von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 07.09.2026
«Ich bin kein Vordenker.»

Der Frauenfelder Beat Oswald erhält am Mittwoch den Thurgauer Kulturpreis. Was zeichnet seine Arbeit aus? Porträt eines Filmemachers, der eigentlich nie Filme machen wollte. (Lesedauer: ca. 7 Minuten)
Es gibt sehr unterschiedliche Gründe, einen Film zu drehen. Da muss man sich nur mal in der Filmgeschichte umhören. Bei Federico Fellini zum Beispiel: «Der Film nutzt die Sprache der Träume. Jahre können in einer Sekunde vergehen, und man kann von einem Ort zum anderen springen. Es ist eine Form der Magie.» Jean-Luc Godard befand: «Die Literatur drückt ihre Gedanken mit Worten aus, das Kino mit Bildern. Aber das Kino geht einen Schritt weiter: Es zeigt den Gedanken in Aktion.» Oder, um ein bisschen zeitgenössischer zu werden, Christopher Nolan. Er sagt: «Kino ist das einzige Medium, das es dir erlaubt, die Zeit zu manipulieren und sie aus der Perspektive eines anderen zu erleben.»
Stellt man dem Frauenfelder Regisseur Beat Oswald diese Frage, erhält man eine gänzlich andere Antwort. Filme machen – das sei für ihn in erster Linie auch eine Möglichkeit, das Leben auszuschöpfen, schildert der Regisseur seinen Arbeitsansatz. «Ich mache Filme vor allem, um unterwegs sein zu können und körperliche Erfahrungen zu machen. Ich liebe den Prozess manchmal mehr als das Endergebnis», sagte er. Das klingt egoistischer, als es gemeint war. Es ist vielmehr gnadenlos ehrlich. Denn: Bevor Beat Oswald anderen die Welt erklärt, muss er sie selbst erst mal komplett erfasst haben – und wie könnte das besser gehen als durch eigenes Erleben?
Wenn der 1982 in Frauenfeld geborene Filmemacher am 9. September den mit 20'000 Franken dotierten Thurgauer Kulturpreis erhält, dann wird damit auch diese Haltung ausgezeichnet. Vielleicht nicht das schlechteste Zeichen in Zeiten, in denen so viel geglaubt, behauptet und vermutet wird. Selber wissen macht schlau, nicht das Wiederholen von Thesen, die schon früher andere gesagt haben. «Beat Oswald wird für sein eigenständiges dokumentarisches Werk, seine reflektierte und poetische Filmsprache sowie für sein engagiertes Wirken für die Filmvermittlung und Filmkultur im Kanton Thurgau mit dem Thurgauer Kulturpreis 2026 ausgezeichnet», schrieb die Jury in ihrer Medienmitteilung.
Der mit 20'000 Franken dotierte Thurgauer Kulturpreis wird am 9. September 2026 um 19.30 Uhr im Rahmen einer öffentlichen Feier in der Aula der Pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen durch Denise Neuweiler, Chefin des Departementes für Erziehung und Kultur, überreicht. „Mit dem Preis, der seit 1986 vergeben wird, spricht der Regierungsrat seinen Dank und seine Anerkennung aus für ausserordentliche kulturelle Leistungen von Privaten und von Institutionen, die das kulturelle Leben im Kanton in besonderer Weise bereichern“, heisst es in einer Medienmitteilung. Eine Auswahl möglicher Trägerinnen und Träger des Kulturpreises wird dem Regierungsrat jeweils von der Kulturkommission des Kantons Thurgau vorgeschlagen.
Porträts früherer Preisträger:innen gibt es auch bei uns im Themendossier.
Woraus er die Kraft für seine Arbeit schöpft
An einem Donnerstag im August steht der 43-Jährige vor dem Frauenfelder Cinema Luna in der Sonne und sieht zufrieden aus. Bunte Tattoos auf den Armen, weisses T-Shirt mit dunkelgrüner Schrift «Respect the Locals» steht drauf und darunter blickt einem ein leicht grimmig schauender Bär entgegen. Die Botschaft: Neben aller künstlerischen Ambition ist Beat Oswald auch ein Draussen-Mensch. Einer, der sich in der Natur und seiner Umwelt selbst findet.
