von Roland Schäfli, 09.07.2026
UNESCO jetzt: Wir sind Weltkulturerben!

Die Zürcher Langstrasse soll Weltkulturerbe werden - das können wir länger! Der Thurgaukler nominiert Thurgauer Amüsiermeilen, die unter UNESCO-Schutz gestellt werden müssen. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)
An der berüchtigten Zürcher Partymeile werden für eine Petition Unterschriften gesammelt. Die Stadt Zürich soll der UNESCO vorschlagen, die Langstrasse in die Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen. Wo halb Zürich seine Unschuld verloren hat, hat Bedeutung für die ganze Menschheit.
Was Zürich kann, kann der Thurgau schon länger.
Wir gründen hiermit die Initiativgruppe "UNESCO Thurgau" und nominieren unsere Kandidaten. Unsere Anwärter erfüllen den Anspruch als Kulturerbe kommender Generationen mit hohem universellen Wert und Kriterien der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur:
Kandidatur Nr. 1: der Blaue Aff
Der legendäre Redlight District in Affeltrangen: der «Blaue Aff». Die Anlage diente mehreren Generationen in der Weitergabe immateriellen Kulturguts. Wie oft starrten Jugendliche dort zu den Fenstern hoch, um einen Blick zu erhaschen, wie oft kamen sie später als erwachsene junge Männer mit leerem Geldbeutel durch den Hinterausgang, um torkelnd ihr Auto zu suchen, das sie aus Diskretionsgründen etwas weiter weg parkiert hatten? Ein Thurgauer Erinnerungsort erster Güte.
UNESCO-Prädikat: Schauplatz männlicher Reifungsrituale
Kandidatur Nr. 2: Bahnhofbuffet Frauenfeld
Seit Dekaden der bedeutendste interkulturelle Begegnungsort der Kantonshauptstadt, praktisch so alt wie der 1855 eröffnete Bahnhof selbst: das Bahnhofbuffet. Schmelztiegel von Pendlern, Rekruten, Nachtschwärmen, Frühaufstehern und Halbstarken, die ihr letztes Bier oder ihren ersten Kaffee miteinander trinken. Im Herzen des wichtigsten Verkehrsknotens des Kantons gelegen, pflegt das Buffet die mündlich überlieferte Tradition: «Scheisse, Ich habe den letzten Zug verpasst!» Zugleich der Ort, den die Polizei zuerst aufsucht, um nach Augenzeugen zu suchen, obwohl sie weiss, dass keiner was gesehen hat.
UNESCO-Prädikat: täglich frisch restauriert.
Kandidatur Nr. 3: A1-Rastplatz Hexentobel
Seit jeher ein Ort stiller Begegnungen, flüchtiger Bekanntschaften und bemerkenswerter Diskretion, wenn nachts die Parkplätze der Tagesausflügler sich leeren und manche noch ein bisschen länger parken. Das Hexentobel hat bewiesen, dass selbst eine Autobahnraststätte ein soziales Biotop von erstaunlicher Beständigkeit entwickeln kann, das weit über die gewöhnliche Nutzung des WC hinausgeht. Ein Treffpunkt für kurze, aber nachhaltige Begegnungen, die einen auch später noch jucken können.
UNESCO-Prädikat: Sehenswürdigkeit nach Einbruch der Dunkelheit.
Kandidatur Nr. 4: Romanshorner Hafenkneipen
Romanshorn war für manchen Jüngling das persönliche Hamburg, ein Hafen der Sehnsucht. Hier träumten Thurgauer von der grossen Freiheit, die See zu befahren, auch wenn’s nur der Bodensee ist. An den Theken schummriger Hafenkneipen dieses Bermuda-Dreiecks beichteten Süsswasser-Matrosen den Bardamen ihr Freddy-Quinn-Fernweh. Während andere Hafenstädte Matrosen nach Shanghai verschifften, verschlug es die Romanshorner höchstens auf die Fähre nach Friedrichshafen.
UNESCO-Prädikat: Binnenhafenkultur als Pufferzone
Kandidatur Nr. 5: Konstanzerstrasse Kreuzlingen
Seit den 1960er-Jahren pflegte Kreuzlingen an der Konstanzerstrasse eine grenzüberschreitende Ausgehkultur. Generationen junger Deutscher überquerten nach Einbruch der Dunkelheit die Landesgrenze, angelockt von liberaleren Sitten und der Gastfreundschaft der Swiss Girls, in der Hoffnung, die D-Mark habe in den Cabarets mehr Kaufkraft als daheim. Entlang der Konstanzerstrasse entstand ein einzigartiger Kulturraum deutsch-schweizerischer Völkerverständigung, der bis heute auf eine Aufnahme ins UNESCO-Welterbe wartet.
UNESCO-Prädikat: Kulturtransfer in seiner ursprünglichsten Form
Die Jury zieht sich zur Beratung zurück
Wer auch immer das Rennen macht – Thurgau oder Zürich – es wäre die erste Heiligsprechung eines sündhaften Rotlichtbezirks. Denn weder Patpong in Bangkok noch Bourbon Street in New Orleans sind gelistet, nicht einmal der Red Light District in Amsterdam steht unter der kulturellen Schirmherrschaft. Tatsächlich diskutiert man dort seit Jahren darüber, ihn zu verkleinern oder gleich zu verlegen. Wir im Thurgau hingegen übernehmen auch tagsüber Verantwortung für unser Nachtleben und stellen es unter Denkmalschutz!
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«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister.

Von Roland Schäfli
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