von Brigitta Hochuli, 18.05.2010
Spielen gegen die Kunstschwellenangst

Das Freie Theater Thurgau ist auf der Suche nach dem professionellen Volkstheater Ein Werkstattgespräch mit Regisseur Jean Grädel zur Aufführung von Dario Fo’s Stück «Bezahlt wird nicht» im Phönix-Theater Steckborn.
Interview: Brigitta Hochuli
Herr Grädel, «Bezahlt wird nicht» ist ein Stück des Klassenkampfs vor dem Hintergrund des rechtsextremen Bombenterrors 1969 bis 1974 in Italien. Insbesondere thematisiert Dario Fo die hohen Lebensmittelpreise und generell die Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiterschaft durch Wirtschaftsbosse und Polizeistaat. Gibt es nicht aktuellere Themen?
Jean Grädel: Das Thema ist super aktuell! Wir verwenden Fo’s Neubearbeitung aus dem Jahr 2000 und ich habe das Stück nochmals bearbeitet mit Blick auf die heutige Wirtschafts- und Finanzkrise. So habe ich es aktualisiert, ohne die komödiantische Setzung zu verändern.
Also Klassenkampf à la 2010?
Grädel: Nein. Ich bin gegen Klassenkampf auf der Bühne. Die Geschichte erzählt nach wie vor davon, dass Frauen den Supermarkt stürmen. Es ist eine Tatsache, dass 38 Prozent der Schweizer extreme Mühe mit dem Familienbudget haben. Nur spricht kaum jemand davon.
Es scheint fast, als hätten Sie das Stück zu einem modernen Lehrstück umgeschrieben.
Grädel: Nein. Dario Fo hat sein Thema ins Extreme getrieben, anders funktioniert die Farce nicht. Diesen Mechanismus habe ich gelassen.
Und was offenbart er?
Grädel: Dass man Probleme wie Betriebsschliessungen, Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit unter dem Deckel hält und verharmlost. Dabei sind das extreme Belastungen.
Dario Fo hat bei seiner Arbeit jeweils das Publikum mit einbezogen. Tun Sie das auch?
Grädel: Nicht so direkt. Wir sind nicht eine Compania wie die seinige es damals war. Nicht jeder in unserem Ensemble steht hinter dem ursprünglich Klassenkämpferischen. Viel wichtiger ist, dass Fo zum Volk geht und das Publikum direkt anspricht. Er hat nie gesagt, er mache Kunst. Er versteht sich als Spielmann und Komödiant, der wie die Narren zu monarchischen Zeiten die Wahrheit ans Tageslicht bringt.
Formal ist das Stück aber so genanntes Situationstheater und erinnert an Brecht. Ist das heute nicht etwas verstaubt?
Grädel: Situationstheater ist fern jeder Psychologie und innerer Befindlichkeiten. Das Wunderbare daran ist: Die Theaterfiguren reagieren auf immer wieder neue Situationen und treiben so das Stück voran. Seine Ästhetik zieht Fo aber aus der italienischen Volkstheatertradition. In «Bezahlt wird nicht» begegnen wir denn auch verschiedenen Commedia-dell’arte-Typen wie der bauernschlauen Arbeiterfrau Antonia oder dem Harlekin Luigi. Diese Theaterfiguren sind ständig daran, mit immer neuen Einfällen ihren Hunger zu bekämpfen.
Aber was ist mit der Nähe zu Brecht?
Grädel: Was ich mache, ist die Suche nach dem professionellen Volkstheater, das ist gleich wie bei Brecht. Ich suche Stoffe und Spielweisen, die die Menschen so direkt berühren, dass sie den Inhalt leicht verstehen und keine Kunstschwellenangst zu haben brauchen. Dabei sind die Mittel der Farce und der Satire wichtige Elemente, weil sie eine breite Schicht ansprechen und man übers Lachen Erkenntnisse gewinnen kann.
Ist das professionelle Volkstheater im Thurgau nicht schon mit dem See-Burgtheater vertreten?
Grädel: Schon, aber ich habe etwas Anderes im Sinn. Ich möchte Projekte entwickeln, die mit dem Thurgau zu tun haben.
