von Roland Schäfli, 04.02.2026
Die Zeit vergeht, aber nicht die Ausstellung

Museen behaupten, zeitlos zu sein. Zwei Thurgauer Ausstellungen zeigen, was passiert, wenn Eiszeit und Mittelalter stehen bleiben – und warum Stillstand plötzlich sehr gegenwärtig wirkt. Unsere Kolumne «Der Thurgaukler» bringt es auf den Punkt. (Lesedauer: ca. 2 Minuten).
Für die Zeitenwende im Museum ist’s zu früh. Denn ausgerechnet Museen, diese Einordner von Zeit, behaupten, ihre Ausstellungen seien zeitlos. Gerade jetzt, also zeitnah, sind im Thurgau zwei Ausstellungen zu sehen, die Eiszeit und Mittelalter inventarisieren – ohne Aktualitätsanspruch.
Während die Skigebiete für Schnee beten, zeigt uns das Seemuseum Kreuzlingen: Zur Eiszeit gab’s die weisse Pracht in Hülle und Fülle – sogar ohne Schneekanonen! Und im Schloss Frauenfeld jährt sich zum 10. Mal die Ausstellung zum Mittelalter. Sie läuft seit 2. Februar 2016 – respektive, sie bleibt stehen – ohne einen Tag älter zu werden. Eine Exhibition, die sich selbst konserviert. Dabei war das Mittelalter natürlich stabiler als unsere Gegenwart.
Denn was hat sich in diesen zehn Jahren im Kulturwesen nicht alles verändert! Denkmäler wurden umgedeutet, Rollenbilder gekippt, Sammlungen zurückgegeben. Kultur findet heute als Livestream statt, und das Publikum nennt man jetzt Zielgruppe.
Eine kulturelle Tiefkühltruhe
«Eiszeit» setzt vor 20'000 Jahren an – als es jeden Tag eine Seegfröni gab! Als die Thurgauer Eskimos sich nicht um «Pelztragen ist Gewissenssache» scherten. Als die Landschaft noch durch Gletscher geformt wurde, nicht durch das Bundesamt für Strassen, und diese Gletscher die unerschöpflichen Kiesgruben für die Thurgauer Bauwirtschaft schufen. Als Wildtiere wie das Mammut einwandern konnten, ohne dass man über den vorsorglichen Abschuss debattieren musste. Eine zeitgemässe Schau hätte diese kontroverse Frage beantwortet: Wenn der Bodensee vor 19'000 Jahren entstand, wer vergab damals die ersten Bewilligungen für Bootsplätze, die bis heute weitervererbt werden?
Diese kulturelle Tiefkühltruhe wäre ein guter Warm-up für die nächste Eiszeit gewesen, würde diese nicht gerade von der aktuellen Klimaerwärmung verhindert. Bis Ende des Jahrhunderts, so erfährt man, wird der Thurgau eisfrei sein. Zum Glück! Wären wir noch eine Arktis, Trump hätte längst Besitzansprüche angemeldet. Leider bleibt die wichtigste Frage zur neuen Eisfreiheit unbeantwortet: Wie wird sich diese auf den Winterdienst auswirken, wird dann weniger gesalzen?
Und das Historische Museum: Wie adressiert es in der Mittelalter-Ausstellung die brennenden Fragen moderner Zeitgenossen? Im 15. Jahrhundert wurden die Thurgauer Grenzen gezogen – in Moutier kann man am 1. Januar aufwachen und merken, man lebt plötzlich in einem anderen Kanton! Die Klöster, in dieser Darstellung noch als Bollwerk der Religion hingestellt, erlebten seit Ausstellungsbeginn die Transformation von der Ordensgemeinschaft zur neuen Nutzungsform – in Kreuzlingen wurde das Klostergebäude zur pädagogischen Maturitätsschule umgemodelt.
Als die Minnesänger die Charts beherrschten
Ganz abgesehen davon, dass nicht einmal die Thurgauer, die im Mittelalter lebten, sich dieses zurückwünschen würden: Es war zunehmend finster, Minnesänger beherrschten die Charts, der Steuervogt verbot Abzüge für Berufsauslagen, und die Jungfrauen waren aus Eisen.
Gut ist: Eine Ausstellung gilt so lange als aktuell, wie sie im Event-Kalender von Schweiz Tourismus nicht gelöscht wurde. Schlecht ist: Das kann leicht den Eindruck erwecken, bei den Ewiggestrigen sei die Zeit stehengeblieben. Die Dauerausstellung ist die AHV der Kultur: Sie läuft weiter, auch wenn keiner mehr einzahlt.
Museumsausstellungen altern eben anders als ihr Publikum, exgüsé: ihre Zielgruppe. Sie kriegen keine Falten, sondern Spinnweben, und sie werden nicht pensioniert, sondern sogar mit 50+ noch zur Dauerausstellung befördert. Wenn eine Ausstellung praktisch Inventar und Teil der Raumakustik ist, ist sie dann selbst schon historisch – oder einfach nur ältelnd? Erklärt wird das nicht. Denn das haben Museen mit der Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle) gemein: Was schwierig ist, wird nicht erklärt, sondern permanent eingelagert.
«Die Dauerausstellung ist die AHV der Kultur: Sie läuft weiter, auch wenn keiner mehr einzahlt.»
Roland Schäfli, Kolumnist
Mehr zu dieser Kolumne «Der Thurgaukler»
«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Mit Ironie, Zuspitzung und bewusst überzeichneten Bildern beleuchtet sie politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen, die wir oft achselzuckend hinnehmen. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister. Die Kolumne erscheint künftig alle zwei Wochen. Alle Ausgaben bündeln wir in einem eigenen Themendossier.
Der Autor: Roland Schäfli ist Journalist, Autor und Thurgauer. Er schreibt seit Jahren für verschiedene Medien in der Schweiz und im Ausland über Kultur, Gesellschaft und das, was offiziell längst erklärt, aber praktisch noch immer unklar ist.

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