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von Roland Schäfli, 13.05.2026

Denk mal! Bitte nicht verewigen!

Denk mal! Bitte nicht verewigen!
Die neue Helvetia: Uzwilerin Karin Keller-Sutter mit Schild, Lanze und Dauerauftrag zur Schadensbegrenzung. | © rs/KI-generiert

Persönlichkeiten aus Stein stehen auf wackeligen Füssen, wenn ihr Denkmal nochmal durchdacht wird. In Frauenfeld wird die Debatte ums Soldatendenkmal geführt, in Münsterlingen wurde die «Angela»-Statue zerstört, und «Mohren-Darstellungen» sind grundsätzlich verdächtig. Der Thurgaukler kommt der Cancel Culture in vorauseilendem Gehorsam zuvor, indem er Denkmäler von Ostschweizern stürzt, die noch gar nicht errichtet sind. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Christoph Columbus, der erste Italo-Amerikaner überhaupt und Schutzpatron aller Verkehrsteilnehmer, die sich verfahren haben, ist in der Neuzeit wegen seines Exports von Kolonialismus umstritten. In einer provakanten Aktion hat Donald Trump die Statue des Entdeckers, 2020 von Protestierenden zerstört, an prominenter Stelle wieder aufgerichtet. So ein starkes Zeichen wollen wir auch setzen. Weshalb wir schon heute sagen, welche Statuen morgen umstritten wären. 

Jung: mal unten, mal oben

Der Thurgau hat gar keine Entdecker? Denkste! Wir haben Carl Gustav Jung. Der gebürtige Kesswiler hat das Unterbewusstsein entdeckt. Leider hatte er selbst im Kopf, dass der Arier über dem Untermenschen steht. Weshalb die Inschrift auf seinem Denkmal wohl lauten müsste: «Erforschte das Unbewusste und übersah dabei ganz bewusst manches andere». 

Keller-Sutter: aufs Podest mit ihr!

Der Impuls, Menschen «in Stein zu setzen», ist ja von Beginn an erstaunlich politisch. Schon in der Urzeit sollten Monumente Götter sichtbar machen, damit die Normalsterblichen sehen konnten, wen sie da eigentlich die ganze Zeit anbeteten. Hätten wir eine Göttin hat, wäre das die Helvetia, die personifizierte Schweiz; man kennt sie vom Zweifränkler. In Basel sitzt ihr vielfach kritisiertes Abbild müde am Rhein, den Koffer schon gepackt, der Schweiz offenbar überdrüssig. Darum schlagen wir eine neue, kämpferische Helvetia vor, und zwar mit dem Antlitz unserer Uzwilerin Karin Keller-Sutter: mit ihrem Schild die US-Zolltarife abwehrend, mit der Lanze die UBS aufspiessend, also: diese Frau verhandelt nicht! Inschrift: «Stand für Ordnung, sass zwischen allen Stühlen».

Ameti: Kimme, Korn – Schuss!

Als Denkmal leitet Wilhelm Tell in Altdorf den Durchgangsverkehr zum Gotthard. Der Freiheitskämpfer ist ständige Projektionsfläche von politischen Themen wie einheimischem Apfelanbau und Obligatorisch-Schiessen. Würde man ihm der Gleichstellung zuliebe auch mal eine Schützin zur Seite stellen, dann wäre Sanij Ameti eine Anwärterin. Die Politaktivistin, die aufs Jesus-Bild zielte und sich selbst abschoss, fiel vom Podest der GLP. «Sie traf ins Zentrum der Aufmerksamkeit» steht auf der Statue, die neu auch in Kunstkatalogen als Zielscheibe abgedruckt wird.

 

Gleichstellung im Denkmal: Tell zielt auf den Apfel, Sanja Ameti auf die Aufmerksamkeit. Bild: rs/KI-generiert

Estermann: vom Pferd geholt

Ein Reiterstandbild in Lausanne ehrt Henri Guisan, Vater der geistigen Landesverteidigung. Er hatte im Zweiten Weltkrieg den Verteidigungsplan in Stein gemeisselt, und alles ohne neumodische Kampfflugzeuge! Gut, unterdessen wird seine Rolle relativiert: gewonnen hat nicht unsere Armee, sondern die wirtschaftliche Kooperation. Darum schlagen wir eine neue Reiterstatue: Paul Estermann, vormals als Springreiter gefeiert, dann wegen Tierquälerei für sieben Jahre vom Pferdesport gesperrt. Sein Standbild zeigt ihn beim Absitzen, die Reitgerte noch erhoben, und die Inschrift besagt: «Sass fest im Sattel und brachte sich selbst zu Fall».

