von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 21.09.2026
«Es braucht einen gemeinsamen Willen, Ideen, Überzeugung und Glück!»

Kreuzlingen hat seine Museen in den vergangenen zehn Jahren gezielt weiterentwickelt. Bei einer Volksabstimmung geht es am 27. September jetzt um mehr Geld für die drei Häuser. Die frühere Stadträtin und heutige MUSE.TG-Präsidentin Dorena Raggenbass erklärt, was hinter der Strategie steckt – und was andere Gemeinden davon lernen können. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)
Frau Raggenbass, Sie waren bis 2023 Kreuzlinger Stadträtin für Gesellschaft und Kultur und haben die Entwicklung der drei Museen selbst mitangestossen. Wenn Sie heute auf diese Entwicklung zurückblicken: Was ist Ihnen besonders gut gelungen – und wo würden Sie sagen, haben Sie damals etwas unterschätzt?
Gelungen ist uns, die kulturpolitischen Ziele und Massnahmen des Stadtrats in einem Kulturkonzept festzulegen. Eine der Massnahmen war die Erstellung eines Museumskonzepts, das die Schwerpunkte und Strategien der drei Institutionen aufzeigt. Dank der guten Zusammenarbeit aller drei Stiftungen und der Stadt konnten die Ziele gemeinsam bestimmt werden. Ohne diese klare Ausrichtung wäre 2016 die erste Volksabstimmung um höhere Betriebsbeiträge nicht so deutlich angenommen worden. Unterschätzt haben wir, dass durch die ausserordentlich gute und engagierte Leistung der Museumsleitungen schon nach weniger als zehn Jahren die gesetzten Ziele erreicht wurden.
Seemuseum, Bodensee Planetarium und Museum Rosenegg sollen ab 2027 mehr Geld erhalten. Mit einer Erhöhung der Gelder von 380’000 auf 600’000 Franken ab 2027 pro Jahr für alle drei Museen zusammen, soll die Zukunft der drei Einrichtungen in den kommenden zehn Jahren gesichert werden. Demnach soll das Seemuseum künftig 75’000 Franken pro Jahr mehr bekommen (also 200’000 Franken statt 125’000 Franken pro Jahr), das Rosenegg 80’000 Franken mehr (240’000 statt wie bisher 160’000 Franken) und Planetarium und Sternwarte 65’000 Franken mehr (160’000 statt 95’000 Franken). Details zur geplanten Erhöhung gibt es in diesem Text aus unserem Magazin.
Bereits im Januar hatte der Kreuzlinger Gemeinderat dafür den Weg frei gemacht. Mit grosser parteiübergreifender Unterstützung wurde die Erhöhung der Museumsbeiträge angenommen: Bei einer Enthaltung hiess das Parlament die Botschaft mit 34 Ja- zu 1 Nein-Stimme deutlich gut.
Der Kreuzlinger Stadtrat Daniel Moos sagt: „Die Museen sind ein wichtiger Teil im Kulturleben unserer Stadt. Wenn sich Kreuzlingen weiter als Kulturstadt etablieren will, dann bilden die drei Institutionen einen äusserst wichtigen Puzzlestein im kulturellen Leben unserer Stadt.“
2016 haben die Kreuzlinger Stimmberechtigten höhere Beiträge für die drei Museen bewilligt. Jetzt soll erneut deutlich mehr Geld fliessen. Ist das für Sie vor allem die logische Fortsetzung einer erfolgreichen Kulturpolitik – oder zeigt es auch, dass man damals die langfristigen Kosten dieser Entwicklung unterschätzt hat?
Die Kulturpolitik hat mit der finanziellen Absicherung der Betriebsmittel Möglichkeiten geschaffen. Die Museumsleitungen nutzen diese neue Basis ihre Angebote der Vermittlung zu erweitern, Ausstellungen noch attraktiver zu gestalten und das Kulturerbe zu bewahren. Die Ziele wurden einfach schneller als geplant erreicht. Dies Dank der engagierten Arbeit der Museumsleitungen zusammen mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern.

„Die Ziele wurden einfach schneller als geplant erreicht.“
Dorena Raggenbass, Präsidentin MUSE.TG (Bild: Inka Grabowsky)
Was hat sich seit 2016 bei den drei Museen tatsächlich verändert? Anders gefragt: Was kann die Bevölkerung heute für ihr Geld bekommen, was vor zehn Jahren noch nicht möglich war?
Der Bevölkerung stand schon immer ein vielfältiges und interessantes Angebot zur Verfügung. Verändert hat sich die breiter angelegte Wissensvermittlung für Familien ebenso wie für den einzelnen Gast. Sichtbar wurde in den letzten Jahren auch die engere Zusammenarbeit mit den Bildungseinrichtungen, allein die jährlich steigenden Besuche der Schulklassen zeigen diese Entwicklung. Die Themenvielfalt der Ausstellungen ist weiter gespannt und Kooperationen mit anderen Institutionen erweitern den Kreis der Besuchenden. Rahmenprogramme zu den Ausstellungen und Veranstaltungen zum jeweiligen Thema sprechen ein grösseres Publikum an, sorgt für Abwechslung und bietet so eine Plattform für Sonderprogramme. Das ist in der Summe gegenüber vor zehn Jahren ein Mehrwert.
