von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 08.06.2026
Der grosse Grübler

Mit einem gleichsam kritischen wie mitfühlenden Blick analysiert Beat Oswald seit Jahren die Widersprüche unserer Gesellschaft. Jetzt erhält der Frauenfelder Filmemacher für sein Werk den Thurgauer Kulturpreis. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Wer Beat Oswald über seine Filme kennenlernt, der muss den 43-jährigen Frauenfelder für einen ziemlichen Grübler halten. Für einen, den viele Zweifel plagen und jemanden, der sich nie mit einfachen Antworten zufrieden gibt. Seine Dokumentarfilme wimmeln jedenfalls nur so vor Fragen, klare Antworten hingegen scheut Oswald wie das junge Reh die Lichtung. Das Leben ist schlicht zu kompliziert für einseitige Haltungen. So sieht er das jedenfalls.
Lernt man Oswald dann im direkten Gespräch kennen, ist man fast ein wenig erstaunt darüber, wie unterhaltsam und witzig er über sich und seine Arbeit reden kann. Werk und Person – das sind im Fall von Beat Oswald zwei Seiten einer Medaille, die man nicht trennen kann. Er ist eben beides: hadernd und zugewandt. Und mit diesem scheinbaren Widerspruch quasi ein Beleg für einen Appell, der in seinen Filmen immer wieder auftaucht – der Aufruf zu mehr Ambiguitätstoleranz. Also der Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen anzunehmen.
Filme sind für ihn auch ein Erfahrungsraum
Dass nun ausgerechnet in diesen unruhigen Zeiten jemand wie Beat Oswald den mit 20’000 Franken dotierten Thurgauer Kulturpreis erhält, darf man getrost auch als Zeichen der Jury verstehen. Dafür, dass mehr Reflexion im Grunde immer besser ist als weniger. Und auch dafür, dass wir es uns in komplizierten Zeiten erst recht nicht erlauben können, an einfache Lösungen zu glauben.
Filme machen – das sei für ihn in erster Linie auch eine Möglichkeit, das Leben auszuschöpfen, schildert der Regisseur seinen Arbeitsansatz. «Ich mache Filme vor allem, um unterwegs sein zu können und körperliche Erfahrungen zu machen. Ich liebe den Prozess manchmal mehr als das Endergebnis», sagte er mir in einem Interview vor einigen Wochen.
Nicht nur diese praxisorientierte Haltung, sondern sein gesamter filmischer Ansatz wird nun mit dem kantonalen Kulturpreis gewürdigt. «Beat Oswald wird für sein eigenständiges dokumentarisches Werk, seine reflektierte und poetische Filmsprache sowie für sein engagiertes Wirken für die Filmvermittlung und Filmkultur im Kanton Thurgau mit dem Thurgauer Kulturpreis 2026 ausgezeichnet», schreibt die Kulturpreis-Jury in einer Medienmitteilung. Aber was denkt der Preisträger dazu? Eine Mail an ihn bringt eine schnelle Antwort: Was ihm durch den Kopf ging, als er von der Auszeichnung erfuhr?
Wie Beat Oswald auf die Auszeichnung reagierte
«Meine Reaktion darauf war natürlich eine spontane A-cappella-Einlage von ‹Celebrate Good Times come on. 🍀 dadadada da da da daaaaa. uhuuuui›», antwortet Oswald. Den Songtitel schreibt er dabei dreimal so gross wie den Rest. In erster Linie empfinde er Freude und Dankbarkeit, notiert er noch: «Es fühlt sich schön an und bringt viel positive Energie mit sich», so Oswald.
Der Frauenfelder Filmemacher hat in den vergangenen Jahren vor allem mit drei Projekten von sich reden gemacht. Sein Dokumentarfilm «Golden Age» (2019), realisiert zusammen mit Samuel Weniger, gewährt einen Einblick in den Alltag einer luxuriösen Seniorenresidenz in Miami. Der Film thematisiert nebst dem glanzvollen Lebensstil auch Krankheit und Einsamkeit. «Golden Age» wurde unter anderem am Visions du Réel – Festival international de cinéma Nyon sowie an den Solothurner Filmtagen gezeigt und später von Netflix angekauft.
Video: Trailer zu «Golden Age»
Dauerthema seiner Filme: Wie gehen wir mit gesellschaftlichen Veränderungen um?
2024 folgte «Tamina – Wann war es immer so?». Auf den ersten Blick geht es um die Rückkehr des Wolfs. Aber eigentlich ist der Wolf nur eine Metapher. Darauf, wie wir mit Herausforderungen im 21. Jahrhundert ganz grundsätzlich umgehen und wie es um den gesellschaftlichen Diskurs steht. Oswald hat da einen eher kritischen Blick. Seine Diagnose: Wir reden zu viel übereinander, aber zu wenig miteinander.