Kessler: Schwein gehabt!

Nichts an Jean-Jacques Rousseaus Denkmal in seiner Geburtsstadt Genf weist darauf hin, dass der Pädagoge die eigenen Kinder ins Waisenhaus gab. Wenn es einen Mann gibt, der ihm als umstrittener Naturliebhaber, Gesellschaftskritiker und Unruhestifter das Wasser reichen kann, so ist es der Thurgauer Erwin Kessler, Gründer des Vereins gegen Tierfabriken. Seine Statue zeigt den Prozessfreudigen mit einem glücklichen Ferkel im Arm, im Schritt nach vorne, unterwegs zum nächsten Gerichtsverfahren, wie er oft die Thurgauer Instanzen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte durchschritt - obschon es ihm doch um die Tiere ging. Die Kosten für das Monument mit der Inschrift «Schuf mehr Platz für Schweine und Futter für Juristen» tragen die Kläger.

 

Mehr Recht für Schweine und viel Raum für die Interpretation der Gesetze: der Thurgauer Erwin Kessler, endlich gebührend gewürdigt. Bild: KI-generiert/rs

Köppel: relativ sicher

Albert Einstein steht heute im unbequemen Kontext, dass er den Bau der Bombe in Gang brachte. Seine Statue in der Nähe des Bundeshauses kriegte der Jahrhundertdenker erst zum Jubiläum seiner Relativitätstheorie. Höchste Zeit, einem Nachdenklichen, der aus dem St.Galler Rheintal stammt, schon zu Lebzeiten sein Monument zu errichten: Roger Köppel, dem Unbequemen, der findet, Relativität ist Ansichtssache. Das Genie Einstein erklärte die Welt, Köppel erklärt genial, warum das auch anders gemeint sein könnte. Die geplante Statue betitelt ihn als «Roger Köppel: Verteidiger missverstandener Politiker, Entdecker wechselnder Wahrheiten».

Maggi: nachgewürzt

Noch steht am HB Zürich die Statue von Alfred Escher. Aber er steht heute nicht mehr für die Eisenbahn, sondern für die umstrittene Rolle im, sagen wir mal, globalen Handel (was das RAV als «zumutbare Sklavenarbeit» bezeichnen würde). Dürften wir einen ebenso knallharten und ambivalenten Industriegiganten aus dem Thurgau vorschlagen, unsere Wahl würde auf Julius Maggi fallen. Als Ernährer der Massen gefeiert, dann mit der industriellen Ernährung negativ konnotiert, wäre der Leitspruch seines Denkmals: «Würzte die Welt und liess andere dafür kochen».

Schmitz: zur Salzsäule erstarrt

Louis Agassiz war ein Schweizer Naturforscher, der viel vom früheren Glanz verloren hat. Seine Statue wurde gestürzt, Universitäten haben sich von ihm distanziert, und Petitionen verlangen, dass der nach ihm benannte Gipfel in den Berner Alpen, das Agassizhorn, umbenannt werden soll. Warum? Man hat ihm rassistische Aussagen in der Vergangenheit übelgenommen. Weshalb seinen Platz ein Monument einnehmen soll, der dasselbe Schicksal in Echtzeit erlebt: SRF-Journalist Pascal Schmitz forschte zur Covid-Fälschung des Nati-Hockeytrainers und wird dafür von Roger Köppel zum «Petzer der Nation» ernannt.

Wie weiland Agassiz sein Ansehen einbüsste, als seine Theorie zur Rechtfertigung der Diskriminierung öffentlich wurde, fällt nun Schmitz in Ungnade, weil alte Facebook-Posts mit rassistischem Inhalt auftauchen. Als Mahnmal steht darum dort eingeschrieben: «Deckte auf, was andere verschwiegen und fand, was er selbst vergessen hatte» (einen eigenen Berg hat Schmitz aber noch nicht, aber damit wäre die Umbenennung des Agassizhorns gelöst). 

Helden kommen und gehen. Unbewegliche Statuen provozieren jene, die Geschichte umschreiben möchten. Darum sollte der Sockel, auf den wir gerne jemanden stellen, flexibel bleiben.  

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«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister.

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