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von Brigitta Hochuli, 29.01.2014

Kulturförderung: Türen sind offen!

Kulturförderung: Türen sind offen!
Kulturförderung des Kulturamts und der Kulturstiftung Thurgau | © Webseiten

Den Vorschlag, Kulturförderung wie Sportförderung zu betreiben, nehmen sie mit Humor. Wir haben bei Martha Monstein und Claudia Rüegg trotzdem ernsthaft nachgefragt: Die Chefinnen von Kulturamt und -stiftung sind jederzeit bereit für Diskussion und Auseinandersetzung.

Brigitta Hochuli

„Kultursport“ erhitzt die Gemüter. Unser Blog wird nicht nur kontrovers kommentiert, er ist auch in Gesprächen sofort Thema Nummer 1. Ausgangspunkt war die Leuchtspur-Kolumne des Schlattinger Lehrers, Krimiautors und „Geschichtendock“-Erfinders Daniel Badraun in der „Thurgauer Zeitung“ (TZ). Darin schlug er für die Kulturförderung analog zum Sport Kategorien vor. Was den kantonalen Kulturkommissionspräsidenten Hans Jörg Höhener erhitzte -  so viel Ignoranz auf so wenigen Zeilen habe er noch selten gelesen - und Kulturpublizist Alex Bänninger herausforderte - von der professionellen Sport- oder Wissenschaftsförderung wäre durchaus zu lernen.

Dreimal zog die TZ nach. Zuletzt mit einer erneuten „Leuchtspur“. Darin stellt Alex Bänninger drei Fragen nach der Kontinuität, der Chancen-Abschätzung und den Kriterien in der Kulturförderung. Zum Schluss provoziert er mit der Bemerkung, bezüglich Professionalisierungsgrad der Kulturförderung und demzufolge der Bedeutung, die dieser zugestanden werde, „müsste der Thurgau noch zulegen“.

Zwei Beispiele

Die individuelle offizielle Kulturförderung in diesem Thurgau erfolgt durch das kantonale Kulturamt (2013 mit 3'276'008 Franken für Einzelbeiträge aus dem Lotteriefonds) und durch die Kulturstiftung des Kantons Thurgau (alimentiert mit zurzeit jährlich 1,1 Millionen Franken aus dem Lotteriefonds). Projekte und Unterstützungssummen sind dokumentiert und einsehbar.

Anhand zweier konkreter Beispiele wollten wir die Fragen von Alex Bänninger klären. Die mehrjährige Satireveranstaltung „Wochenschau“ von Kellerschuran (Markus Keller und Uwe Schuran) wurde von der Kulturstiftung mit insgesamt 80‘000 Franken unterstützt. Per Ende 2013 wurde von der Stiftung kein Geld mehr in Aussicht gestellt. Mit welcher Begründung? Für die Thurgauer „Akkordeontage“ erhielt die Veranstalterin einmal 15‘000 Franken von der Kulturstiftung, für dieses Jahr 10‘000 Franken vom Kulturamt. Warum der Wechsel und der Unterschied?



Ermessensspielraum und Kulturkonzept



Auf konkrete Beispiele wolle sie aus Datenschutzgründen nicht eingehen, sagt Martha Monstein, seit Anfang Januar Chefin des Kulturamts in Frauenfeld. Aber es seien alle Mitarbeiterinnen des Kulturamts als Ansprechpersonen für die Kulturschaffenden da und gäben diesen gerne Auskunft, warum ein Beitrag in welcher Höhe erteilt worden sei oder warum nicht. „Wir nehmen die Gesuchstellenden ernst und sind bereit, offen zu kommunizieren.“ Was die Abschätzung der Chancen eines Gesuches angehe, weist die Kulturchefin auf das Kulturkonzept hin und appelliert an die selbstkritische Einschätzung der Gesuchstellenden selbst. Für die Höhe der Beiträge verfüge das Kulturamt über einen Ermessensspielraum, der sich nach der Praxis richte und das Wissen der Expertinnen und Experten miteinbeziehe. Das kantonale Kulturkonzept, das alle paar Jahre überprüft und überarbeitet werde, definiere regelmässig  neu die Ziele der Kulturförderung.



„Kleine Polemik“



Martha Monstein hat die erwähnte Kritik denn auch eher als nicht ganz ernst gemeinten „Anstupser“ empfunden. „Als Anstupser für Gedankenspiele, für Spintisierereien und wohl auch einfach, um eine kleine Polemik in die Welt zu setzen.“ Selbstverständlich könne und wolle man immer etwas verbessern und Neues entwickeln, darin würden sich Kunstschaffen und Kulturförderung nicht unterscheiden.  Grundsätzlich schätzt sie die Professionalität der Kulturförderung im Thurgau sehr hoch ein; das habe sie aus der Distanz als frühere Leiterin der Abteilung Theater bei der Kulturstiftung Pro Helvetia so erlebt. Dort habe sie mit kantonalen Kulturstellen zu tun gehabt und habe vergleichen können.



