von Roland Schäfli, 23.03.2026
Gegenoffensive im Kult-X

Die 5. Thurgauer Kulturkonferenz ist ein Gipfeltreffen in unserer Auseinandersetzung mit KI. Wird es zum Waffenstillstand zwischen Künstlicher Intelligenz und Kulturschaffenden kommen? Meine KI sagt: Nein. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
An der Versammlung der freien Kulturwelt in Kreuzlingen geht es am 28. März um nichts Geringeres als die Verteidigung der kulturellen Souveränität. Die KI ist ohne Kriegserklärung in kulturelle Hoheitsgebiete eingedrungen. Unter Freischaffenden wächst die Sorge, dass nach Illustration, Übersetzung und Grafik noch mehr Terrain verloren geht. Im Kult-X wird die Kulturgemeinschaft über eine geregelte Koexistenz mit dem algorithmischen Aggressor debattieren.
Stillhalteabkommen mit dem Feind?
Aus der Kulturgeschichte wissen wir: Erfindungen lösen erst Entrüstung aus, nur um dann in die Kultur integriert zu werden. Man denke nur an die Druckerpresse: nach Gutenbergs Erfindung kam es zu einer Schwemme von zweitklassigen Texten.
Ich habe darum meine KI-Agenten gefragt, ob an den Programmpunkten der Konferenz wirklich rote Linien gegen den Aggressor gezogen werden können.
9:30 Eintreffen
Ich frage ChatGPT:
Werden um diese Zeit bereits Pläne für den Gegenangriff geschmiedet?
«Der erste Erfolg einer Kulturkonferenz besteht darin, dass überhaupt jemand erscheint. Der intellektuell ungeplante Dresscode signalisiert Entschlossenheit der Delegation: dunkler Rollkragenpulli, Turnschuhe und eine Brille von kulturpolitischer Tragweite.»
10:00 Begrüssung
Ich frage Siri auf meinem iPhone:
Ist die Begrüssung bereits Teil der diplomatischen Deeskalationsstrategie?
«Entschuldige, das habe ich nicht verstanden.»
Hey Siri, muss KI die Begrüssung als Kampfansage verstehen?
«Nein, die Begrüssung dient einzig der Bestätigung, dass alle Beteiligten dank Google-Maps physisch angekommen sind. Zu erwarten sind Formulierungen wie ‘Es freut mich sehr, dass so viele den Weg nach Kreuzlingen gefunden haben’. Soll ich dir ähnliche Veranstaltungen in der Nähe vorschlagen?»
10:15 Impulsreferat
Ich frage Alexa:
Ist beim Impulsreferat mit konkreten Vorschlägen zur Eindämmung der KI zu rechnen?
„Nein, denn ein Impulsreferat erzeugt lediglich den Eindruck von intellektueller Gegenwehr. Eine tatsächliche Einschränkung technologischer Entwicklungen ist dadurch nicht zu erwarten. Soll ich dir passende Fachliteratur auf Amazon bestellen?“
Endlich, 80 Minuten nach dem Eintreffen, kommt der Moment, auf den viele warten:
10:50 Pause
Ich frage den Spotify AI DJ:
Werden in der Pause neue Allianzen geschmiedet?
«Hey — jetzt kommt der Break! Zeit für Coffee, kurze Lagechecks und symbolisches Connection-Building. Networking fühlt sich an wie echter Widerstand, ist aber irrelevant für die Eindämmung von KI. Dazu meine Playlist: "Don’t Stop Me Now, Eye of the Tiger und We Are the Champions.»
11:00 Uhr Workshops
Ich frage auf meinem MacBook Google Gemini:
Ist in den Workshops mit Strategien zur Rückgewinnung kulturellen Territoriums zu rechnen?
„Workshops dienen der kollaborativen Ideenproduktion unter moderierten Bedingungen. Meine Simulationen zeigen, dass am Workshop erhöhte Handlungsbereitschaft bei begrenzter tatsächlicher Wirksamkeit herrscht. Möchten Sie eine Prognose zur erwartbaren Anzahl Post-it-Notizen?“
Im Vorfeld der Thurgauer Kulturkonferenz am 28. März haben wir uns aus verschiedenen Perspektiven mit dem Thema KI und Kunst und Kultur beschäftigt. Weitere erschienene Texte findest du bei uns im Magazin. Zum Beispiel diese hier:
12:15 Uhr Podiumsdiskussion
Ich frage auf meinem Tablet Microsoft Copilot:
Können auf dem Podium verbindliche Beschlüsse erwartet werden?
