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Halt mich

Halt mich
«Manchmal frage ich mich auch: Warum mache ich das eigentlich alles?» Der Konstanzer Künstler Boris Petrovsky in seiner aktuellen Ausstellung. | © Michael Lünstroth

In seiner neuen raumgreifenden Ausstellung in Konstanz stellt Boris Petrovsky eine grosse Frage: Wie orientieren wir uns in einer Welt, in der bekannte Ordnungen und alte Gewissheiten nicht mehr gelten? (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Man kann sich das ja durchaus fragen: Brauchen wir wirklich noch eine weitere Kunstinstallation, die auf die Tücken der digitalen Welt hinweist und uns all jene Herausforderungen vor Augen führt, vor die uns die Technologie stellt? Oder steht das nicht längst alles täglich in den Zeitungen?

Doch dann liest man eine Studie, die herausgefunden hat, dass sich Menschen lieber einen Elektroschock verpassen lassen, als für einige Minuten mit ihren Gedanken allein zu sein, und ahnt: Vielleicht sind wir doch schon näher an der vom französischen Soziologen Gérald Bronner beschriebenen kognitiven Apokalypse, als wir manchmal denken.

In seinem klugen Buch beschreibt Bronner unaufgeregt, wohin es führt, wenn wir den Versuchungen der Technologie allzu leichtfertig und ausdauernd nachgeben. Etwas zugespitzt lautet seine zentrale These: Wenn wir unsere Aufmerksamkeit weiter auf unnütze TikTok-Challenges lenken, verlieren wir die Fähigkeit, uns als Menschheit weiterzuentwickeln. Wir stecken dann bestenfalls im Mittelmass fest.

 

Eine Matrix aus rot-weissen Fluchtstäben erzeugt wechselnde Durchblicke, Barrieren und Perspektiven. Bild: Michael Lünstroth

Weg vom Konsum, hin zur Kreativität

Dagegen hilft, so Bronner, nur, das Gehirn weg vom konsumptiven Doomscrollen hin zu kreativen Schaffensprozessen zu lenken. Oder anders gesagt: Wäre schon gut, wenn wir ab und zu mal wieder selber denken würden. Kunst kann hierfür eine gute Inspirationsquelle sein, und deshalb braucht es immer noch weitere Kunstwerke, die unser Gehirn füttern, die Synapsen funkeln lassen und uns vor Rätsel stellen.

Einer der rätselhaftesten Künstler der Bodenseeregion ist ohne Zweifel Boris Petrovsky. Der in Konstanz lebende Denker hat in den vergangenen Jahren verschiedene Grossinstallationen geschaffen, die wie Versuchsaufbauten zur Erklärung der digitalen Gegenwart wirkten. In «Total Recourse» warf er die Frage auf, wie eine auf Digitalität beruhende Gesellschaft, die jeden Fehler und jede Störung ausmerzt, in den Totalitarismus münden kann. In «Filament Momentum» zeigte er auf, was passieren kann, wenn wir uns in digitalen Netzwerken verheddern.

Ein Ort der Störung

Und jetzt hat er für die Kunsthalle des Neuwerks in Konstanz eine Arbeit geschaffen, die sich noch einmal ganz grundsätzlich mit unserer Vorstellung von der digitalen Welt, dem Netz und allem, was dazugehört, beschäftigt. «ROTABRUTURBATORY» lautet der Titel der Arbeit. Ein Kunstbegriff, der den Namen Turbatory vorwärts und rückwärts buchstabiert. Er leitet sich vom lateinischen turbatio (Störung) und der englischen Endung -ory (bedeutet so viel wie Ort oder Zweck) ab.

Aus rot-weissen sogenannten Fluchtstäben, einem Instrument aus der Vermessungstechnik, um Abstände von einem Meter klar zu markieren, hat Boris Petrovsky eine Konstruktion geschaffen, die den Raum der Kunsthalle einnimmt und ihn scheinbar klar strukturiert und ordnet. Es gibt ein Drinnen, es gibt ein Draussen, und auch innerhalb des Baus scheint es klare Wege zu geben. Die Verästelungen der Fluchtstäbe wirken wie ein Netz. An der Decke hängen zig Kabel, einige der Fluchtstäbe sind mit einem kleinen Reifen verbunden, am Rande liegen Einzelteile herum. Die genaue Funktion dieses Aufbaus bleibt unklar.

