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von Brigitta Hochuli, 21.10.2014

„Cha me aaluege“

„Cha me aaluege“
Judit Villiger: Jardin des Plantes | © Brigitta Hochuli

Brigitta Hochuli

Schon die Kleinsten haben eine Agenda. Krippenzeit, Elternzeit, Grosselternzeit - das passt nicht immer in den Teminkalender der Kinderkultur im Thurgau. So spazieren Enkelin und Omama an einem der letzten sonnig warmen Herbstnachmittage ohne Druck ins Kunstmuseum. „Gartenträume - Traumgärten“ sind angesagt.

Doch halt! Klingt‘s da etwa nach Weihnachten? Noch vor dem grossen Seiteneingang zum Klosterareal lauscht das Kind einer Tanne. Längst gehen Erwachsene achtlos vorbei am Summer Tree Dream von Christina Hemauer und Roman Keller. Dabei soll die Audioinstallation aus dem Jahr 2008 vor den Folgen der Klimaerwärmung warnen. Möge die Zweijährige nie darunter leiden müssen!

Ein paar Schritte weiter, und wir schauen in Tadashi Kawamatas Scheiterturm durch ein grosses Loch zum blauen Himmel hoch - vielversprechend, auch wenn das Gehölz genau so wenig wie die Grossmutter ewig hält. Lebendiger als der Turm sind die Tiere. Schöfli und Rössli weiden im Gras; uns trennt von ihnen nur ein elektrisch geladener diskreter Zaun.

Zeit weiterzugehen. Zum Glück gibt‘s vor dem Museum noch ein zweites Ross. „Törfi do ufe?“ Omama erlaubt eine Berührung des lustigen Topi-Horse von Alpo Koivumäki. Dann streicheln wir auch dessen Bärin und entdecken ihr Junges. Gut, dass das Kind noch keine Vorurteile hat!

Nun wollen wir zur Gartenausstellung - und bleiben in der Kirche hängen. „Hets Cherzli?“, frägt das Kind, denn es liebt diese Opferzeremonie. „Leider nöd“, bedaure ich aufrichtig und verspreche dafür das Paradies.

Es lässt nicht lange auf sich warten. „Wa isch da?“ Im Museum drehen sich Blumen und Bäume. Das Kind setzt sich vor die subversive Farbenpracht in Judit Villigers ansonsten unbelebtem Eden - und fühlt sich alles andere als fremd. Nebenan zeigt es in der Bildergalerie auf den Mond von Simone Kappeler. Das ist es, was es zurzeit beschäftigt: wie es Nacht wird und wieder Tag.

Im Weinkeller wird‘s endgültig spannend. Faszinierend sind die drei Kühlschränke der Marke Liebherr profiline von Daniel Bräg.

Daniel Bräg: Drei Kühlschränke. Bild: ho

„Sind Öpfel“, vermutet das Kind. Und tatsächlich: bei konstanten 5 Grad Celsius konserviert sie Daniel Bräg in ihren Stadien von Wachstum und Fäulnis. Dass es dabei auch um den Dialog mit Joseph Kosuths Verstummter Bibliothek geht, auf der die Schränke stehen, entgeht dem Kind. Mehr Verständnis hat es für steffenschoenis Fototafeln mit japanischen Nutzgärten. Man könnte herrlich damit spielen; Omama verbietet‘s. „Cha me aaluege“, sagt das Kind.

Auch im hortulus conclusus von Sophie LéCuyer ist nur aaluege erlaubt. Aber Hindurchrennen durch dieses zauberhaufte Gewächshaus der Schatten- und Lichtpflanzen gestatten wir uns dann doch. „Nomol ine“, jauchzt die Kleine. Am Schluss haben wir den Parcours fünf Mal absolviert und müssen an die frische Luft. Dort, wo dereinst das neue Kunstmuseum stehen soll, hüpfen wir durch steffenschönis Wassergarten mit rund 100 Kübeln. „Was hets do drin?“ Wir verraten es nicht.

steffenschoeni (Karl Steffen und Heidi Schöni): Nix (Wassergarten). Bild: ho

***

Ausstellung Gartenträume - Traumgärten, kuratiert von Stefanie Hoch, gefilmt von art-tv.ch, bis 8. März 2015

 

KOMMENTAR *

 

Christian Lippuner • vor 2 Jahren
ein sehr schöner Bericht!

Markus Landert • vor 2 Jahren
Was für ein schöner Erlebnisbericht! Wenn alle Grossmütter (und -väter) mit ihren Enkeln die Museen zum Ort des Erlebens und des Vergnügens machen würden.

 


* Seit März 2017 haben wir eine neue Kommentarfunktion. Die alten Kommentare aus DISQUS wurden manuell eingefügt. Bei Fragen dazu melden Sie sich bitte bei sarah.luehty@thurgaukultur.ch

 

 

www.kunstmuseum.ch

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