Dorena Raggenbass ist 1957 in Kreuzlingen geboren. Sie ist ausgebildete Grafik-Designerin. Von 2007 bis 2023 sass sie im Kreuzlinger Stadtrat und führte das Departement Gesellschaft. Raggenbass ist parteiunabhängig. Vor ihrer Zeit als Stadträtin hat sie sich in vielen kulturellen und sportlichen Projekten engagiert. Unter anderem war sie 25 Jahre im Vorstand des Theaters an der Grenze. Seit 2024 ist sie Präsidentin des Vereins MUSE.TG.
Das Bemerkenswerte an Kreuzlingen ist, dass die drei Museen nicht gegeneinander um möglichst viel Geld kämpfen, sondern sich auf einen gemeinsamen Verteilschlüssel geeinigt haben. Wie ist es gelungen, diese Konkurrenzlogik zu überwinden?
Das haben die drei Museen untereinander geregelt. Schon vor zehn Jahren wurde unter den damaligen Stiftungsräten dieser Passus der Verteilung bestimmt. Die Logik ergibt sich aus dem Miteinander: Konkurrenz gegeneinander blockiert und ist somit unlogisch.
„Kulturförderung muss nach verschiedenen Kriterien bemessen werden. Die Besucherzahlen sind einer davon, dürfen aber nicht ausschlaggebend sein.“
Dorena Raggenbass, Präsidentin MUSE.TG
Das Rosenegg soll künftig den grössten Anteil der zusätzlichen Mittel erhalten, obwohl es die wenigsten Besucherinnen und Besucher hat. Ist das ein gutes Beispiel dafür, dass Kulturförderung nicht einfach nach Besucherzahlen funktionieren darf?
Kulturförderung muss nach verschiedenen Kriterien bemessen werden. Die Besucherzahlen sind einer davon, dürfen aber nicht ausschlaggebend sein. Im konkreten Vergleich sind die Einnahmequellen der Häuser unterschiedlich. Das Seemuseum kann über die Liegenschaft und Vermietung zusätzliche Mittel erwirtschaften, die anderen nicht. Das heisst die Aufteilen setzt bei den „betriebswirtschaftlichen“ Möglichkeiten und Faktoren an.
Sie haben als Stadträtin die Entwicklung des Museumskonzepts begleitet. Was war damals die wichtigste Erkenntnis, die die Stadt dazu gebracht hat, ihre Museumsförderung grundsätzlich neu zu denken?
Die Nachfolgeregelung der Museumsleitungen. Die Museen wurden alle auf private Inititiative hin gegründet, in Pionierarbeit aufgebaut und mit hoher Qualität und Fachwissen lange Jahre erfolgreich geführt. Die Häuser waren in der Region etabliert und boten ein vielseitiges Programm an. Das alles im reinen Ehrenamt. Die Stiftungen stiessen mit der Frage der Nachfolge an Ihre Grenzen. Es war fraglich, ob die Museen ihre, bei der Bevölkerung anerkannten Betrieb, weiter führen könnten. Vor diesem Hintergrund war klar - will man dieses Angebot an Wissensvermittlung, Kulturerbe erleben und Kulturgut bewahren weiterhin aufrecht erhalten, müssen die Museen mit höherer finanziellen Förderung unterstützt werden. Die Museumsleitung könnte professionalisiert werden und das erfolgreiche Angebot kann gehalten und weiter entwickelt werden.

„Es war fraglich, ob die Museen ihre, bei der Bevölkerung anerkannten Betrieb, weiter führen könnten.“
Dorena Raggenbass, Präsidentin MUSE.TG
Wenn Sie heute als Präsidentin von Muse TG auf Kreuzlingen schauen: Ist das ein Beispiel dafür, wie kommunale Kulturpolitik funktionieren sollte – also erst analysieren, dann ein Konzept entwickeln und daraus eine längerfristige Finanzierung ableiten?
Der gute Resultat bestätigt das Beispiel Kreuzlingen. Das Vorgehen alleine ist keine Garantie auf Erfolg. Es braucht vor allem die Bereitschaft beider Seiten, Kulturinstitution und politische Behörde diesen, oft langen, Weg miteinander zu gehen. Und es braucht auch Glück in diesem Prozess Persönlichkeiten an einem Tisch zu haben, die mit Überzeugung und Ideenreichtum dahinter stehen. Das ist nicht selbstverständlich.
Gleichzeitig kann man fragen: Hat Kreuzlingen mit dieser Entwicklung nicht auch Erwartungen geschaffen, die eine Stadt dauerhaft finanzieren muss? Wo endet eine sinnvolle Professionalisierung – und wo beginnt eine Spirale immer höherer Betriebskosten?
Ein gemeinsames Konzept mit klaren Zielen und Massnahmen ist die Basis für die Leistungsvereinbarung. Diese definiert die Aufgaben, Erwartungen und die finanziellen Mittel. Die Weiterentwicklung ist eines der gesteckten Ziele und ist kein Kostentreiber, sondern steht für Originalität, Qualität und Erfüllung des Auftrags. Eine Kostenspirale entstünde, wenn keine sinnvolle Profession hinter den Museen stünde.