Er selbst beschreibt sich so: «Ich bin nicht visionär, ich bin kein Vordenker, eher ein Nachdenker.» Aufgewachsen ist Oswald in Aadorf. Er besuchte das Lehrerseminar in Kreuzlingen und erwarb das Primarlehrdiplom. Ein Austauschjahr in Florida sowie das Studium der Ethnologie und Publizistik an der Universität Zürich prägten seinen Werdegang sowie sein Interesse an der Welt.
Wie sich die öffentliche Anerkennung durch den Kulturpreis jetzt anfühlt? «Gut», sagt er. Die Mimik in seinem Gesicht setzt zwei Ausrufezeichen dahinter. Wobei er nicht als Aufmerksamkeits-Junkie gelten will. «Bei meinem ersten Film ‚Golden Age‘ war das sicher ein Antrieb – gehört und gesehen zu werden mit meiner künstlerischen Arbeit», räumt er ein. Aber inzwischen sei er da gelassener. Seine Kraft ziehe er heute nicht mehr aus der Anerkennung von aussen, sondern eher aus der Freude und der Zufriedenheit der täglichen Arbeit.
Video: Trailer zu «Golden Age» (2019)
Sein Ziel: Verstehen, warum die Welt ist, wie sie ist
Wer Oswalds Filme kennt, den wundert diese Gelassenheit nicht. Sein Dokumentarfilm «Golden Age» (2019), realisiert zusammen mit Samuel Weniger und Lena Hatebur, gewährt einen Einblick in den Alltag einer luxuriösen Seniorenresidenz in Miami. Der Film thematisiert nebst dem glanzvollen Lebensstil auch Krankheit und Einsamkeit.
In «Tamina – Wann war es immer so?» geht es auf den ersten Blick um die Rückkehr des Wolfs. Aber eigentlich ist der Wolf nur eine Metapher. Darauf, wie wir mit Herausforderungen im 21. Jahrhundert ganz grundsätzlich umgehen und wie es um den gesellschaftlichen Diskurs steht.
Der Film zeigt Oswalds Herangehensweise sehr klar: Er will vor allem verstehen. Was am Ende dann auch dazu führt, eigene Haltungen zu hinterfragen. Dass er sich das traut und auch in seinen Filmen transparent macht, unterscheidet ihn durchaus von anderen Dokumentarfilmern, die mit sehr klarer Haltung einen Dreh beginnen – und das dann genau so durchziehen. Nichts läge Beat Oswald ferner als das. Der Zweifel begleitet ihn auf all seinen Wegen, bekennt er.
Video: Trailer zu «Tamina – Wann war es immer so?»
Die Kraft der Zweifel
Das klinge aber viel dramatischer, als es eigentlich sei, fügt er schnell an. Denn: «In diesen Zweifeln liegen einerseits wichtige Energien, um das eigene Schaffen zu hinterfragen und es wirklich gut machen zu wollen, und ebenso ermöglichen diese Selbstzweifel eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, um als Mensch und Künstler die antreibenden Energien genau benennen zu können.»
Vor allem in «Tamina» kann man dem Erzähler bei diesem Zweifeln und Denken zuhören. Der Film ist eine kluge, philosophische und humorvolle Erörterung über das Mensch-Sein.
Gedreht hat er den Film mit Samuel Weniger (Kamera) und Lena Hatebur (Montage). Mit beiden hatte Oswald schon bei «Golden Age» zusammengearbeitet. «Ohne Lena und Sammy wäre das alles nicht möglich gewesen. Die beiden wussten, wie man einen Film macht, ich nicht», gibt er zu.

Was Menschen sagen, die mit Beat Oswald gearbeitet haben
Erzählt man Lena Hatebur von diesem Satz, dann muss die Filmeditorin am anderen Ende der Telefonleitung im brandenburgischen Werder lachen. «Ja, so ist er der Beat. Er scheut sich nicht davor, seine Abhängigkeit von den kreativen Kräften anderer offen auszusprechen. Unsere Zusammenarbeit fusst darauf, dass jeder das tut, was er oder sie am besten kann. Es gibt da ein totales gegenseitiges Vertrauen, sodass das dann auch funktioniert.»