Das ist aber spannend! Worum geht es konkret?
Grädel: Das kann ich noch nicht sagen. Ich arbeite daran. Und wir arbeiten an Spielweisen, die für die meisten ungewohnt sind.
Wie funktionieren diese Spielweisen genau?
Grädel: Die Schauspieler sollen nicht nach der Psychologie ihrer Figur forschen. Sie spielen Typen. Sie kommen mit dem Text ihrer Figur auf die Szene, werden konfrontiert mit den Partnerfiguren und der Situation und reagieren darauf. Über dieses Spiel machen sie Erfahrungen und bringen ihre eigenen Ideen ein. Ich will eine Atmosphäre schaffen, in der alle kreativ werden können in einem sanktionsfreien Raum. Am Schluss ordne ich das dann.
Das klingt ziemlich chaotisch. Gibt es Ordnungsprinzipien?
Grädel: Ja. Die Aufführung muss unterhaltend sein, Identifikationsfiguren zeigen, einen klaren Rhythmus und einen Spannungsbogen haben. Ich bin diese langweilenden Experimente leid, die das Theater neu erfinden wollen. Ich mache nicht Kunst, sondern Theater, das vom hiesigen Publikum angenommen wird.
Sie sprechen die Unterhaltung an. Das Stück ist ja auch als Komödie oder Schwank angelegt. Mir bleibt beim Lesen aber das Lachen im Hals stecken.
Grädel: In der Tat wurde das Stück in den 1970er Jahren in Deutschland zu Tode gespielt. Das deutschsprachige Theater war auf diese Art Theater nicht vorbereitet. Mir ist wichtig, dass man die Figuren, die ökonomischen Zwängen ausgesetzt sind, als liebenswürdige Menschen gern bekommt. Deshalb habe ich die Schwankelemente auch nicht gestrichen. Schliesslich muss ich das Publikum zwei Stunden lang bei der Stange halten. Bei den Proben wird jedenfalls herzhaft gelacht. Aber die Frage bleibt natürlich, ob die Zuschauer den gleichen Humor haben wie ich.
Am Schluss des Stücks wünscht sich ein Chor den freien und zufriedenen Menschen. Ihr eigenes, 2008 gegründetes Theater heisst Freies Theater Thurgau. Fühlen Sie sich im Thurgau unfrei?
Grädel: Überhaupt nicht! Wir heissen so, weil wir Freischaffende sind.
Wo stehen Sie denn politisch?
Grädel: Ich gehöre keiner Partei an. Ich bin ein freidenkender Sozialist ohne Bindung, habe immer meine Meinung gesagt und in meiner Theaterkarriere viele gesellschaftskritische Themen aufgegriffen.
Auf den Thurgau bezogen – was wäre hier kritisch aufzugreifen?
Grädel: Dass vieles unter den Teppich gekehrt wird. Man redet nicht miteinander. Und solange man nicht redet, sind die Probleme auch nicht vorhanden. Ausserdem kennt man sich halt so – unter Advokaten oder vom Militärdienst. Gefragt ist das Mittelmass. Man soll möglichst nicht auffallen. Da wird man schnell zum Aussenseiter.
Sie auch?
Grädel: Nein, ich habe keine Probleme. Aber andere Künstler haben ihre Schwierigkeiten, und zwar gerade weil sie ursprünglich und ehrlich sind. Auch erlebe ich die persönlichen Tragödien von Bauern aus meiner Umgebung, die sich von der Politik und von ihren Verbänden nicht unterstützt fühlen. Dazu suche ich übrigens schon lange nach einem Theaterstück.
Herr Grädel, wie lautet für den Thurgau Ihre Vision?
Grädel: Wir sollten in gesellschaftlichen Fragen offener miteinander umgehen. Toll wäre eine Landsgemeinde, auf der alle vom Regierungsrat über den Rechtsanwalt bis zum Arbeiter das gleiche Recht haben, ihre Meinung zu äussern. Und eine Kulturlobby, der sich Tausende anschliessen.

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