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von Niculin Janett, 24.07.2015

Improvisations-Blues

Improvisations-Blues
Wandbemahlung auf der Toilett im Probekabäuschen… | © Niculin Janett

Niculin Janett

Also dann, wie versprochen gibt's heute einen kleinen Exkurs in meinen Arbeitsalltag. Weil das ist ja schlussendlich ein ziemlich zentraler Teil meines Aufenthalts hier in New York.
Improvisation in der Musik hat natürlich unendlich viele Schichten und Facetten und ist bei weitem nicht nur auf die Jazzmusik beschränkt (man denke an Bach oder Mozart). Drum: Eingrenzung ist bitter nötig.
*
In meiner doch noch eher jungen Improvisatoren-Karriere habe ich bis jetzt primär eine Erkenntnis gemacht: Man kriegt eigentlich nie das auf die Reihe, was man ursprünglich gewollt hat. Man setzt die Melodielinie in den Sand, verheddert sich im Rhythmus oder verfehlt schlicht und einfach die Tonart. Und das passiert ehrlich gesagt die ganze Zeit. Zum Glück ist das nicht weiter schlimm, weil oft kommt dann etwas neues, überraschendes dabei heraus. Das Scheitern ist sogar ein entscheidender Teil einer guten Improvisation, in meinen Augen.
*
Trotzdem empfinde ich es aber als sehr wichtig, dass ich beim Improvisieren möglichst klar meine Ideen und musikalischen Gedanken umsetzen kann. Und dafür braucht es eine erschütternd grosse Menge an Routine. Wie oft schon hörte ich den Satz „well man, just play what you hear!“. Jaja klar, würd' ich gerne machen, ist halt aber nur nicht ganz so einfach. Ich höre nämlich die ganze Zeit Dinge, sie dann aber durch mein Horn zu kriegen, das ist eine ganz andere Geschichte.
*

 

Und so sitze ich nun hier in New York und poliere ganz bewusst die grundlegenden Basics...

Irgendwann gegen Ende Studium habe ich für mich selber herausgefunden, dass meine Freiheit im Spiel immer dann grösser wird, wenn ich beim Üben ganz simple und einfache Themen abdecke. Im Moment geht's grad um das hier:

Thema 1

Stück: Blues For Alice
Aufgabe: Alle Tonarten – Metronom auf Tempo 10 (Schlag auf 1 alle vier Takte)


Hier geht's schlicht und einfach um die Regelmässigkeit der Melodielinien in allen Tonarten.

Thema 2

Aufgabe: Dreiklang-Stimmführung


Eine Technikübung, im Idealfall finden sich Elemente dieser Übung irgendwann später im richtigen Leben wieder...

Dazu kommen viele weitere kleinere Dinge, Stücke üben zum Beispiel, oder ganz einfach frei spielen und neue Ideen generieren.
*
Sodeli. Mit mehr Trockenfutter will ich euch jetzt nicht belasten. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Material, welches ich in „Zyklen“ durcharbeite. Ich hoffe, man kann sich so ein wenig ein Bild machen.
*
Versprochen, nächste Woche wenden wir uns wieder weltlicheren Dingen zu. Der „Sad Pumpkins“-Videodreh steht kurz bevor, sowie die erste von vielen Jamsessions mit dem grossartigen Rich Perry, als Vorbereitung für die Studiosession im September - mit ihm am Tenorsax, Lisa Hoppe am Kontrabass und dem chilenischen Drummer Rodrigo Recabarren.

Also dann, Shai Maestro wartet zusammen mit Ben Wendel in der Jazz Gallery darauf, dass es 8pm wird und er mit seinem Gig beginnen kann, und ich will das nicht verpassen. Have a good one, y'all!

 

Ein Jazzer in New York

Niculin Janett (25) lebt seit seiner Geburt in Sulgen. Der Saxophonist, Sänger und Komponist studierte an der Zürcher Hochschule der Künste Jazzsaxophon. Seit 2008 ist er in verschiedensten Formationen aktiv. Seine Hauptprojekte sind Janetts Jazzmusik-Baukasten, das Duo The Sad Pumpkins und die Volksmusik-Familienkapelle C’est si B.O.N. Von Juli bis September 2015 ermöglicht ihm der Kanton Thurgau einen Atelieraufenthalt in New York City. Diesen will er nutzen, um seine instrumentalen Fähigkeiten weiterzuentwickeln, Freiraum für das Komponieren zu haben und musikalische Beziehungen zu knüpfen und weiter zu vertiefen. Für thurgaukultur.ch berichtet er regelmässig aus dem Big Apple. (rom)

 

***

Bisher erschienen:

Amazing Days - thurgaukultur.ch vom 17.07.2015
Jetlag: Ende vom Gelände - thurgaukultur.ch vom 03.07.2015

 

Mehr zum Thema:

Thurgauer Kunstpower - thurgaukultur.ch vom 4.06.2015
Ein Vierteljahr Big Apple - thurgaukultur.ch vom 9.12.2014

Die Atelieraufenthalte werden 2019 wieder ausgeschrieben.
Reglement hier.

www.niculinjanett.ch

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