 

Petrovskys Konstruktion erinnert an ein technisches System, ein Leitsystem oder eine Barriere. Doch die scheinbare Ordnung bleibt instabil. Bild: Michael Lünstroth

Orientierung oder Gefangenschaft?

Der Künstler selbst nennt das, was er da gebaut hat, einen «Grid». Der englische Begriff hat den Vorteil, dass er sowohl Raster als auch Gitter bedeuten kann. Das eine ist etwas, woran man sich orientieren kann, das andere ist etwas, das einen gefangen halten kann. Das Spiel mit Bedeutungen versteht Boris Petrovsky seit Jahren als zentralen Bestandteil seiner Arbeit. Nie ist in seinen Arbeiten etwas so, wie es scheint.

Das erfährt man vor allem dann, wenn man die Installation selbst betritt. Auch das gehört zum Wesen von Petrovskys Kunst: Fast alle seine Arbeiten sind begehbar. Also rein in die Kunst und beobachten. An die Wände des Saals hat der Künstler einige seiner rot-weissen Fluchtstäbe gelehnt. Sie könnten so etwas wie Hirtenstäbe im Raster sein, sagt Petrovsky. Damit kann man sich als Besucher:in tastend durch das Feld bewegen. Nur für den Fall, dass man der Sache von Anfang an nicht traut.

Während man noch überlegt, welchen Weg man wählen soll, beginnt das Eigenleben der Konstruktion. Es brummt, zischt und wackelt. Einzelne Stäbe bewegen sich auf und ab. Wann genau was passiert und warum, bleibt zunächst verborgen. Aber man ahnt, wohin der Künstler dieses Mal mit seiner Arbeit will.

Zwischen Kontrolle, Zufall und Störung

An den Ecken des Aufbaus ziehen Seilzüge an der Konstruktion, der scheinbar geometrische Aufbau gerät ins Wanken. Was gerade noch klar und geordnet war, bekommt Schieflage. Das Raster entwickelt ein Eigenleben, Netze drohen zu reissen. Der Einbruch des Unheimlichen in die scheinbare Sicherheit – als Betrachter sucht man verzweifelt nach Sinn und Kontext des Ganzen.

Das ist dann aber auch der Moment, ab dem es interessant wird. Man bewegt sich durch die Installation und erlebt, wie sich die Sicht auf das Ganze mit dem Standort verändert. Kontrolle, Zufall und Störung geraten dabei in ein spannungsvolles Verhältnis. Was hat das alles zu bedeuten?

 

Bei Boris Petrovsky verändern sich die Bilder, je nachdem, wo man steht und welchen Weg man durch die Installation nimmt. Bild: Michael Lünstroth

Die Suche nach Sinn wird heute immer schwieriger

Vielleicht das: In einer Welt, die uns mit Informationen und Deutungsangeboten überflutet, wird Orientierung zur grossen Herausforderung. Boris Petrovsky macht in seiner Installation erfahrbar, wie sehr unsere Wahrnehmung von unserem Standort abhängt – und wie schnell vermeintliche Ordnung ins Wanken gerät. Hier liesse sich noch einmal eine Spur zu Gérald Bronner finden. Er beschreibt in «Die kognitive Apokalypse», wie die Fähigkeit zum gemeinsamen, vernunftgeleiteten Denken von verschiedenen Seiten untergraben wird.

Die Gefahr besteht laut Bronner nicht darin, dass Menschen grundsätzlich dümmer werden, sondern darin, dass die Bedingungen für vernünftiges Denken schlechter werden, obwohl immer mehr Wissen verfügbar ist. Wir suchen nach Sinn und Zusammenhängen, aber die Bedingungen, unter denen wir urteilen, werden zunehmend problematisch. Das liegt auch daran, dass es verschiedene Akteur:innen in Wirtschaft und Politik gibt, die aus Disruption einen Gewinn ziehen.

