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Die Stimmen der anderen

Die Stimmen der anderen
Sie ist viele: Die Künstlerin Sarah Hugentobler in einer Szene ihres Bühnenstücks «Bin ich das? Ein Solo für Viele». | © Ben Zurbriggen

Im Sommer war Sarah Hugentobler mit ihrem ersten Bühnenstück ans Theaterfestival in Avignon eingeladen. Jetzt zeigt sie «Bin ich das? Ein Solo für Viele» auch im Phönixtheater in Steckborn. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Wer bin ich? Woher komme ich? Zu wem gehöre ich? Was wird aus mir? Es gibt so ein paar Fragen im Leben, die stellt sich jede und jeder irgendwann. Manchmal auch zeitgleich. Fragen der Identität sind zentral geworden in unserer Gesellschaft. Man kann leidenschaftlich darüber streiten oder auch etwas Verbindendes darin finden. Es kommt immer auf die Perspektive an.

Insofern war es vielleicht keine schlechte Idee, dass die aus dem Thurgau stammende und heute in Bern lebende Künstlerin Sarah Hugentobler Identitätsfragen zum zentralen Element ihres ersten Bühnenstücks gemacht hat. Entwickelt hat sie es vor einem Jahr für das Theater Schlachthaus in Bern. Im vergangenen Juli war sie mit «Bin ich das? Ein Solo für Viele» im Rahmen der «Selection Suisse» von Pro Helvetia zu Gast beim Theaterfestival in Avignon, und am 24. Oktober zeigt die Künstlerin die Produktion auch im Thurgau – genauer gesagt im Phönixtheater Steckborn.

Video: Trailer zu «Bin ich das? Ein Solo für Viele» 

Rätselhaft, klug, komisch

Zu beschreiben, was das Stück ausmacht, ist allein mit Worten gar nicht so einfach. Weil es eben so viel ist. Vielleicht muss man es so erklären: Sarah Hugentobler packt ihr bisheriges künstlerisches Schaffen (Ausstellungen, Videokunst) in einen Hut, rüttelt gut durch und wirft es in neuer Zusammensetzung auf eine Livebühne. «Ich hatte das Gefühl, dass ich bei bestimmten Themen allein mit Ausstellungen nicht weiterkam. Es brauchte eine andere Form, es brauchte eine andere Resonanz, so entstand die Idee mit dem Liveprogramm», erklärt die Künstlerin selbst den Wandel.

Wobei es den Wandel nicht so ganz trifft. Hugentobler hat ja auch schon vorher Performances gemacht, sie hat mit digitalen Mitteln gespielt und versucht, die Komplexität dieser Welt in ihrer eigenen rätselhaften, klugen und oft sehr komischen Art zu spiegeln.

Aber jetzt war da eben auch der Wunsch nach Begegnung, Konfrontation und der direkten Auseinandersetzung mit einem Publikum, das ihr in Ausstellungen eher nicht gegenübersteht oder sitzt. Ausserdem wollte sie auch den digitalen Raum verlassen, ins echte Leben hinein. Nicht, um der Digitalität «Lebwohl» zu sagen, aber doch auch, um frische Luft ans eigene Werk zu lassen.

 

Konzert für zwei Hunde: Es wird auch musiziert in Sarah Hugentoblers erstem Bühnenstück. Bild: Ben Zurbriggen

Die Dekonstruktion der Stimme

Jetzt also ein knapp einstündiges Bühnenstück. Wer den Trailer sieht, wird all die Hugentobler-typischen Elemente aufscheinen sehen. Das Mysteriöse. Leicht Unheimliche. Das Schlaue und das Nachdenkliche. Das Urkomische und das herrlich Absurde.

Im Pressetext zum Stück steht: «Sarah Hugentobler leiht ihren Körper den Stimmen und Erzählungen anderer Menschen. So entfaltet sich aus einer einzelnen Performerin durch die Verbindung von Lip Sync (die Künstlerin bewegt die Lippen zu einer Stimme anderer, d. Red.) und Videoprojektion ein klingendes Kaleidoskop aus unterschiedlichsten Identitäten.» Klingt gut, aber was heisst das genau?

«Was mich an der Arbeit vor allem interessiert hat, war die Bewegung vom Digitalen ins Analoge und genau zu beobachten, wie sehr Sprache und Stimme die eigene Identität prägen. Unsere Stimme transportiert ja so viel mehr Informationen als den reinen Text», sagt Sarah Hugentobler im Gespräch mit thurgaukultur.ch.

In ihrem Programm schraubt sie das alles genussvoll auseinander: die Stimme, den Text, den Körper, die Mimik. Wenn man so will, trifft diese Dekonstruktion auf einer anderen Ebene auf eine Vervielfältigung: Hugentobler steht nicht allein auf der Bühne, sondern wird von digitalen Avataren ihrer selbst begleitet, die das Bühnengeschehen kommentieren und beobachten.

 

Was bedeutet es heute Künstlerin zu sein?

In einer Serie für thurgaukultur hat Sarah Hugentobler in fünf kurzen Videos Einblicke in ihren Arbeitsalltag als Künstlerin gegeben. Alle Beiträge aus der Serie gibt es bei uns im Magazin. Und zwar hier. 

 

Zwischen Körper und Stimme: Sarah Hugentobler dekonstruiert und fügt neu zusammen in ihrem Stück. Bild: Ben Zurbriggen

Drei Interviews als Basis des Stücks

«Die Stimme wird dabei zum zentralen Identitätsmerkmal – losgelöst von Geschlecht, Alter und Aussehen. Ich leihe all diesen Stimmen meinen Körper. So haben alle dasselbe Aussehen, wodurch die Unterschiede in den Stimmen umso stärker hervortreten», beschreibt die Künstlerin die Idee hinter dem Bühnenprojekt. Die Stimmen, die zu hören sind, basieren auf Interviews, die Sarah Hugentobler selbst geführt hat. Mit einer Künstlerin, dem Nachbar ihrer Eltern und einem Kind. Gesprochen haben sie dabei vor allem über die jeweiligen Leben der einzelnen befragten Menschen. «Obwohl alle drei sehr unterschiedlich sind, gibt es doch auch erstaunliche Parallelen zwischen ihnen. Im Stück versuche ich auch das aufzuzeigen.»

Es wird in dem Stück aber nicht nur gesprochen. Wie auch schon in früheren Performances überträgt Sarah Hugentobler das Lip-Sync-Prinzip hier auch auf das Spielen von Instrumenten. Sie tut also, als ob sie eine Geige spielt, während die Musik vom Band kommt. Playback wird hier zur Kunstform. Was bei Menschen die Frage nach Identität ist, ist in Bezug auf Werke die Frage nach der Originalität. Oder kürzer gefasst: Wer hat’s zuerst erfunden? Die Künstlerin greift damit eine zentrale Debatte des Kunstbetriebs auf: Wo hört die Nachahmung auf und wo beginnt das eigenständige Werk?

Fragen, die über die Kunst hinausreichen

Es sind Fragen, die weit über die Kunst hinausreichen. Sarah Hugentobler nähert sich ihnen auf ihre eigene Weise: spielerisch, mit digitalen Mitteln und mit einem feinen Gespür für die Absurditäten menschlicher Identität. Am 24. Oktober lässt sich im Phönixtheater Steckborn entdecken, was daraus auf der Bühne wird.

Video: Stephan Hermann und Sarah Hugentobler gehen der Frage nach, was Frieden im Hier und Jetzt bedeutet. 

Video: Fuge in HD (LypSync-Performance)

 

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