Zum Beispiel Kreuzlingen - wie kluge Kulturpolitik wirkt. Ein Kommentar.
Solidarisch, partizipativ und auf Augenhöhe: Die Entwicklung der Kreuzlinger Museen zeigt, wie Städte heute nachhaltig und erfolgreich Kulturpolitik betreiben können. In einem Kommentar vom 16. Februar haben wir die Situation eingeordnet:
In Zeiten, in denen viel darüber diskutiert wird, ob Politik Herausforderungen unserer Zeit überhaupt noch lösen kann, oder längst ein Teil der Probleme ist, zeigt jetzt ein kleines Beispiel aus Kreuzlingen, wie Politik immer noch wirken kann. Oder präziser gesagt: Wie kluge Politik nachhaltig wirkt.
Vor zehn Jahren haben sich Politik und Bevölkerung in Kreuzlingen dafür entschieden, Seemuseum, Planetarium & Sternwarte, sowie Museum Rosenegg zu stärken. Mit dem damals erstmals aufgelegten Museumskonzept erhielten die Häuser mehr Geld und damit die Chance ihren Betrieb zum Nutzen der Bevölkerung zu professionalisieren.
Zehn Jahre später kann man festhalten - der Plan ist aufgegangen. Zwischen 2016 und 2024 verzeichneten die drei Museen gemeinsam einen Besucheranstieg von 55 Prozent. Im Rekordjahr 2023 sogar von 70 Prozent. 2024 zählten sie zusammen rund 28’000 Gäste und übertrafen damit das damals meistbesuchte kantonale Museum - das Kunstmuseum Thurgau, wie der Stadtrat in seiner Botschaft an den Gemeinderat stolz verkündete. (…)
Die drei Museen haben eine Bedeutung, die weit über Kreuzlingen hinausgeht. Sie profitieren vom Standort, vom Tourismus und vom Publikum aus der ganzen Region. Müsste deshalb künftig nicht stärker der Kanton Verantwortung übernehmen – und ist das vielleicht die eigentliche kulturpolitische Frage hinter dieser Abstimmung?
Ja. Die Bedeutung und Ausstrahlung geht weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Die Region profitiert von diesen drei unterschiedlichen Museumsangeboten und wird dadurch noch attraktiver. Der Kanton unterstützt schon heute die Museen mit Fördermittel für Infrastruktur, einzelne Projekte oder Ausstellungen. Wiederkehrende Betriebsmittel erhält aktuell das Seemuseum und noch in Abklärung sind Beiträge für die Abteilung der Grenzgeschichte des Museums Rosenegg. Die Volksabstimmung ist also nicht die kulturpolitische „Frage" sondern die kulturpolitische „Antwort" auf gute Leistungen und gesetzte Ziele, die die Häuser weiterentwickeln können. Ein kleines Zeichen in den Thurgau ist sie auch.
„Die Bedeutung und Ausstrahlung der Kreuzlinger Museen geht weit über die Grenzen der Stadt hinaus.“
Dorena Raggenbass, Präsidentin MUSE.TG
Wenn Sie heute nicht mehr als Stadträtin, sondern als Präsidentin von Muse TG auf Kreuzlingen schauen: Was würden Sie der Stadt für die nächsten zehn Jahre empfehlen? Geht es jetzt vor allem darum, die Finanzierung zu sichern – oder müsste die Stadt mit den Museen bereits über den nächsten Entwicklungsschritt sprechen?
Ich durfte in den letzten beiden Jahren die vielfältige Museumslandschaft Thurgau besser kennenlernen. Die über 80 Museen, Sammlungen und besonderen Kulturorte in unserem Kanton begeistern mich stets auf neue. Alle haben sie eines gemeinsam, sie sind alle seit ihrer Gründung in einer steten und schrittweisen Weiterentwicklung. Auch das aktualisierte Museumskonzept der Stadt Kreuzlingen gibt genau diese Schritte vor: die Museen setzen ihre Entwicklung mit den gesteckten Zielen laufend fort. So brauche ich keine Empfehlung zu geben, die ist im vorliegenden Konzept schon gesetzt.
Der Verein MUSE.TG
Der Verein MUSE.TG wurde 1917 als Thurgauische Museumsgesellschaft gegründet, welche selbst Sammlungen besass. 1958 vermachte der Verein den Grossteil seiner Sammlungen an den Kanton Thurgau, 2018 übergab der Verein die letzten Sammlungsgegenstände dem Kanton. Seither versteht sich der Verein als Interessenvertretung der Thurgauer Museen und Sammlung mit einer professionellen Geschäftsstelle. Er bietet seinen Mitgliedern eine Plattform für die Vernetzung, fördert den Informationsaustausch und organisiert Veranstaltungen und Weiterbildungen für Mitglieder und Interessierte. Zurzeit zählt der Verein 68 Aktivmitglieder (Sammlungen und Museen) sowie 75 Passivmitglieder (Privatpersonen).
Der Verein im Internet: https://www.muse.tg/

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