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Wie der Leinwandhandel Arbon veränderte

Wie der Leinwandhandel Arbon veränderte
Mit solchen Lädinen wurden im 18. Jahrhundert Waren über den Bodensee transportiert. | © Michael Lünstroth

Nicht alle profitierten vom Textilboom des 18. Jahrhunderts. Ein neuer Teil der Dauerausstellung im Historischen Museum Arbon zeigt jetzt, wie wenige Kaufleute den Aufstieg der Stadt entscheidend prägten.  (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Fragt man Rolf Kellenberg, wie es dazu kam, dass der Leinwandhandel auch in Arbon zeitweise eine zentrale Heimat fand, dann hat er zwei Erklärungen dafür – eine politische und eine unternehmerische. «Durch den Pfälzischen Erbfolgekrieg verlieren süddeutsche Leinwandhändler ihre Privilegien – und einige suchen neue Chancen am Bodensee», so Kellenberg.

So bauen Johann Albrecht und sein Neffe Jacob von Furtenbach in Arbon ein erfolgreiches Handelsimperium auf: «Sie importieren günstige ‹Schwabenleinwand›, veredeln sie geschickt und überflügeln damit die Konkurrenz aus Rorschach und St. Gallen. Ein Jahrhundert lang prägen ihre Firmen die Stadt; die Häuser der von Furtenbach, von Eberz und de Albertis zeugen noch heute von dieser Blütezeit. Heute erinnern das «Rothe Haus», die «Straussfeder» oder der «Schwanen» beim Hafenquai an diese Epoche», schreibt Kellenberg in seinem aktuellen Buch «Arboner Wirtschaftswunder – Erfolg und Niedergang des Arboner Leinwandgewerbes im 18. Jahrhundert».

 

Ein Handwerk, das die Stadt veränderte. Die Ausstellung illustriert den Weg von der Pflanze zum begehrten Stoff. Bild: Michael Lünstroth

Eine Lädine als Symbol für verzweigte Handelswege

Dieses Buch ist auch eine der Quellen, die das Historische Museum im Schloss Arbon bei der Modernisierung seiner Dauerausstellung verwendet hat. Drei Räume im oberen Geschoss des Museums widmen sich nun diesem Thema in drei Kapiteln: Wie aus Flachs Leinwand wurde, wird anhand der Werkzeuge von damals erläutert. Wie profitabel das für einige Familien war, illustriert ein Raum, der den Lebensstil der Unternehmer veranschaulicht.

Und eine Lädine als Modell steht stellvertretend für die weitreichenden Handelsbeziehungen im 18. Jahrhundert. «Die Arboner Kaufmannsfamilien agierten international und knüpften weitreichende Handelsbeziehungen, vorwiegend nach Frankreich (Lyon) und Italien (Mailand, Genua). Ihr Lebensstil orientierte sich dabei zunehmend an aristokratischen Vorbildern», heisst es in einem kurzen Text an der Wand.

 

Wie es sich in den Bürgerhäusern der reich gewordenen Unternehmer lebte - auch das zeigt die überarbeitete Dauerausstellung. Bild: Michael Lünstroth

Der Stoff, der die Stadt prägte

Dass es dabei nicht immer gerecht zuging, macht der Titel der überarbeiteten Ausstellung deutlich: «Textilhandel macht Arbon reich … oder zumindest einige Kaufleute». Ein Donnerstag im Juli. Peter Gubser sitzt auf einem Stuhl in der Ausstellung. Der frühere Kantonsrat ist seit Jahren die treibende Kraft in dem Verein, der das Museum betreibt. «Ich freue mich, dass wir jetzt auch die Auswirkungen des 18. Jahrhunderts in unserer Stadt zeitgemässer zeigen können», sagt er. Stück für Stück hatten sie die verschiedenen Epochen der Stadt zuletzt überarbeitet: Urzeit, Römerzeit, Mittelalter, jetzt das 18. Jahrhundert. Die letzte Etappe – Neuzeit und die Entwicklung vom Handwerk zur Industrie – soll ein Projekt der kommenden Jahre werden.

Jetzt steht erst einmal der Stoff im Mittelpunkt, der die Stadt einige Jahrzehnte prägte – Leinwand. «Aus dem robusten, gut waschbaren Gewebe entstanden Hemden, Hosen, Bettwäsche, Segeltücher und ein wirtschaftlicher Aufschwung, der Arbon nachhaltig veränderte», erklärt Peter Gubser. In der Ausstellung werden auch die Räume selbst zum Exponat oder zumindest Teile davon. Szenografin Nina Peter hat mit einem Spiegel die historische Decke des Saals in die Ausstellung geholt. Ein einfacher wie wirkungsvoller Trick.

 

Die Decke ins Rampenlicht gesetzt - der Trick mit dem Spiegel wirkt. Bild: Michael Lünstroth

Wie ein Unternehmer zum gefeierten Autor wurde

Einem Menschen widmet die Ausstellung sogar einen eigenen Bereich: Johann Heinrich Mayr. Er hatte nicht nur unternehmerisches, sondern auch schriftstellerisches Talent. «Seine Autobiografie ‹Meine Lebenswanderung› ist eine wertvolle Quelle für die lokale Geschichtschreibung», sagt Peter Gubser. In seinen Betrieben in Arbon, Rheineck und Mülhausen arbeiteten zeitweise mehr als 100 Personen. «Bekannt war die Firma für ihre modisch bedruckten Baumwolltücher, die vor allem nach Italien, Spanien und Frankreich verkauft wurden», erläutert Gubser.

Vor dem Umbau waren die Räume der Zeit des Biedermeier gewidmet: Originalmöbel, Stubendecke und Wandtäfer aus Arboner Bürgerhäusern zeigten die damalige Lebenswirklichkeit. «Gegenstände des damaligen Alltags offenbaren kunsthandwerkliches Geschick und behäbigen Wohlstand», schrieb die Museumsgesellschaft selbst dazu.

Der Kanton lehnte finanzielle Unterstützung ab

Für die Umsetzung der Neugestaltung hatte das Museum auch auf finanzielle Unterstützung vom Kanton gehofft. Zwei Anträge (erst über 15’000, später über 25’000 Franken) scheiterten jedoch. Begründung: Das Projekt überzeuge qualitativ nicht, und es fehle eine ganzheitliche Perspektive in der Entwicklung des neuen Ausstellungsraums, hatte Museumspräsident Albert Kehl an der Jahresversammlung im April erklärt. Darüber reden will Peter Gubser eigentlich nicht mehr, das Thema sei durch. Nur so viel noch: Die Ablehnung habe ihn auch persönlich getroffen.

Aufgeben wollte die Museumsgesellschaft deswegen aber nicht, sie suchte und fand andere Geldquellen. Das Budget von 70’000 Franken wurde über Zuschüsse der Stadt, Zuwendungen von Stiftungen (40’000 Franken) und einen Griff in das Vermögen des Vereins (30’000 Franken) gestemmt. «Es war nicht leicht, das zu finanzieren, aber wenn ich die Ausstellung jetzt sehe, bin ich froh, dass wir es gewagt haben.»

 

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