von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 13.10.2026
«Die Zuschauerzahlen sind massiv eingebrochen.»

Schluss mit lustig: Am 21. Oktober startet die letzte Ausgabe des Festivals Kabarett in Kreuzlingen. Zum Abschied spricht Programmchef Micky Altdorf über das Ende des Festivals, den lustigsten Abend der letzten Jahre und wie die Bürokratie das Veranstalten erschwert. (Lesedauer: ca. 6 minuten)
Micky Altdorf, nach 25 Jahren Kabarett in Kreuzlingen fällt jetzt der letzte Vorhang. Warum stellt ihr das Festival ein?
Wir haben das KIK-Festival 25 Jahre lang mit ehrenamtlicher Arbeit gestemmt, das hat uns immer stärker herausgefordert. Letztes Jahr stand die Verlängerung der Leistungsvereinbarung mit dem Kanton an und damit stand die Frage im Raum, ob wir das noch weitere vier Jahre so durchziehen können, oder ob nach 25 Jahren der richtige Moment für einen Schlussstrich gekommen ist. Seit Corona sind zudem die Zuschauerzahlen in den grossen Sälen - etwa im Kulturzentrum Dreispitz - massiv eingebrochen und haben sich nie richtig erholt. Somit haben wir entschieden, vorerst aufzuhören. 2027 wird ein Jahr der Regeneration werden und wir schauen, was wir danach mit weniger Mitteln auf die Beine stellen können. Dann ist hoffentlich auch das Kult-X fertig umgebaut, was neue Möglichkeiten bieten könnte.
Ein Festival, das die Leute zum Lachen bringt, und hinter den Kulissen so viel Mühe. Woran hakt es im Ehrenamt?
Helfende für Bar, Einlass oder Kasse haben wir immer gefunden. Schwer zu besetzen waren die Schlüsselpositionen: Die Organisation des Helferteams, der Bar und der Künstlergarderobe, die Betreuung der Technik und insbesondere die Suche nach Sponsoren, Gönnern und der Gewinn neuer Mitglieder für den Kulturverein KIK. Das ist Arbeit, die man von Aussen nicht sieht. Diese Schlüsselpositionen über 25 Jahre immer wieder so zu besetzen, dass ein gutes Ganzes entsteht, wurde schwierig. Es fehlt an Freiwilligenarbeit, die qualifiziert und flexibel geleistet werden kann. Und dann kommt etwas dazu: Heute braucht es viel mehr Bürokratie als vor 25 Jahren.

„Heute braucht es viel mehr Bürokratie als vor 25 Jahren.“
Micky Altdorf, Programmchef und Gründer des Festival KIK
Wo spürt man das konkret?
Wer öffentliche Gelder bekommt, muss zu Recht Rechenschaft ablegen – das will ich gar nicht infrage stellen. Aber es bedeutet viel Papierarbeit: Verbunden mit einer Leistungsvereinbarung sind zum Beispiel neue Anträge oder Evaluationsfragebögen auszufüllen, und das braucht Zeit.
Zeit, die im Ehrenamt fehlt?
Oft leider ja. Wir sind ein Kulturverein, wir machen das als Hobby, aber mit dem Anspruch, nach aussen sehr professionell aufzutreten. Wenn die meisten Helfenden in ihrem eigentlichen Job 80 bis 100 Prozent arbeiten, ist das schwer zu stemmen. Meine Arbeit für das Festival hätte man wohl mit 25 bis 30 Stellenprozenten besetzen können. Jetzt bin ich Rentner, da könnte man sagen: Ich gebe nochmals Vollgas. Aber mit Ende 60 hat man vielleicht auch wieder Lust auf etwas ganz Neues.
21. & 22. Oktober: Ursus & Nadeschkin – «PRSPKTVNWCHSL»
23. Oktober: Max Uthoff – «UNS.ICH.ER» (Schweizer Premiere)
31. Oktober: Ulan & Bator – «Überraschungszwei»
3. November: Quichotte – «Guter Dinge» (Schweizer Premiere)
5. November: Andreas Rebers – «I gang grad wieder» (Schweizer Premiere)
12. November: Miss Allie – «Paradiesvogel Tour» (Schweizer Premiere)
13. November: Riklin & Schaub – «Lieder, die ins Augen gehen»
Die Veranstaltungen finden im Kulturzentrum Dreispitz in Kreuzlingen sowie in der Löwenarena Sommeri statt. Mehr zum Programm und den Tickets gibt es hier.
Wer 25 Jahre lang Kabarett veranstaltet, hat vieles mindestens zweimal gehört. Fehlte dir irgendwann auch die Energie weiter zu machen?