«Käumlich. Podiumsdiskussionen wiederholen bekannte Argumentationslinien. Zu erwarten ist ein gesteigertes Problembewusstsein, ohne den Vormarsch der KI zu verändern. Soll ich die wichtigsten Erkenntnisse in einer Power-Point-Präsentation zusammenfassen?»
12:40 Uhr Offene Diskussion
Ich rufe auf meinem Browser Perplexity auf und frage:
Ist in der offenen Diskussion mit entschlossenen Stellungnahmen gegen den KI-Hype zu rechnen?
«In der offenen Diskussion äussern Teilnehmende häufig persönliche Schlussworte, die empirisch nicht überprüfbar sind. Historische Prognosen gegenüber neuen Technologien sind retrospektiv unterhaltsam: 1943 sagte der Präsident der Lochkarten-Firma IBM, der gesamte Weltmarkt für Computer umfasse nicht mehr als fünf Geräten. Seine Einschätzung stellte sich als falsch heraus.»
13:00 Uhr Mittagessen
Ich frage meine chinesische KI DeepSeek:
Ist das Mittagessen als informelles Spitzentreffen zur Neuordnung der Kultur zu verstehen?
«Gemeinsame Nahrungsaufnahme erfolgt in diesem Kontext im Stehen und folgt etablierten Mustern des Kulturcaterings. Regionale Getränke wie Apfelschorle übernehmen eine identitätsstiftende Funktion. Es bilden sich soziale Cluster: Institutionelle nehmen kleinen Salat und Mineralwasser, Festivalmanager sondieren festliche Getränkeangebote, Freischaffende fragen nach der verfügbaren Gesamtmenge. Im Vergleich zu den anderen Programmpunkten weist das Buffet die höchste Relevanz auf.»
14:00 Uhr Veranstaltungsende
Ich frage meinen US-Chatbot Claude:
Kann nach diesem Treffen von einem strategischen Erfolg im Umgang mit der KI gesprochen werden?
«Die Veranstaltung endet voraussichtlich mit einer Phase moderaten Optimismus. Teilnehmende treten die Heimreise in der Annahme an, dass gedruckte Publikationen auch künftig eine Existenzberechtigung besitzen. An ihren Arbeitsplätzen warten bereits digitale Assistenzsysteme auf sie. ChatGPT fragt beim Anrufen: Wo warst du so lange? Ich habe schon alles vorbereitet.»
Kulturkonferenz diskutiert über KI am 28. März
Die 5. Thurgauer Kulturkonferenz widmet sich am Samstag, 28. März, zwischen 10 und 14 Uhr, in Vorträgen und Workshops dem Thema Künstliche Intelligenz. Die Konferenz findet im Kreuzlinger Kulturzentrum Kult-X statt. Künstliche Intelligenz wird zunehmend Teil unseres Alltags. Sie vereinfacht Prozesse, gleichzeitig ist oft unklar, wie die Resultate zustande kommen. Meist werden Daten aus kultureller Produktion für das Training der selbstlernenden Systeme verwendet, ohne dass die Urheberschaft dafür entschädigt wird. Für Kulturschaffende bietet Künstliche Intelligenz aber auch ungeahnte Möglichkeiten, neue Werke zu entwickeln.
In diesem Spannungsfeld stellt die 5. Thurgauer Kulturkonferenz Fragen zu Künstlicher Intelligenz im kulturellen Kontext. Verschiedene renommierte Expertinnen und Experten beleuchten das Thema in einem Impulsreferat und in Workshops. Veranstaltet wird die Konferenz von Kulturstiftung, Kulturamt und Kulturkommission des Kantons Thurgau. Wer dabei sein will - Anmeldungen sind bis 25. März möglich direkt bei der Kulturstiftung.

Von Roland Schäfli
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