von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 22.09.2026
Die Meisterin der Beiläufigkeit

Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit „Angerichtet“ ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Es gibt Sätze, die kann in dieser Weise fast nur Zsuzsanna Gahse aneinanderreihen. Sie hat das in ihrer langen schriftstellerischen Tätigkeit mehrfach bewiesen, sie führt es auch jetzt in ihrem neuen Buch „Angerichtet“ vor. Direkt im ersten Text („Die Post“) schreibt sie: „Den türkischen Laden gibt es nicht mehr/keine Gemüseauslage vor dem Geschäft/der Besitzer hat sich das Leben genommen“. Banales und Existenzielles so zu kombinieren, das ist eine der vielen Fähigkeiten, die die in Müllheim lebende Autorin in den vergangenen Jahrzehnten zur grossen Meisterschaft getrieben hat.
Es ist noch gar nicht so lange her, da hatte Zsuzsanna Gahse, die 1946 in Budapest geborene, seit Jahrzehnten im Thurgau lebende Schriftstellerin und Übersetzerin, öffentlich gehadert mit dem Schreiben und vor allem mit dem Weiterschreiben. „Vielleicht ist das jetzt mein letztes Buch“, hatte sie im Gespräch mit thurgaukultur im vergangenen November kurz vor ihrem 80. Geburtstag gesagt. Damals war „Spielbeginn“ erschienen und sie dachte darüber nach kürzer zu treten. Nicht mal ein Jahr später liegt nun ein neuer Band aus ihrer Feder vor. Er trägt den Titel „Angerichtet“ und zeigt einmal mehr Gahses Lust an der Auseinandersetzung mit Sprache.
Die Doppelbödigkeit der Sprache
Allein der Titel: „Angerichtet“ spielt offensichtlich mit der Koch-Metapher – die „Rezept Nr. 1-11“-Gedichte machen das explizit, mit dem schönen Fund „kuchig ist das Wort, das ich seit einer Weile gesucht habe“. Aber „angerichtet“ heisst umgangssprachlich eben auch „ruiniert“, „erledigt“ – und genau diese Spannung zwischen Genuss an der Sprache und dem, wovon die Sprache handelt (Verlust, Alter, gesellschaftlicher Umbruch), trägt das ganze Buch.
Darin finden sich verschiedene Formen: Gedichte, Erzählungen, Dramen, Essayistisches. Die kürzeren Texte funktionieren alle nach einem ähnlichen Prinzip: kurze, betitelte Einheiten, die sich aus Beobachtung, Aufzählung und einer aphoristischen Zuspitzung am Ende zusammensetzen. „Augen“ endet mit „ich bin meine Augen“, „Tonspur“ mit dem Bild, das die Musik aus den Sprachen herausfiltern und wieder zurückfüllen will. Diese Volte am Schluss – oft ein einziger, fast schon sentenzhafter Satz – ist eines ihrer zentralen strukturellen Mittel.
Musik, Politik und Sprache
Dieses Mittel legt auch etwas anderes offen: Gahses Faible für Rhythmus und Musik. Die Auseinandersetzung mit Pausen, Synkopen und Innehalten ist nicht nur thematisch, sondern strukturell – sie spiegelt, wie die Texte selbst funktionieren: Beobachtung, Innehalten, dann die knappe Zuspitzung.
In dem bereits erwähnten Interview mit thurgaukultur hatte sich die Schriftstellerin auch etwas enttäuscht darüber gezeigt, dass sie so selten als politische Autorin wahrgenommen werde. Tatsächlich kann man nun in einzelnen Texten des neuen Buches erkennen, dass sie sehr wohl politisch ist. Dies äussert sich bei Gahse allerdings sehr oft in einer Sprachkritik.
Mehrere Stellen in „Angerichtet“ zeigen ihr Kernthema: das Misstrauen gegenüber vorgefertigten Wörtern, besonders politischen. Die Aufzählung „Demonstranten, Rebellen, Separatisten, Abtrünnige, Meuterer, Protestierende“ und die Unsicherheit, „bei welchem Land und in welchem Fall“ welches Wort zulässig ist, ist typisch für sie – Sprache wird nie neutral genommen, sondern als etwas, das von Macht und Perspektive eingefärbt ist.