Jein. Mit den Inhalten hatte das nichts zu tun. Wir haben sehr unterschiedliche Festivals gemacht, und wenn Künstlerinnen und Künstler so wunderbar auf der Bühne stehen und das Publikum mitgeht, treibt einen das an. Ich habe mich als Gastgeber verstanden: Die Künstler sollen sich in Kreuzlingen wohl und wertgeschätzt fühlen, das Publikum soll anderthalb wunderbare Stunden erleben. Aber ich hatte schon mal eine Phase, in der ich am Limit gelaufen bin, obwohl es unglaublich Spass gemacht hat. Denn im Hauptberuf war ich Mathematiklehrer an der PMS, im 100-Prozent-Pensum. Irgendwann denkt man: Bevor ich das nächste Programm zusammenstelle, würde ich auch gern mal auf dem Sofa sitzen.
„Ich habe mich immer als Gastgeber verstanden.“
Micky Altdorf, Programmchef und Gründer des Festival KIK
Als Programmchef eines solchen Festivals wächst das Netzwerk über Jahre. Vertrauen zu Künstler:innen und Agenturen wächst kontinuierlich. Ist es am Ende das, was eine Nachfolgeregelung in deinem Bereich so schwierig macht - die Herausforderung, Erfahrung und Netzwerk an eine neue Person weiterzugeben?
Das ist die grosse Frage. Es ist kein Geheimnis, dass ich schon 2009/2010 versucht habe, eine passende Nachfolge zu finden - die Zukunft des Festivals lag mir immer am Herzen. Aber wer macht das schon hauptsächlich ehrenamtlich? Wissen kann man weitergeben. Beziehungen zu Agenturen und Künstlern beruhen aber auf Verbindlichkeit und Vertrauen, und diese überträgt man nicht eins zu eins. Dazu kommt der Standort: Kreuzlingen ist für Kabarett kein einfacher Veranstaltungsort. In einer grösseren Schweizer Stadt wäre es leichter gewesen. Auch wenn hier die Nähe zur Grenze ein Vorteil sein könnte und das Publikum viele Jahre auch aus Konstanz gekommen ist, was jedoch auch stark abgenommen hat.
Dabei hattet ihr immer ein durchmischtes Programm. Es kamen Kabarettist:innen aus der Schweiz, Österreich und Deutschland. Wie unterscheidet sich Kabarett von Land zu Land?
Uns wurde immer wieder vorgeworfen, es träten zu wenige Schweizerinnen und Schweizer auf. Aber wenn man diverses deutschsprachiges Kabarett zeigen will, braucht man eine Mischung. Schweizer Kabarett ist oft etwas zurückhaltender und poetischer. Deutsche Kabarettisten und Kabarettistinnen sind direkter und bissiger. Und das österreichische Kabarett lebt mehr vom Schauspiel, ist teils provokanter.
„Heute muss vieles politisch korrekt ausgedrückt werden und es gibt verschiedene Lager. Grenzüberschreitungen sind kaum mehr en vogue.“
Micky Altdorf, Programmchef Kabarett in Kreuzlingen
Ist es heute schwieriger geworden, Kabarett erfolgreich zu veranstalten? Oder anders gefragt: Ist Kabarett nicht mehr zeitgemäss?
Es stimmt, dass man heute junges Publikum offenbar weniger mit Kabarett erreicht. Woran das liegt, darüber kann ich nur mutmassen. Satire ist für mich ein Stück weit dazu da, das Weltgeschehen ironisch zu verarbeiten. Heute muss vieles aber politisch korrekt ausgedrückt werden und es gibt verschiedene Lager. Einzelne Künstler haben es deshalb nicht unbedingt schwerer, aber die Erwartungshaltung an ein ganzes Festivalprogramm ist heute eine andere: Grenzüberschreitungen sind kaum mehr en vogue. Ob das eine Veränderung der letzten 20 Jahre ist, weiss ich nicht. Sicher ist jedoch: Vor 20 Jahren konnte man Säle mit 500 bis 600 Plätzen füllen. Bei einem Abend mit Max Uthoff, der aus dem ZDF-Format «Die Anstalt» bekannt ist, muss ich heute froh sein, wenn knapp 300 Zuschauer kommen.
Comedians füllen heute grosse Hallen. Warum seid ihr nie auf den Comedy-Zug aufgesprungen?
