spannende Projekte zu realisieren, eine bald 170 Jahre Institution über fast drei Jahrzehnte zu leiten und weiter zu entwickeln. Dabei durfte ich viele interessante Menschen kennenlernen. Das gilt auch für unsere Publikum, das mir unzählige schöne Rückmeldungen gegeben hat. Am meisten werde ich meine Leute, mein Team vermissen. Wir hatten auch unsere Auseinandersetzungen, das gehört dazu. Aber der gemeinsame Austausch über so lange Zeit, das gemeinsame Arbeiten an den vielen Museumsprojekten, das lässt sich nicht durch einen gelegentlichen Kaffee als zukünftiger Museumsbesucher ersetzen.

Wie geht es ab Dezember für Sie weiter? Gibt es schon Pläne fürs Leben danach?

Pläne habe ich einige. Ich werde jetzt aber bewusst nicht sofort in mein neues Lebenskapitel springen, frühestens ab Frühjahr 2027. Ich will diesen Abschluss ganz bewusst zulassen, im Kopf, aber auch physisch und emotional – das Kapitel im Lebensbuch wirklich umschlagen, bevor ich am neuen weiterschreibe.

 

«Am meisten werde ich meine Leute, mein Team vermissen.»

Hannes Geisser

«Viele hier verstehen zu wenig, wie bedeutsam Museen sind.» Teil 1 des Interviews mit Hannes Geisser lesen

Weiterlesen: Im ersten Teil des Interviews spricht Hannes Geisser über die Museumspolitik im Thurgau. Er erklärt, warum kantonale Museen an eine unsichtbare Decke stossen, weshalb ihn die Verschiebung des Museumsbaus in Arbon beunruhigt – und wer diese Decke einreissen könnte. 

 

 

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