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von Roland Schäfli, 10.06.2026

Lesen wird Thurgauer Leistungssport

Lesen wird Thurgauer Leistungssport
Hürdenlesen: an den ersten Thurgauer Lesespielen sind gleich Stapel von Belletristik zu überwinden. Als besonders anspruchsvolle Hürde gelten die Werke von Frisch und Dürrenmatt. | © rs/KI-generiert

Der Thurgaukler: Nach der Eishockey-WM wollen wir Gold im Leistungssport Lesen holen! Ein Thurgauer Wettbewerb fordert Buch-Athleten heraus, täglich 20 Minuten Lesen den Gehirnmuskel zu trainieren. Achtung: die folgenden zwei Minuten Lesedauer zählen nicht!

Mit der Aktion «Buch auf!» sind Leseratten und Lesefaule gleichsam aufgerufen, sich im Thurgauer Wettbewerb während 100 Tagen zu messen! Chancen aufs Podest hat, wer an 30 Tagen mindestens 20 Minuten am Stück gelesen hat. Egal was. Hauptsache, Punkte für die Olympiade sammeln! 

Überfordere dich nicht!

Früher las man ein Buch. Heute absolviert man eine Lese-Challenge. Lesen kann Ungeübten den Schweiss auf die Stirn treiben. Echt-bedrucktes Papier ist gewöhnungsbedürftig. Fange darum mit leichten Übungen an:

Für Anfänger: «Globi im Zoo». Für Fortgeschrittene: «Globi im Bundeshaus».

Steigere dich dann wie im Vita-Parcours zu Ausdauerübungen, in dem du Liegestütz auf einem Stapel Duden machst. 

Mögliche Risiken: Schnittverletzungen an Fingern beim schnellen Umblättern, Motorüberhitzung durch übermässiges Gehirnjogging, Abstrafung auf den Social-Media-Kanälen wegen sinkenden Handy-Konsums. 

 

Bücherwerfen: Die Königsdisziplin der Thurgauer Lesespiele. Gewertet wird die Wurfweite eines Brockhaus-Bandes. Leichte Kost von Rosamunde Pilcher und Konsalik dienen als Trainingsgewicht. Bild: rs/KI-generiert

Qualifiziere dich im Freistil-Lesen!

Für die ersten Thurgauer Lesespiele kannst du dich in diesen Disziplinen qualifizieren: 

·      100 Meter Schnelllesen 

·      Synchron-Vorlesen: Mami und Papi lesen dem Kind gleichzeitig aus Harry Potter und Heidi vor 

·      Bücherwerfen: wer wirft den gesammelten Brockhaus am weitesten? 

·      Freistil-Blättern: nur die Finger dürfen zum Umblättern nicht verwendet werden

Damit die doch eher monotone Lese-Tätigkeit wieder als Spass wahrgenommen wird, muss sie unbedingt gamifiziert werden. Mitmachen geht so einfach wie mit einer Fitness-App: Erreiche das nächste Level! Gewinne eine Trophy! Auch in Gruppen kann man sich zur Teilnahme anmelden. Dazu wählst du zuerst einen austauschbaren Coach. Achte darauf, dass er sein Brillen-Rezept nicht gefälscht hat. 

 

Synchron-Lesen: Mutter und Vater lesen gleichzeitig vor. Die Jury bewertet beim Kind elterliche Verwirrungsresistenz und Aufmerksamkeitsdefizite. Bild: rs/KI-generiert

Begib dich ins Trainingscamp!

Doch wie trainierst du in einem bücherlosen Haushalt? Ganz einfach – begib dich in einen der rund zwanzig Second-Hand-Betriebe des Thurgaus mit der Bezeichnung «Brockenhaus». Feldforschungen haben ergeben, dass diese Kunstsammlungen (garantiert ohne Raubbücher) die tatsächliche Bestseller-Liste der Thurgauer abbilden. Denn es ist nicht das «Buch des Monats», das dir in der Buchhandlung zum Kauf empfohlen wird, oder «Bücher, die du gelesen haben musst», zu denen dich Literaturpäpste im Feuilleton zwingen wollen. Nein, im «Brocki» stehst du vor der demokratischsten Form von Literaturkritik, die der Thurgau je hervorgebracht hat.

Regale gerammelt voll mit Weltliteratur von «Konsalik», Readers-Digest-Ausgaben für Sammler, prall gefüllte Bananenschachteln mit «Jerry Cotton». Nicht fehlen dürfen die unvermeidlichen Brocki-Bestseller: Rosamunde Pilcher und Johannes Mario Simmel. Der «Da Vinci Code» ist offiziell das am meisten abgegebene Buch (manche Brockis haben einen Annahmestopp verhängt). Ladenhüter von Dürrenmatt und Frisch machen hingegen einen neuwertigen Eindruck. Und natürlich die grünen Bände von «Winnetou», die in den Giftschrank der jugendgefährdenden Schriften versetzt wurden und gleich neben «Emanuelle» aufbewahrt werden – dies ist die wahre Bestsellerliste unserer Gesellschaft! Geniesse dabei den eigentümlichen Geruch alter Bücher, die viel über die früheren Besitzer aussagen (Kritzeleien, Eselsohren, Raucherhaushalt). 

 

Die Nationalbibliothek des Thurgaus ist Trainingscamp für Leseratten: Unter den strengen Augen des Coaches werden im Brocki Liegestütze auf Duden absolviert. Bild: KI-generiert/rs

Lies endlich die Klassiker!

Die Archivare dieser Brockenstuben trennen die Werke sorgfältig in Genres. Auf separaten Regalen findest du Gesundheitsratgeber mit Titeln wie „Heilen mit Apfelessig“, unter «Haushaltshilfen» ausrangierte Computerbücher über Windows 95, und unter «Special Interest» regionale Chroniken von Thurgauer Gemeinden, die längst fusioniert haben. Archäologen datieren das Zeitalter unseres Kantons nicht nach Bronze- oder Eiszeit, sondern nach Erscheinungsdaten der Betty Bossi Kochbücher. In der Kantonsbibliothek sieht man nur, was ausgeliehen wird. Im Brocki sieht man, was wirklich aufgehoben wurde.

Oh! Du gibst den «Buch auf!»-Challenge schon nach drei Tagen auf? Hast Muskelkater vom vielen Lesen, dein Lesezeichen verloren? Machst dein SJW-Büchlein wieder zu? Kein Problem. Bring deine Trainingsartikel ins Brocki. Denn dort beginnt die eigentliche Challenge: Wenn dein Buch es schafft, zehn Jahre im Regal zu stehen, wird es Teil des kulturellen Erbes des Thurgaus. 

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«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister.

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