von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 16.07.2026
Kaffee, Kunst und nette Leute

Im vergangenen Jahr hat die Frauenfelder «Kulturbotschaft» 100’000 Franken beim Kulturstiftungs-Wettbewerb «Ratartouille» gewonnen. Jetzt ist mit dem «mini mercato» ein erstes Projekt entstanden. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Ein Kiosk ist nicht nur eine Einkaufsgelegenheit, er ist auch ein Ort für Begegnungen. Das weiss man nicht erst, seitdem in Nordrhein-Westfalen 2021 die dortige Trinkhallenkultur zum immateriellen Kulturerbe gezählt wurde, sondern schon viel länger. Kioske entstanden früh im Orient und in Persien. Sie waren dort kleine, luftige Pavillons in Palastgärten und dienten als Teehäuser oder Orte der Entspannung.
Die Kioske, die wir heute kennen, entstanden ab 1840 in den Industriestädten, besonders im deutschen Ruhrgebiet. Die Arbeiter dort brauchten sauberes Trinkwasser, weil das Leitungswasser oft schmutzig war. Die Betriebe bauten deshalb kleine Verkaufshäuschen (die sogenannten «Seltersbuden» oder «Trinkhallen»), um den Arbeitern gesundes Mineralwasser anzubieten. So konnte man nebenbei auch den Alkoholkonsum in den Fabriken senken.
Ein Begegnungsort jenseits digitaler Algorithmen
Inzwischen hat sich das Bild und der Zweck verändert. Natürlich gibt es noch immer die Verkaufs-Kioske, aber daneben hat sich der Ort weiterentwickelt. Es gibt Kunst-Kioske, in denen Werke junger Kunstschaffender im Angebot sind, oder auch einen Zuhör-Kiosk, in dem seelsorgerische Alltagsarbeit geleistet wird. Vor allem sind sie aber auch Orte, an denen sich Menschen im echten Leben begegnen können.
Das ist ein Gedanke, mit dem auch Jana Kohler und Dario Bossy viel anfangen können. Die beiden sind Teil des Frauenfelder Kulturbotschafts-Teams, das im vergangenen Jahr bei dem Ideenwettbewerb «Ratartouille» von der Kulturstiftung des Kantons Thurgau 100’000 Franken gewonnen hat. Mit dem Projekt «mini mercato» senden sie nun ein erstes Lebenszeichen. «Nachdem wir uns in den letzten Monaten vor allem theoretisch mit der Entwicklung des Projektes befasst haben, wollten wir jetzt auch mal was machen», sagt Dario Bossy an einem Dienstag in Frauenfeld.
Bei der Idee der Kulturbotschaft geht es im Kern um folgenden Gedanken: die Schaffung eines Ortes, der international oder mindestens interkantonal Kultur vernetzt und vor Ort unterstützt. Konkret bedeutet das: Kulturschaffende aus verschiedenen Regionen der Schweiz sollen eingeladen werden, gemeinsam mit der Programmgruppe (bestehend unter anderem aus den Gründer:innen der Kulturbotschaft; sie soll aber erweitert werden) kulturelle Veranstaltungen im Thurgau umzusetzen, die an verschiedenen Standorten im Kanton und in der Kulturbotschaft selbst stattfinden. Das können Konzerte, Performances, Lesungen, Screenings, Ausstellungen oder Spartenübergreifendes sein – alles aber immer mit einem vermittelnden Charakter. Mehr dazu gibt es hier.
Die Initiator:innen des Projektes sind Dario Bossy, Jana Kohler, Gino Rusch und Rémy Sax.
Den Künstler:innen beim Denken zuschauen
Im ehemaligen Info-Pavillon der Stadtkaserne geben sie nun einen ersten Einblick, wie «Die Kulturbotschaft» wirken könnte. Künstler:innen arbeiten den gesamten Juli in dem kleinen Haus unweit des Frauenfelder Bahnhofs, geben Einblicke in ihre Arbeit und suchen das Gespräch mit Besucher:innen. In dem «mini mercato» selbst gibt es einen tatsächlichen Kiosk, an dem man Getränke und Süsses kaufen kann. Es gibt aber auch eine kleine Ausstellung mit Arbeiten von den drei jungen Künstler:innen Julian Spiess, Tobias Rüetschi und Giulia Mucci.
40 Künstler:innen hatten sich auf die Ausschreibung der Residenz beworben, zwei wurden am Ende ausgewählt: Die Künstlerin Sophie Hilbert aus Kassel und das Schreibkollektiv Q.U.I.C.H.E. aus Basel beziehen jeweils für eine Woche den Ort und geben am Ende der Woche in Form einer Vernissage Einblick in ihren Arbeitsprozess. Aber nicht nur da kann man den Kulturschaffenden über die Schulter schauen. Der «mini mercato» hat an drei Tagen in der Woche auch reguläre Öffnungszeiten, an denen man bis zum 31. Juli vorbeischauen kann. Zum Kunstgucken, zum Quatschen oder einfach nur zum Verweilen.
Video: arte-Doku über Kiosk- und Trinkhallenkultur
Ausprobieren, lernen, neu denken
«Für uns steht dieser Sommer im Zeichen der Probe», sagt Jana Kohler. Ein bisschen wie Feldforschung nach der theoretischen Entwicklung des Projektes. «Wir wollen vieles ausprobieren und vor allem herausfinden: Was interessiert die Menschen hier vor Ort? Welche Bedürfnisse gibt es? Was brauchen die Künstler:innen, die hier arbeiten?», beschreiben Kohler und Bossy Ziele dieses, wenn man so will, Pre-Openings ihrer Kulturbotschaft. Denn: Nicht alles, was sich im Ratartouille-Wettbewerb im Projektdossier befand, findet sich nun im «mini mercato».
«Wir haben gemerkt, dass wir nicht alles auf einmal umsetzen können. Das Projekt soll organisch wachsen können. Wir fangen jetzt mal an und schauen dann im Herbst, wie wir die Kulturbotschaft für 2027 weiterentwickeln», erklärt Dario Bossy.
Grosse Frage: Verbessert Kultur unser Zusammenleben?
Zentral sei für sie immer gewesen, einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen treffen können und über Kunst und Kultur in den Dialog treten, sagen die Kulturbotschafter. Es gehe auch darum, neue Perspektiven auf alte Gewohnheiten zu zeigen. «Unser mini mercato widmet sich der Frage nach der Bedeutung von flüchtigen und temporären Orten und was mit einem Kiosk passiert, wenn dieser anstelle eines reinen Konsumortes zum Verweilen und Austauschen einlädt und einen bewussten Fokus auf Kultur setzt», findet Jana Kohler. Am Ende geht es auch um die Frage, wie Kultur unser Zusammenleben verbessern kann.
Eine klare Antwort darauf gibt es nach den ersten Wochen noch nicht. Aber: erste Ahnungen. Der Auftakt macht jedenfalls Lust auf mehr.

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