Lena Hatebur hält kurz inne, so als überlege sie, ob sie das jetzt wirklich sagen soll, aber dann muss es doch raus: «In unserer Branche hat es etwas sehr Heilsames, mit Beat zu arbeiten, durch die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen und gemeinsam auf diese Welt blicken.» Befindlichkeiten spielten in der Zusammenarbeit keine Rolle, es gehe immer um einzelne Szenen und das bestmögliche Ergebnis für den Film. Was Oswalds Arbeit inhaltlich ausmache?
«Beat ist ein Suchender, aber kein verzweifelt Suchender, sondern ein neugierig Suchender. Er schöpft viel Empathie und Verständnis aus diesem Suchen für all die Dinge, die in unserer Welt passieren», sagt Hatebur. Daraus sei eine Grundhaltung gegenüber der künstlerischen Arbeit und der Welt entstanden, die ihrer eigenen sehr nahe komme: «Es können mehrere Wahrheiten nebeneinander existieren, alles darf gleichzeitig sein, ohne dass man immer sofort darüber urteilen muss.» Bei jedem ihrer gemeinsamen Projekte sei Beat Oswald derjenige gewesen, der den Impuls gegeben habe, weil er etwas für sich herausfinden wollte.
Warum Beat Oswald mit dem Medium Film hadert
Lena Hatebur findet dafür ein schönes Bild: «Beat schiebt den Zug an, ich springe auf und dann schauen wir, wo wir landen. Ich freue mich auf jede weitere Reise mit ihm», sagt die Diplomschnittmeisterin.
Dass Beat Oswald ausgerechnet für sein filmisches Schaffen mal einen Preis erhalten würde, schien lange undenkbar. Zu sehr haderte Oswald mit dem Medium, hielt Film für flüchtig, uninteressant und gefährlich: «99 Prozent der Filme, die heute gemacht werden, sind Müll», sagt er. Welche Rollenbilder von Frauen und Männern in Filmen oft vermittelt werden, findet er «hochproblematisch». «Vielleicht liegt das ja an meiner Prägung als Ethnologe und Anthropologe, aber wie verantwortungslos im Film oft mit gesellschaftlichen Themen umgegangen wird, entsetzt mich immer wieder», sagt er.
Wie ein Hörsturz seinen künstlerischen Weg veränderte
Dennoch landete er beim Film. Das lag aber vor allem daran, dass er seine eigentliche künstlerische Berufung – die Musik – nach einem Hörsturz nicht mehr ausüben konnte. «Drops of confusion» hiess seine Band, die er während der Schulzeit mitbegründete. Hardcore Metal, «viele düstere Texte, immer wir gegen das System, das hat mich irgendwann fertig gemacht.»
Er wollte raus aus der Wut und dem ständigen Gefühl der Ungerechtigkeit und Unterlegenheit. Danach wurde er zum Suchenden. Literatur, Philosophie, im Semi in Kreuzlingen saugte er alles auf. «Alles, was ich heute noch liebe, hat einen Ursprung in dieser Zeit», blickt er zurück. Auch ein Grund dafür, dass er sich die Preisfeier genau an diesem Ort gewünscht hat.
Die zwei Seiten des Beat O.
Christof Stillhard wundert das nicht. Der Kulturbeauftragte der Stadt Frauenfeld arbeitet seit Jahren mit Beat Oswald zusammen. Im Cinema Luna als Programmverantwortlicher (Stillhard) und Präsident (Oswald), als Co-Produzent seiner Filme und als aufmerksamer und kritischer Begleiter von Oswalds Schaffen. «Beat ist ein Denker, ein Grübler. Einer, der alles hinterfragt und alles genau wissen will», beschreibt Stillhard. Das sei aber nur eine Seite. Denn: «Beat ist auch sehr lebensfroh und lustvoll, er spielt Eishockey, geht jagen und ist vor allem den Menschen um ihn herum immer sehr zugewandt. Familie ist ihm wichtig, Freunde sind ihm wichtig. Wenn er ein Fest macht, dann wird es ein Riesenfest und im Garten spielen noch ein paar Bands», sagt Stillhard.