Differenzierte Diskussion nötig



Bei der Kulturstiftung des Kantons Thurgau wird ähnlich argumentiert. Auch Stiftungspräsidentin Claudia Rüegg hat den Beitrag von Daniel Badraun „eher als humoristische Einlage begriffen“. Darum habe sie die Aufregung auch nur teilweise verstanden. Ungut an der ganzen Sache sei, dass nun Halbausgesprochenes, Angedeutetes und  Allgemeinplätze im Raum stünden, wo doch eine differenzierte Diskussion geführt werden könnte. 



Die Kulturstiftung sei offen für diese Diskussion und auch für die notwendige Auseinandersetzung. „Das zeigt sich in unserem Angebot der öffentlichen Debatten, die wir organisieren und die ein Forum des offenen Meinungsaustauschs sein können und sind“, sagt Claudia Rüegg. „Dass wir die in den Debatten vorgebrachten Anliegen ernst nehmen, zeigt sich meines Erachtens in unserer Arbeit.“ Allerdings könnten nur Anliegen aufgenommen werden, die auch vorgebracht würden. Auch sei man in Bezug auf einzelne Projekte und Gesuche jederzeit bereit zum direkten Gespräch mit Kulturschaffenden. „Die Türen der Kulturstiftung sind offen. Und das kommunizieren wir auch so!“ 



Beratungen vertraulich



Die oben gestellten Fragen zur Begründung bei Ablehnung oder Anpassung von zwei konkreten Unterstützungsbeiträgen seien rhetorisch und suggerierten, dass es keine Begründungen gebe, meint Claudia Rüegg. „Das ist aber nicht so: den Gesuchstellenden werden die wichtigsten Punkte, die zu einem ablehnenden Entscheid führten, mitgeteilt – immer verbunden mit dem Zusatz, dass sie sich bei Fragen gerne an die Kulturstiftung wenden können, sodass diese Fragen am Telefon oder in einem Gespräch erörtert werden können.“ Dabei gelte es, den Schutz der Sphäre der Kulturschaffenden zu respektieren. Die Beratungen über die Unterstützungsbeiträge seien im Interesse aller Beteiligten vertraulich.



Zu den „Akkordeontagen“ könne jedoch gesagt werden, dass Daniel Fueter für die 1. Akkordeontage 2012 ein Auftragswerk für Akkordeon und Jugendorchester geschrieben habe, was mit erheblichen, normale Festivalkosten übersteigenden Zusatzkosten verbunden gewesen sei. Wegen dieses Kompositionsauftrages habe die Kulturstiftung dieses Gesuch bearbeitet - die Förderung von Musiktagen und ähnlichem obliege in der Regel aber dem Kulturamt.



Als „sehr speziellen Fall“ bezeichnen Markus Keller und Uwe Schuran auf Anfrage die Finanzierung ihrer „Wochenschau“, und zwar durch den lokalen Charakter der Veranstaltung und die gleichzeitige Beanspruchung von thurgauischen Fördergeldern. Es sei deshalb auch schwierig, sie als Beispiel für die Fragestellungen der Diskussion heranzuziehen.



Aufgaben komplexer

Zur Frage von Alex Bänninger, ob Kulturschaffende im voraus zuverlässig ihre Chancen abschätzen könnten, findet Claudia Rüegg, da dürfe man sich nichts vormachen. „Es wird immer so sein, dass im Fall einer Zusage diese Möglichkeit zur Chanceneinschätzung als zuverlässig empfunden wird, im Fall einer Ablehnung aber wohl kaum je.“ Die Aufgaben von (Kultur)-Förderstellen seien wichtig für das kulturelle Leben eines Kantons, jedoch komplexer, als dass sie in Verkürzungen und vereinfachenden Pauschalisierungen erörtert werden könnten. Zu einem ausführlichen Gespräch zum Themenfeld "Förderkriterien/Förderentscheide" sei sie aber gerne bereit.



Grundsätzlich schätzt sie wie Martha Monstein den Professionalisierungsgrad der Förderung im Thurgau als hoch ein - auch wenn sie nicht wisse, „wie hoch am höchsten“ sei. Was sie aber mit Sicherheit wisse, sagt Claudia Rüegg: „Die Kulturstiftung wie auch das Kulturamt stecken viel Energie, Sorgfalt und Leidenschaft in die ständige Verbesserung der eigenen Arbeit. Sei es - in der Kulturstiftung - in den jährlichen Evaluationssitzungen, in Gesprächen mit anderen Förderstellen, im Kontakt mit Kulturschaffenden im Kanton oder durch Beizug externer Gutachterinnen und Gutachter.“



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- kulturamt.tg.ch


- kulturstiftung.ch

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Ostschweizer Kulturmagazin SAITEN: "Medaillen für Kulturstars?" (Peter Surber)

Martha Monstein

Martha Monstein

Martha Monstein ist seit Januar 2014 Chefin des Kulturamts des Kantons Thurgau.

 

Claudia Rüegg (ho)

Claudia Rüegg

Claudia Rüegg ist seit 2008 Mitglied des Stiftungsrates, seit September 2010 Präsidentin des Stiftungsrates der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, Musikerin und Dozentin der Pädagogischen Hochschule des Kantons Thurgau.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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