Zsuzsanna Gahse, »Angerichtet«
Originalausgabe Edition Korrespondenzen
144 Seiten, Hardcover, Fadenheftung, mit Schutzumschlag und Lesebändchen
€ 25,– inkl. MwSt
ISBN 978-3-902951-89-2
Erschienen im Juli 2026
Wie sich die Autorin selbst zitiert
Allerdings: Die lange Aufzählung von Verlust-Wörtern („verlieren, einbüßen, verschlampen, flötengehen“ bis „verrotten, einrosten, herunterkommen“) aus „Oh, Roman“ funktioniert exakt wie die Demonstranten-Liste aus „Im Boot“ – nur ist das Thema hier nicht Politik, sondern Tod/Zerfall/Verlust im Allgemeinen. Das legt nahe: Gahse geht es nicht nur um Sprachskepsis gegenüber politischen Kategorien, sondern grundsätzlicher um die Frage, wie viele beinahe identische Wörter nötig sind, um sich einer schwer aussprechbaren Sache anzunähern – als ob ein einzelnes Wort nie ausreicht.
Das andere, überraschendere Thema ist institutionelle Kontrolle und ihre Kehrseite, der Verlust von Privatheit. In „Verrenkt“ zählt die Erzählerin sämtliche Wohnsitze auf, die im Laufe ihres Lebens ausgeraubt, aufgebrochen oder abgebrannt sind – vom Bodensee bis Thailand –, und findet dafür das Kunstwort „deprivatisiert“. In „Grenzen“ werden Zöllner zu „wandernden Grenzpflöcken“, die die Landesgrenze wie eine Amöbe verformen. Diese Texte handeln von einem Leben, das immer wieder von aussen durchsucht, kontrolliert, bestohlen wird – biografisch naheliegend bei einer Autorin, die 1956 als Kind aus Ungarn fliehen musste.
Die Frage nach dem eigenen Ich
Und schliesslich: die Frage nach dem eigenen Ich. Im bereits erwähnten Text „Augen“ heisst es lakonisch „ich bin meine Augen“; in „Ich“ spricht die Erzählerin ihr eigenes Selbst als eine Person an, die ihr davongelaufen ist und sich versteckt – eine Art Vermisstenanzeige an sich selbst, die trotz komischer Anklänge (Schminken und Haarefärben als „Ablenkungsversuche") unheimlich endet.
Bemerkenswert in dem Buch ist, dass die Autorin Einblicke in ihr Schaffen und ihre Arbeitsweise gewährt. In „Rothaarmann“ schreibt Gahse offen darüber, dass sie eine Figur aus „Oh Roman“ ungeplant in mehreren Büchern wiederverwendet hat, und vergleicht das mit Hitchcocks Kurzauftritten in seinen eigenen Filmen. Gahse macht die Selbstzitation zum expliziten Thema ihrer Poetik.
Ein Buch als Kommentar zum eigenen Werk
„Angerichtet“ wird so auch zu einem Werk, das sein eigenes Verfahren offenlegt und die eigene Pointen-Ästhetik zum eigenständigen Material erhebt. Das Buch ist damit auch ein Kommentar zum eigenen, jahrzehntelangen Œuvre – eine Art poetologische Selbstauskunft im Spätwerk.
Was das Buch zusammenhält, ist also weniger ein Thema als eine Haltung: eine beständige Weigerung, sich mit dem ersten, naheliegenden Wort oder Bild zufriedenzugeben. Wer schnelle Lektüre sucht, wird an mancher Stelle irritiert sein – die knappen Texte verlangen genaues Lesen. Wer sich darauf einlässt, findet ein Alterswerk, das leichtfüssig bleibt, ohne harmlos zu sein.
„Angerichtet“ ist kleinteilig, assoziativ, zwischen Anekdote, Sprachreflexion und plötzlichem Ernst wechselnd - ein Werk, das gerade in seiner scheinbaren Beiläufigkeit oft am stärksten ist.

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