Dass Beat Oswald nun den Thurgauer Kulturpreis erhält, findet Stillhard richtig gut. «Das ist vielleicht eine überraschende, mutige Wahl der Jury, weil Beat jetzt noch nicht so viele Filme gemacht hat. Aber er hat es verdient», meint Stillhard. Was seine künstlerische Arbeit ausmache? Da muss Stillhard nicht lange überlegen: «Seine Filme zeichnen sich durch eine sorgfältige Bildsprache, ein sehr überlegtes Musikkonzept, überraschende Dramaturgie, einfühlsame Porträts der Menschen sowie eine kluge, intellektuelle Herangehensweise aus. Er hat da vielen anderen Dokumentarfilmregisseur:innen etwas voraus», ist Stillhard überzeugt.

«Das ist vielleicht eine überraschende, mutige Wahl der Jury, weil Beat jetzt noch nicht so viele Filme gemacht hat. Aber er hat es verdient.»
Christof Stillhard, Kulturbeauftragter der Stadt Frauenfeld und enger Freund von Beat Oswald (Bild: Samantha Zaugg)
Obwohl Beat Oswald noch vergleichsweise jung ist, hat er einen beachtlichen Weg hinter sich. Mit Conobs hat er 2010 eine eigene Produktionsfirma gegründet. Der Name ist hier auch schon Programm: Conobs steht für «Contemporary Observations», also zeitgenössische Beobachtungen. Mit der Firma hat er aber nicht nur seine künstlerischen Projekte realisiert, sondern auch kommerzielle Filme und Auftragsarbeiten. Von irgendwas muss man ja leben. «Ich fand das auch immer eine gute Ergänzung zur künstlerischen Arbeit», sagt Beat Oswald im Gespräch.
Neben der Produktion von Werbe- oder Imagefilmen hat er aber auch immer weiter an seiner künstlerischen Arbeit gefeilt. Zahlreiche Gesuche und Bewerbungen um Projektförderung oder Auszeichnungen sind auch gescheitert. Dass er so offen darüber spricht, unterscheidet ihn auch von anderen Kulturschaffenden. Da wird das Scheitern lieber verschwiegen. Für Beat Oswald gehört es dazu. «Ich weiss, wie sich Ablehnung anfühlt. Nicht jede zurückgewiesene Bewerbung habe ich verstanden, aber ich habe jedes Mal für mich etwas daraus gelernt», sagt er mit beinahe buddhistischer Gelassenheit.
Neue Ideen für neue Projekte
Wie es jetzt nach dem Thurgauer Kulturpreis weitergeht? Beat Oswald zuckt mit den Schultern. Es gebe keinen fertigen Plan, aber ein paar Ideen. Für Oswald jetzt erst mal wichtig: «Ich will noch mehr schreiben.» Aber auch der Film bleibt wichtig. Vielleicht mal fiktional arbeiten, um den eigenen Gedanken und Perspektiven noch mehr Raum geben zu können. Eine Idee gibt es für eine Zusammenarbeit mit der Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5 – interdisziplinär zwischen Theaterbühne und Film. Er arbeitet gerne dort, wo er lebt. Lokale Geschichten faszinieren ihn immer wieder.
Ein Projekt, das er gerne gemacht hätte, ist gerade im bittersten Wortsinne gestorben: Er wollte dem Thurgauer Maler Willi Oertig ein filmisches Denkmal setzen. Noch vor den Dreharbeiten ist Oertig im August an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.
Was man von Beat Oswald künftig noch erwarten darf? Sein langjähriger Freund Christof Stillhard überlegt und sagt dann doch: «Ganz ehrlich – ich weiss es nicht. Aber was ich weiss, ist – Beat wird seinen Weg gehen.»

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