 

Boris Petrovsky erklärt am Modell die Entstehung seiner neuesten Arbeit. Die Installation liefert allerdings keine Anleitung zur besseren Erkenntnis. Sie schafft vielmehr eine Situation, in der die eigene Suche nach Orientierung selbst zum Thema wird. Bild: Michael Lünstroth

 

Das führt zu Fragen. Vielen Fragen. Diese zum Beispiel: Wenn wir uns in einem komplexen System bewegen und immer nur Ausschnitte sehen – woran erkennen wir dann, ob wir uns orientieren oder lediglich einer Ordnung folgen, die wir selbst für sinnvoll halten? Oder anders gefragt: Wie orientieren wir uns in einer Welt, in der das, was wir für Ordnung und Zusammenhänge halten, eingestürzt ist? Erst recht in einer Welt, in der unsere Wahrnehmung auch fehlgeleitet werden kann?

In Petrovskys Installation liegt eine Bitte, die fast einem Hilferuf gleicht: «Halt mich». Es beschreibt einerseits eine sehr zeitgeistige Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, aber andererseits auch den Wunsch, nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren.

Worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken ist nicht egal

Wenn nun alles so unsicher und fraglich ist, wie können wir wieder Stabilität gewinnen? Mit einer Mischung aus Petrovsky und Bronner gesprochen, könnte man sagen: Entscheidend wird es sein, die Mechanismen zu verstehen, die unsere Aufmerksamkeit lenken und unser Denken beeinflussen. Kunst, Bildung, wissenschaftliches Denken und ein bewussterer Umgang mit Informationen gewinnen dadurch an Bedeutung. Ob Boris Petrovsky wirklich daran glaubt oder ob er auch das alles nur für letztlich verzweifelte Bemühungen hält, das muss am Ende jede:r Betrachter:in für sich entscheiden.

Denn auch das ist ja etwas, was den Arbeiten von Petrovsky tief eingeschrieben ist. Am Ende ist jede Deutung seiner Kunst vor allem auch ein Spiegel des jeweils Betrachtenden: Du bist, was du siehst.

Das ergibt sich schon aus der Anordnung seiner Kunst. Boris Petrovsky nennt das, was er tut, oft «einen gebauten Film». Was er damit meint, ist das hier: Ein normaler Film im Kino besteht aus Einzelbildern auf einem Streifen, die nacheinander durch einen Projektor laufen. Dadurch entstehen für uns Bewegung, Zeit und eine Geschichte auf einer flachen Wand. Boris Petrovsky nimmt genau diese Bausteine des Kinos und ersetzt die Kinotechnik durch Gegenstände, Maschinen und Licht im echten Raum.

 

Wenn wir uns in einem komplexen System bewegen und immer nur Ausschnitte sehen – woran erkennen wir dann, ob wir uns orientieren oder lediglich einer Ordnung folgen, die wir selbst für sinnvoll halten? Bild: Michael Lünstroth

 

Das Prinzip des gebauten Films

Statt die Bilder nacheinander durch einen Projektor zu jagen, hängt Petrovsky jedes Bild als dreidimensionales Objekt in ein grosses Zimmer. Die Besucher:innen sind nun der Projektor: Indem sie durch das Zimmer gehen, erwecken sie den Film in ihrem eigenen Kopf zum Leben.

Was dann daraus folgt, kann der Künstler nicht mehr beeinflussen. Aber zumindest kann er aufzeigen, wie Wirklichkeiten konstruiert werden können und wie die Mechanismen der digitalen Sprachmaschinen funktionieren. Die Konsequenz daraus muss jede:r selbst für sich ziehen.

 

Nur noch bis 25. Oktober geöffnet 

Die Ausstellung von Boris Petrovsky ist noch bis 25. Oktober in der Neuwerk Kunsthalle zu sehen. Der Eintritt ist frei.

 

Die Öffnungszeiten:

 

Do + Fr 18 bis 21 Uhr
Sa + So 14 bis 17 Uhr

 

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