von János Stefan Buchwardt, 23.10.2026
Der Archivar von Terra Incognita

In einem ehemaligen Schönheitssalon entfaltet Herbert Kopainig seine Bilderwelt. Drei Ausstellungen in drei Monaten eröffnen unterschiedliche Blicke auf ein Lebenswerk, das weit über die Malerei hinausreicht. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)
Draussen ziehen Autos vorbei, in den Schaufenstern spiegelt sich die Strasse. Drinnen beginnt Terra Incognita. An der Schmiedgasse 14 in Diessenhofen dient ein ehemaliger Schönheitssalon vorübergehend als Galerie. Von Oktober bis Dezember zeigt Herbert Kopainig hier drei Rückblicke auf sein Lebenswerk: «Waldwunder» (7.–30. Oktober), «Wasser des Lebens» (8.–28. November) und «Passion der Seele» (6.–29. Dezember). Die Ausstellungen führen durch ausgewählte Bereiche des zwölfteiligen Gesamtkunstwerks «PANOPTIKUM».
Ein Universum auf weissen Platten
Weisse Bodenplatten und Neonlicht erinnern an die frühere Bestimmung des Lokals. Einige Wände hat Kopainig farbig gestrichen. Selbst die improvisierte Küche wird zur Ausstellungsfläche. Man wünschte diesen Bildern ruhigere Wände, mehr Raum und Abstand sowie ein Licht, das ihrer Eigenart noch besser gerecht würde. Stattdessen müssen sich unbekannte Geschöpfe und ganze Fantasiezivilisationen in einer Umgebung behaupten, die nichts Feierliches an sich hat. Der Gegensatz wirkt zunächst komisch. Dann beginnt man zu ahnen, dass die Unbehaustheit dieser Bilder durchaus zu ihrer Geschichte passt.

Vom Kinderbuch zur persönlichen Bibel
In der Ausstellung «Waldwunder» erinnert manches auf den ersten Blick an ein reich illustriertes Kinderbuch. Tiere begegnen sonderbaren Wesen, Landschaften öffnen sich in unbekannte Zeiten. Doch die scheinbar heitere Fülle täuscht. Bald drängen sich Fragen nach dem Ursprung des Lebens und seinen Verwandlungen auf. Aus dem Kinderbuch wird eine persönliche Kosmogonie, beinahe eine private Bibel, deren Geschichten nicht in Verse, sondern in Bilder gefasst sind.
Kopainig ist an diesem Abend weiss gekleidet. Er ist höflich und auffallend zurückhaltend. Während Kathrin Bopele aus Engen ihre Laudatio hält, steht er hinter den Sitzreihen. Die Aufnahme, auf der er zwischen den Stühlen sitzt, entstand zuvor für die Kamera. Man könnte in ihm einen verschwiegenen Propheten vermuten, der seine Botschaften lieber sammelt als verkündet. Auf die Frage, ob er Erfinder oder Archivar seiner Bilder sei, antwortet er schlicht: «Beides».

Die Wirklichkeit besteht auf ihrem Anschluss
Etwa vierzig Gäste sind zur Vernissage gekommen, mehrheitlich ältere Menschen. Kopainigs Frau Béatrice reicht kleine Köstlichkeiten. Auch das Künstlerpaar Dierauer aus Kaltenbach ist da. Kathrin Bopele beginnt ihre Laudatio etwas befangen, gewinnt aber zunehmend Sicherheit. Es ist ein Abend ohne grosse Gesten, gerade das macht ihn angenehm.
Der Raum bietet den Bildern keinen musealen Schutz. Neben einem gemalten Nashorn sitzt eine gewöhnliche Schweizer Steckdose. Die technische Selbstverständlichkeit unserer Welt behauptet ihren Platz neben einer Kreatur aus ganz anderen Zusammenhängen. Ein störender Zufall? Vielleicht. Doch Kopainigs Fantasie scheint auch solche Begegnungen auszuhalten. Sie braucht keine makellose Bühne, um ihre Fragen zu stellen. Die Wirklichkeit besteht auf ihrem Anschluss.

Wenn Tiere ein Vaterland gründen
Einen bemerkenswerten Raum erhält während der Laudatio der Schriftsteller Horacio Quiroga. Bopele liest dessen Erzählung «Das Vaterland», in der Lebewesen des Urwalds auf die Idee gebracht werden, einen eigenen Staat zu gründen. Aus einer scheinbar harmlosen Tiergeschichte entwickelt sich eine bitterböse Parabel über Herrschaft und die menschliche Neigung, Grenzen zu ziehen, wo zuvor Freiheit herrschte.
Kopainig hat diese Urwaldgeschichte in seinem Bilderzyklus «Waldhaus» aufgegriffen. Die Nähe ist also keineswegs zufällig. Auch seine Tiere sind mehr als dekorative Bewohner einer exotischen Landschaft. Sie werden zu Figuren eines Nachdenkens über das Zusammenleben. Die Bienen, die bei Quiroga menschliche Überlegenheit nachahmen, machen dabei keine besonders gute Figur. Das Märchenhafte ist hier alles andere als harmlos.
Ein Gefängnis für die Fantasie
Das «Panoptikum» bezeichnet nicht bloss den Ausstellungsraum. In Kopainigs Werk ist es ein imaginärer Kuppelbau auf einem Waldhügel des Kontinents Terra Incognita. Das Vorbild liefert Jeremy Benthams Gefängnisentwurf von 1791: ein Rundbau mit zentralem Überwachungsturm. Kopainig hat die Architektur umgewidmet. An die Stelle der Gefangenen treten zwölf Werkareale, die sein Schaffen von 1974 bis 2026 umfassen.
Die scheinbar freie Erfindung folgt einer erstaunlich genauen Ordnung. Bilder werden in Skizzenbüchern dokumentiert, Geschichten weitergesponnen und Figuren in ein wachsendes Beziehungsnetz eingetragen. Der Künstler verwaltet seine Fantasie, als erforsche er einen tatsächlich vorhandenen Kontinent. Aus der Architektur der Kontrolle ist ein Archiv der Möglichkeiten geworden. Die Gefangenen sind ausgezogen, die Fantasie ist eingezogen.

