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von Niculin Janett, 17.07.2015

Amazing Days

Amazing Days
Gemischte Gefühle beim Broadway-Besuch: Dick aufgetragener Kitsch und offensichtlich ausgelebter Ami-Nationalstolz. Und trotzdem: Unser Autor verlässt bewegt das Musical. | © Niculin Janett

Ein Musical mit viel Pathos, Blechkannen mit viel Rost, traurige Kürbisse und einkehrender Alltag. Es geht weiter mit ein paar Geschichtchen aus dem Big Apple.

Niculin Janett

Amazing Grace. Kennt ihr? Ich auch. Eine Hymne, die ich schon einige Male an Hochzeiten und Beerdigungen zu spielen hatte. Ein Lied, welches sehr direkt mit der amerikanischen Identität verbunden ist. In meinem letzten Eintrag hatte ich ja von diesem Musical-Preview erzählt, welches ich mir anschauen wollte.

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Nun denn, dieses Musical hiess nun eben „Amazing Grace“. Es erzählt die Geschichte hinter diesem Lied. Grob zusammengefasst: John Newton ist Kapitän eines britischen Sklavenschiffs irgendwo Mitte des 18. Jahrhunderts. Zuerst ein skrupelloser Ausbeuter, lassen ihn seine Erlebnisse buchstäblich das Schiff wenden um am Ende viele Sklaven von ihrem Joch zu befreien. Er wird zu einem religiösen Mann und komponiert, basierend auf seine „Bekehrung“, das Lied Amazing Grace.

Schöner Kitsch: Amazing Grace (Bilder: Niculin Janett)

 

Die Broadway-Musicalindustrie ist eine unglaublich gut geölte Maschine. Nichts ist dem Zufall überlassen, alles bis ins letzte Detail geplant. Sehr beeindruckend. Fünf Jahre wurde an „Amazing Grace“ gefeilt, nun ist die Show reif für den Broadway. Zum Glück konnte ich dank Vitamin B gratis rein, sonst wäre meine Kreditkarte um digitale $135 leichter gewesen...

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Eine wirklich beeindruckende Show. Perfekte Performance, wunderbar geschriebene Musik, erstaunliche Kulissen. Perfekt platzierter Druck auf die Tränendrüsen.
Mit gemischten Gefühlen verlasse ich das Theater. Ich finde es grossartig, dass die (leider hochaktuelle) Thematik der Sklaverei und des Rassismus in einem solch populären Rahmen angesprochen wird. So kommen vielleicht immer mal wieder auch Leute mit dem Thema in Kontakt, welche sich normalerweise nicht mit dieser Problematik beschäftigen.

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Durch den enorm dick aufgetragenen Kitsch und den trotz allem sehr offensichtlich ausgelebten Ami-Nationalstolz verliert die Story aber schon einiges an Dringlichkeit. Ich hatte das unangenehme Gefühl, dass viele Zuschauer am Ende nicht wirklich nachdenklich nach Hause gingen, sondern eher mit dem schwungvollen Gedanken „Bravo, dieses Sklaverei-Problem haben wir super gelöst. Wir sind stolz auf unser schönes Land“. Aber vielleicht bin ich unfair und überkritisch. Weil, die grundsätzliche Thematisierung ist schon viel wert. Eben. Mit gemischten Gefühlen.

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In other news of the week:


Gestern parkierte eine rostige Chevrolet-Badewanne um die Ecke meines Proberaums. Die Kiste erinnerte mich an etwas. Und tatsächlich, das Auto und mein Saxophon scheinen etwa gleich alt zu sein...

 

 Chevrolet versus...

...Martin Committee II.

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The Sad Pumpkins are whole again! Noam Szyfer ist vor ein paar Tagen in New York gelandet, da wurde es Zeit für einen Americana-Eiskaffee in Greenpoint, Brooklyn. In den nächsten Wochen drehen wir den zweiten Videoclip, so please stay tuned for that!

The Sad Pumpkins in zivil, mit Kaffee vom „Bakin' Cookie“.

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Ich habe mich langsam aber sicher in einer regelmässigen Tagesroutine wiedergefunden. Aufstehen, Quartierspaziergang, Frühsück, Büro. Am Nachmittag postiere ich mich in meinem Probekabäuschen und geniesse seit Langem wieder mal die Zeit, Saxophon-Maintanance zu betreiben. Sprich: Mein saxophonistisches Handwerk zu säubern.Dabei geht's nicht darum, das Improvisationsrad neu zu erfinden, sondern die Basic-Jazzroutine zu ölen.

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Details dazu gibt's aber dann im Eintrag für nächste Woche – ein kleiner Ausflug in meine (hoffentlich dann nicht allzu anstrengende) Improvisations-Ideologie.
Es wird auch langsam aber sicher Zeit, mich auf meine Studiosession im September vorzubereiten, Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass sich meine Kompositionen leider nicht von selbst üben...

Viele Achtelnoten für die Quartett-Session im September.

Alright, so much for now. Have a nice day, stand clear of the closing doors, please!

 

Ein Jazzer in New York

Niculin Janett (25) lebt seit seiner Geburt in Sulgen. Der Saxophonist, Sänger und Komponist studierte an der Zürcher Hochschule der Künste Jazzsaxophon. Seit 2008 ist er in verschiedensten Formationen aktiv. Seine Hauptprojekte sind Janetts Jazzmusik-Baukasten, das Duo The Sad Pumpkins und die Volksmusik-Familienkapelle C’est si B.O.N. Von Juli bis September 2015 ermöglicht ihm der Kanton Thurgau einen Atelieraufenthalt in New York City. Diesen will er nutzen, um seine instrumentalen Fähigkeiten weiterzuentwickeln, Freiraum für das Komponieren zu haben und musikalische Beziehungen zu knüpfen und weiter zu vertiefen. Für thurgaukultur.ch berichtet er regelmässig aus dem Big Apple. (rom)

 

 

***

Bisher erschienen:

Jetlag: Ende vom Gelände - thurgaukultur.ch vom 03.07.2015

 

Mehr zum Thema:

Thurgauer Kunstpower - thurgaukultur.ch vom 4.06.2015
Ein Vierteljahr Big Apple - thurgaukultur.ch vom 9.12.2014

Die Atelieraufenthalte werden 2019 wieder ausgeschrieben.
Reglement hier.

 

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