Der Film zeigt Oswalds Herangehensweise sehr klar: Er will vor allem verstehen. Was am Ende dann auch dazu führt, eigene Haltungen zu hinterfragen. Dass er sich das traut und auch in seinen Filmen transparent macht, unterscheidet ihn durchaus von anderen Dokumentarfilmern, die mit sehr klarer Haltung einen Dreh beginnen – und das dann genau so durchziehen. Nichts läge Beat Oswald ferner als das. Der Zweifel begleitet ihn auf all seinen Wegen, bekennt er.
Die Kraft der Zweifel
Das klinge aber viel dramatischer, als es eigentlich sei, fügt er schnell an. Denn: «In diesen Zweifeln liegen einerseits wichtige Energien, um das eigene Schaffen zu hinterfragen und es wirklich gut machen zu wollen, und ebenso ermöglichen diese Selbstzweifel eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, um als Mensch und Künstler die antreibenden Energien genau benennen zu können.»
Zwischen den beiden Filmen lag die Corona-Pandemie und für Beat Oswald ein gänzlich anderes Projekt: Gemeinsam mit dem Kino Roxy und vielen Partner:innen hat er die «Ciné Cité» geschaffen – eine interaktive Lern- und Erlebnislandschaft zur Filmgeschichte.
Video: Trailer zu «Tamina – Wann war es immer so?»
Ein interaktives Denkmal für die Filmgeschichte
Diese virtuelle Stadt besteht aus acht Teilen. Jeder Stadtteil widmet sich einer bestimmten Epoche der Filmgeschichte oder einem prägenden Thema der Filmwelt. Von den Anfängen des Films über Alfred Hitchcock zur Nouvelle Vague in Frankreich bis zur Postmoderne und der Digitalen Revolution. Noch heute kann man die Webseite besuchen und dort auf unterhaltsame Weise vieles über Film lernen.
Man kann sich mit Beat Oswald vortrefflich über drängende Probleme unserer Zeit unterhalten. Über die Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz, mögliche Lehren aus der Coronazeit, das immer komplizierte Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, die Veränderungsscheu bei vielen Menschen oder die Lage der Kinos in Zeiten von Streaming-Angeboten. Ganz gleich, wie gross das Thema ist, man hat als Gegenüber immer das Gefühl, dass sich da einer ernsthaft um eigene Antworten bemüht.
Videobeispiel: So erklärt Ciné Cité Hollywood
Das Kino? «Wird immer ein besonderer Ort bleiben», findet er
Das Kino als sozialer Ort ist noch so ein Herzensanliegen des Filmemachers. Es mache eben einen Unterschied, ob ich einen Film im Kino oder daheim auf dem Sofa anschaue, findet Oswald. Worin dieser Unterschied liege? «Das ist dann nicht nur ein passives Konsumieren, sondern du wirst selber aktiv, und das ist für mich der matchentscheidende Unterschied. Ausserdem ist zusammen lachen schöner als alleine lachen», erklärte er in einem Interview vor einigen Jahren.
Wohl auch deshalb ist er seit einigen Jahren Präsident des Vereins «Frauenfelder FilmfreundInnen», dem Trägerverein des Cinema Luna. Denn: Wenn einem etwas wichtig ist, muss man sich auch kümmern, findet der 43-Jährige.
Zweifeln, nachdenken, weiter zweifeln
Den Kulturpreis jetzt sieht er auch als Bestätigung seiner bisherigen Arbeit. «Ich spüre, dass mit diesem Preis aus der Welt eine schöne Antwort zu mir schwebt, die ich so interpretiere: Zweifle weiter, gib dir Mühe, und wir hören dir gerne zu dabei.»
Öffentliche Feier am 9. September 2026 in Kreuzlingen
Der mit 20'000 Franken dotierte Thurgauer Kulturpreis wird am 9. September 2026 um 19.30 Uhr im Rahmen einer öffentlichen Feier in der Aula der Pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen durch Denise Neuweiler, Chefin des Departements für Erziehung und Kultur, überreicht.
Mit dem Preis, der seit 1986 vergeben wird, spricht der Regierungsrat seinen Dank und seine Anerkennung aus für ausserordentliche kulturelle Leistungen von Privaten und von Institutionen, die das kulturelle Leben im Kanton in besonderer Weise bereichern. Eine Auswahl möglicher Trägerinnen und Träger des Kulturpreises wird dem Regierungsrat jeweils von der Kulturkommission des Kantons Thurgau vorgeschlagen.

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