Ein Künstler mit vielen Bühnen
Dass Kopainig nicht allein in Bildern denkt, wird im Gespräch deutlich. Er erzählt von interdisziplinären Ausstellungen, in denen auch Landwirtschaft und ökologische Fragen ihren Platz fanden. In einer ehemaligen Bahnhofscheune betrieb er Theater, verwendete alte Kinosessel und beschäftigte sich mit Puppenspiel. Heute schreibt er viel und beschäftigt sich, vor allem für sich selbst, mit elektronischer Musik.
Das erklärt manches an seinem Werk. Die Gemälde erscheinen weniger als abgeschlossene Einzelstücke denn als Schauplätze eines umfassenderen Unternehmens, in dem Erzählen und bildnerisches Gestalten ineinandergreifen. Kopainig arbeitet an einer Welt, für die ihm die Malerei allein offenbar nie genügt hat. Selbst die Ausstellungsräume werden zu einer Art Bühne. Nur der Regisseur hält sich lieber im Hintergrund.
Kinder brauchen keinen Reiseführer
Seit 1998 entsteht seine Bilderbuchgeschichte «ARCHETOPIA Guide – die panoptische Weltreise in der Archenova». Sie ist inzwischen beim zwölften Kapitel, Seite 235, angelangt. Ihr Reisender heisst Elias Wundersam. Eine Kutschenfahrt bildet den Anfang, ein Künstlerfreund steigt unterwegs zu. Gemeinsam durchqueren sie verschollene Kontinente und unterschiedliche Zeiten. Das Abenteuer ist zugleich eine Reise durch Kopainigs Werk.
«Das Kindliche ist der Schutzengel der Kunst», schreibt er. Gemeint ist keine naive Weltflucht, sondern die Fähigkeit, einer Erscheinung ohne vorschnelle Erklärung zu begegnen. Schon als Schulkind durfte er während des Unterrichts die Wandtafel bemalen. Heute beobachtet er, wie Kinder in seinen Ausstellungen ohne Zögern auf Zwerge und Elfen zugehen. Erwachsene verlangen erst einmal Auskunft. Kinder wollen vielleicht bloss wissen, wo die Wesen wohnen.

Wenn Darwin rückwärts reist
Dass diese Welt kein harmloses Märchenland ist, zeigt die Bildinszenierung «Gruss an Charly». Ihr provokativer Kernsatz lautet: «DER AFFE STAMMT VOM MENSCHEN AB». Kopainig kehrt damit eine verbreitete Vorstellung von der Menschwerdung um. Naturwissenschaftlich ist das keine Erklärung, wohl aber eine künstlerische Zumutung. Warum erzählen wir Entwicklung so gern als Aufstieg, an dessen Spitze selbstverständlich der Mensch steht?
Der Künstler beschäftigt sich mit Naturgeschichte, doch ebenso ernst nimmt er die Märchen. In ihnen vermutet er Spuren alter Erkenntnis. Sein Buchprojekt will er ausdrücklich nicht als Fantasy-Roman verstanden wissen. Er spricht von «Formen präziser Fantasie». Das ist ein anspruchsvoller Begriff für eine Kunst, die dem Erfundenen eine eigene Gesetzmässigkeit gibt. Auch das Unwahrscheinliche verlangt nach Genauigkeit.
Wo eine ganze Welt unterkommen soll
Den ehemaligen Schönheitssalon hat Kopainig gedanklich längst zur «Café DES ART Lounge» verwandelt. Hier darf man Kunst bei Kaffee und Kuchen geniessen. «Schönheit ist der Glanz der Wahrheit», schreibt er dazu. An einem Ort, an dem Schönheit früher wohl eher als Dienstleistung angeboten wurde, erhält der Satz einen unerwarteten Nachhall.
Bleibt die Frage nach der Zukunft dieses Lebenswerks. Wie bewahrt man eine Bilderwelt, deren Geschichten über Jahrzehnte miteinander verwachsen sind? Einen konkreten Aufbewahrungsort nennt Kopainig nicht. Seine Gedanken kehren zum imaginären Kuppelbau zurück, der in seinem Buch längst Gestalt annimmt. Ob ihm eines Tages ein wirkliches Haus entsprechen wird, bleibt offen.
Draussen ist es dunkel geworden. Die Gäste verabschieden sich, das Schaufenster leuchtet noch in die Strasse. Auf einem Waldhügel von Terra Incognita aber steht der Kuppelbau bereits. Dort ist für diese ganze Welt Platz geschaffen.

Ein filmischerEinblicke in die Bilderwelt von Herbert Kopainig:

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