von Brigitta Hochuli, 09.04.2016
Status quo in Berg Karabach

Brigitta Hochuli
„Krieg ohne Krieg“ heisst der Titel eines Bildbandes, den Nadine Olonetzky über die Arbeit des Thurgauer Fotografen Meinrad Schade herausgegeben hat. Bisher hat er seine preisgekrönten und berühmt gewordenen Fotografien tatsächlich an den zeitlichen Rändern von Kriegen aufgenommen. Unter anderem in Berg-Karabach im Jahr 2011. Wir sehen zum Beispiel einen 19-jährigen Soldaten mit leerem Blick, das Bild sagt mehr als jede explodierende Bombe. Der Soldat leistete einen zweijährigen Dienst an der sogenannten Frontlinie zwischen Armenien und Aserbeidschan, zwischen denen seit 20 Jahren ein ungelöster Konflikt herrschte.

Soldat in Berg Karabach, ©Meinrad Schade
Anfang April ist der Krieg wieder ausgebrochen und aktuell wieder zum wohl brüchigen Stillstand gekommen. Das hat mich berührt und betroffen gemacht, und ich habe Meinrad Schade gefragt, wie es ihm bei der Nachricht ergangen sei. Hier seine etwas ernüchternde Antwort:
„Das Aufflammen des Konflikts hat mich nicht weiter überrascht. Seit 1994, dem Waffenstillstand, stehen sich die beiden verfeindeteten Armeen in Sichtweite gegenüber, und es kommt immer wieder zu Scharmützeln mit Toten auf beiden Seiten. Davon hört und liest man aber wenig hier. Okay, die jetzige Eruption des ungelösten Konflikts ist die heftigste seit 1994, so erfahre ich aus den Medien. Das mag sicher zutreffen. Doch ich glaube nicht daran, dass jetzt ein ,richtiger‘ Krieg ausbricht. Ich könnte mir gut vorstellen, dass in wenigen Wochen niemand mehr darüber spricht, bis zur nächsten Eruption. Aber ich bin kein Experte und Kenner, kann mich auch täuschen. An einen wirklichen Frieden glaube ich in absehbarer Zeit nicht oder in anderen Worten: das werde ich nicht mehr erleben. So wie ich es mir vorstellen kann, dass ich auch keinen Frieden zwischen Israel und Palästina mehr erleben werde. Das sind unglaublich komplizierte Prozesse mit vielen Akteuren. Und es ist immer so, dass gewisse Akteure vom Zwischenzustand profitieren oder zumindest keinen Grund sehen, am Status quo etwas zu ändern. Eine Friedenslösung zwischen Armenien und Aserbeidschan würde zum Beispiel von Armenien verlangen, gewisse Gebiete zurückzugeben. Russland, die Schutzmacht von Armenien liefert Waffen an Armenien und Aserbeidschan. Eine Friedenslösung würde auch bedingen, Feindbilder abzubauen. Feindbilder sind aber auch der Kitt für eine nationale Identität und Nahrung für politische Stärke.“
Meinrad Schade arbeitet zurzeit an einem weiteren Kapitel zu „Krieg ohne Krieg“ in Israel und Palästina. Dieses Projekt hat unter anderem 2015 ein Förderbeitrag des Kantons Thurgau ermöglicht.
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„Für Spannung ist gesorgt“ - Interview mit Meinrad Schade
Meinrad Schade gewinnt in Berlin Reportage-Preis
"Fast alles neu": Jahresbericht Kustiftung 2012 (13)
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