von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 26.10.2026
Schwellenangst

Hörner, glitzernde Gesichter und geheimnisvolle Wächter: Im Shed des Eisenwerks führt Tim Hergersberg in eine Welt zwischen Mythologie, Fantasy und Spiritualität. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Man kann diesen Text sehr handwerklich beginnen. Mit einem Blick auf etwas, das jede:r kennt – die Türschwelle. Das ist der erhöhte Balken oder Absatz am Boden einer Türöffnung, der den Innen- und Aussenbereich trennt. Und damit wäre man dann auch fast schon mitten in dem Thema, das der Zürcher Künstler Tim Hergersberg für seine aktuelle Ausstellung im Shed des Eisenwerks gewählt hat. Ihn interessiert diese Schwelle, die ein Innen und ein Aussen markiert. Nun ist Hergersberg allerdings Künstler und nicht Handwerker. Die Schwellen, die er in Frauenfeld ins Visier nimmt, sind eher ritueller oder metaphysischer Art.
Seine «Guardians of the Threshold» (also die Hüter der Schwelle) bewachen den Übergang von der materiellen zur geistigen Welt. Was genau in diesem Moment passiert, wenn das Äussere keine Rolle mehr spielt und sich alles nach innen verlagert, das versucht Tim Hergersberg mit seiner Schau zu illustrieren. Es ist eine Frage, die Spiritualität und Religion seit Jahrtausenden zu ergründen versuchen. Fast jede Glaubensrichtung hat ihre eigene Vorstellung davon, was an diesem Übergang passiert. Jede Ausprägung kennt Wächter und Begleiter, die den Menschen von der einen auf die andere Seite bringen.
Seelenführer gibt es in vielen Mythologien
In der griechischen Mythologie sind dies zum Beispiel Charon, Hermes oder Hekate. Im alten Ägypten war es Anubis, in der norwegischen Mythologie die Walküren, und auch die grossen Weltreligionen kennen mit dem Erzengel Michael Figuren, die diese Funktion übernehmen. Es sind «Seelenführer», deren Aufgabe es ist, die Seelen Verstorbener ins Jenseits zu begleiten. Wie diese Wesen aussehen, auch dazu gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Tim Hergersberg zeigt noch bis Ende Oktober seine Version in der Frauenfelder Ausstellung.
Vor den Seelenführern stehen aber erst einmal zwei Wächter. Es sind bunte, glitzernde, vielköpfige, furchteinflössende und eher ernst blickende Figuren. Sie tragen massive Hörner, mit denen sie direkt einer Krampus-Sage entsprungen sein könnten. Weitere Merkmale zeichnen sie als spirituelle Wesen aus – das dritte Auge in der Stirn, das Auge der Fatima, das vor dem bösen Blick schützen soll. Zwischen den beiden Figuren liegt die Schwelle. Eine Schwelle, die man nicht so leicht übertritt und an der man erst einmal innehält.
Ist das noch Kunst oder schon Esoterik?
Ein guter Moment, um sich kurz zu besinnen, was man hier eigentlich sieht. Die Wächter, die Seelenführer, dahinter drei Altäre und ein Kreis aus Kerzen. Alles zusammen legt weitere Spuren in Richtung Spiritualität. Oder spiegelt es doch nur eine zeitgeistige Haltung, die sich lieber in Traumwelten flüchtet, um sich nicht mit der tristen Realität auseinandersetzen zu müssen? Tim Hergersbergs Kreationen könnten jedenfalls problemlos Charaktere in Fantasyfilmen oder Computerspielen sein. Hergersberg sagt im Gespräch mit thurgaukultur, das sei nicht seine Intention gewesen. Die Ähnlichkeit mit medialen Figuren liege schlicht daran, dass sich auch diese Genres auf mythologische Geschichten bezögen.
Dass er sich mit seiner Arbeit auch am Rande der Esoterik und des Schamanismus bewege – diesen Vorwurf hat Tim Hergersberg schon häufiger gehört. Er sieht es aber anders. «Der Ursprung der Kunst war es, der Mythologie eine Form zu geben. Es ging in den Ursprüngen oft darum, etwas darzustellen, was eigentlich nicht darstellbar ist», sagt Hergersberg. Für ihn sind seine Arbeiten ein weiterer Versuch, dies zu tun. Es gebe da keine allgemeingültige Form, es sei immer eine subjektive Interpretation. «Das hier ist meine Interpretation», sagt der Künstler.
Die Kunst liegt auch im Machen
Tatsächlich sind Hergersbergs Wesen kunstvoll gestaltet. Das zeigt sich in der Plastizität der Köpfe ebenso wie in der Art, wie er die Figuren aus unterschiedlichen Materialien entwickelt hat, teilweise aus Fundstücken aus der Brocki. Dazu kommen die leuchtenden Farben, die er aus Kosmetikpigmenten gewonnen hat. Je nach Blickwinkel schimmert es in den Gesichtern anders: mal Grün, mal Gold, mal Pink. Die expressiven Farben sollen auch die psychedelische Erfahrung dieses Schwellenmoments betonen. «Alles könnte auch eine Halluzination sein», sagt Tim Hergersberg.
So entsteht im Shed des Eisenwerks ein faszinierendes, zugleich merkwürdiges Ensemble. Die Figuren wirken vertraut und fremd zugleich. Ihre Ästhetik erinnert an Fantasyfilme und Computerspiele, verweist aber auch auf ältere mythologische Vorstellungen. Gerade darin liegt ein Reiz der Ausstellung: Sie führt in eine Welt, deren Bilder man wiederzuerkennen glaubt, ohne sie eindeutig einordnen zu können.
Der Shed ist zur eigenen Marke geworden
Hergersbergs Ausstellung lässt sich auch im Zusammenhang mit den anderen Kunstpositionen sehen, die in diesem Jahr im Shed zu Gast waren. Claude Bühlers Ausstellung «how goes tomorrow» lud dazu ein, über das gesellschaftliche Miteinander nachzudenken. Asi Föcker und Anne Gathmann näherten sich der Architektur der Halle auf eher abstrakte und konzeptuelle Weise, im Spiel mit Licht und Raum. Hergersberg wiederum besetzt den Ort mit mythologischen Wesen. Drei sehr unterschiedliche Ansätze, denen es jeweils auf eigene Weise gelingt, den Shed zu ihrem Ausstellungsraum zu machen.
Für die Besucher:innen war dabei immer wieder verblüffend, wie sehr sich die Wirkung der Halle von Ausstellung zu Ausstellung veränderte. Das ist auch ein Verdienst der Kuratorin Mirjam Wanner. Unter ihrer Leitung hat sich der Shed zu einem vielseitigen und pulsierenden Zentrum der Ostschweizer Kunstszene entwickelt.
Eine Bildsprache, die unterschiedliche Zugänge ermöglicht
Auch Hergersbergs Ausstellung trägt dazu bei. Ihre Bildsprache bietet unterschiedliche Zugänge: Wer sich für Mythologie, Fantasy, Gaming oder Spiritualität interessiert, findet Anknüpfungspunkte. Doch die Figuren erschöpfen sich nicht in ihren vertrauten Motiven. Sie werfen auch die Frage auf, was wir eigentlich sehen, wenn wir uns eine Vorstellung von einer anderen Welt machen. Vielleicht liegt genau darin die Schwelle, um die es in dieser Ausstellung geht: zwischen dem, was wir zu kennen glauben, und dem, was sich unserer Vorstellung entzieht.
Finissage der Ausstellung ist am Donnerstag, 29.Oktober, 19 Uhr

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