Ich bin kein Comedy-Gegner. Aber ich war immer ein Gegner davon, bei Kulturanlässen den Eventcharakter über den Inhalt zu stellen. Mir ist künstlerischer Anspruch wichtiger als kommerzieller Erfolg. Torsten Sträter ist für mich ein Grenzgänger, ihm höre ich gern zu, er erzählt wunderbare Geschichten. Mir fehlen bei Comedy meistens die Überraschungsmomente, die Bissigkeit, die Hintergründigkeit und die Provokation. Lisa Eckhart wandert auf der Grenze zwischen erträglich und unerträglich, sie lässt einen nicht kalt. Das finde ich spannender.
„Mir fehlen bei Comedy meistens die Überraschungsmomente, die Bissigkeit, die Hintergründigkeit und die Provokation.“
Micky Altdorf, Programmchef Kabarett in Kreuzlingen
Grundsätzliche Frage: Was macht guten Humor aus?
Eine allgemein gültige Definition ist schwierig, da hat jeder seine eigene Vorstellung. Für mich ist es das Unerwartete, Überraschende - und nichts, was auf Kosten anderer geht.
Blicken wir nochmal in ein paar Schnellschüssen zurück auf die letzten 25 Jahre: Bei welchem Abend hast du am meisten gelacht?
Bei Rolf Miller. Ich liebe seine Bühnenfigur, da kann ich mich wegschmeissen. Und bei Alfred Dorfer, wenn man nicht weiss, ob man lachen oder weinen soll. Manchmal bleibt einem das Lachen im Hals stecken - und trotzdem ist es befreiend.
Welches Programm hat dich am meisten überrascht?
Lisa Eckhart. Ich hatte sie in der Nähe von Freiburg gesehen, bevor ich sie engagierte und dann kam sie am Anfang ihrer Karriere mit einem neuen Programm ins kleine Theater an der Grenze. Diese 90 Minuten waren so dicht, intelligent, provokativ und so gut.
Welcher Künstler, welche Künstlerin hatte das grösste Lampenfieber?
Da kann ich keine Namen nennen - das sind ja alles Profis. Aber was ich sagen kann: Auf den Stufen hinter der Bühne spürt man bei allen eine gewisse Anspannung. Sobald das Programm beginnt, ist sie weg, wie wenn man einen Schalter umlegt.
„Auf den Stufen hinter der Bühne spürt man bei allen eine gewisse Anspannung.“
Micky Altdorf, Programmchef Kabarett in Kreuzlingen
Und wer war in der Betreuung am anstrengendsten?
Erstaunlich wenige. Wenn man auf die Wünsche der Künstler eingeht, kommen sie gern wieder. In der Fremde bist du als Veranstalter oft die einzige Person, die sich um deren Wohlergehen kümmert: ein warmes Wort, ein Getränk oder eine kleine Aufmerksamkeit in der Garderobe. In der Kabarettszene geht es sehr freundschaftlich zu. Ich habe das beim Veranstalten in der Musikszene schon ganz anders erlebt.
Wen würdest du nicht wieder buchen?
Namen nenne ich keine. Aber ein Fernsehausschnitt von fünf Minuten ist noch nicht aussagekräftig für ein abendfüllendes Programm auf einer Kleinkunstbühne. Die Dramaturgie eines Ein-Personen-Stücks muss so gut sein, dass man im Publikum sitzend nicht anfängt, über seinen Arbeitstag nachzudenken.
Du hast es eingangs gesagt: 2027 soll ein Übergangsjahr werden, den Verein zum KIK gibt es weiter. Sieht man dich bald wieder an der Einlasskontrolle?
Ich könnte mir zwei, drei Einzelveranstaltungen im Jahr vorstellen. Wenn mich jemand dermassen fasziniert, dass ich sage: Den oder die will ich veranstalten. Oder ein Minifestival im Herbst: drei Künstlerinnen und Künstler, drei Generationen, drei Tage. Im Kult-X ist der Aufwand viel geringer, Infrastruktur, Technik und Bar sind da. Gleichzeitig gibt es ein Überangebot an Veranstaltungen, auf das wir auch reagieren. Die Wertschätzung der Stadt spüre ich. Ich lasse es offen.
„Die Wertschätzung der Stadt spüre ich.“
Micky Altdorf, Programmchef Kabarett in Kreuzlingen
Letzte Frage: Mit welchem Gefühl gehst du ins letzte Festival?
Mit einer Mischung aus grosser Freude und Wehmut. Noch überwiegt jedoch die Anspannung – wie vor jedem Festival – sonst funktioniert es nicht.
Video: Riklin & Schaub im SRF (beim KIK am 13. November)
Video: Miss Allie bei 3sat (beim KIK am 12. November)
Video: Andreas Rebers über Demokratie (beim KIK am 5. November)

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