Über 1552 Personen haben die Petition für den Erhalt der lokalen Kulturseiten im Tagblatt und in seinen Partnerblättern wie der Thurgauer Zeitung unterschrieben. Genützt hat es nichts. Man wolle künftig das Gärtli-Denken überwinden, so das Tagblatt. Den Ausdruck der Petitition hat Initiator Alex Meszmer heute dem Müll übergeben (siehe Kasten).

Brigitta Hochuli

Wie von thurgaukultur bereits geschrieben, erscheinen die Zeitungen ab 7. Juli mit einem Mantelteil mit zwei statt wie bisher vier Bünden. In diesen „gemeinsamen Teil“ wird auch die Ostschweizer Kultur verpackt. Den offensichtlich zu erwartenden Abbau bezeichnet das Tagblatt im Artikel „Ihre Zeitung wird neu gegliedert“ als „Kultur ohne Gartenhag“. Die bisherigen „starren lokalen Kulturseiten“ würden aufgehoben, die dafür zuständigen Redaktoren ins Ressort «Focus» des gemeinsamen Zeitungsmantels integriert. Neu werde den Focus-Seiten eine Seite «Ostschweizer Kultur» angegliedert. „Damit kommen wir auch einem Wunsch aus der Leserschaft entgegen, immer wieder wurde bedauert, dass publizistische Auseinandersetzungen mit Perlen des lokalen Kulturgeschehens nur einem beschränkten Publikum zugänglich gemacht wurden“, lautet die Begründung.


„Ohne Gärtli-Denken“

Künftig könne die kompetente, organisatorisch schlagkräftiger aufgestellte Kulturredaktion ohne Gärtli-Denken stärker nach journalistischen Kriterien gewichten und ausgewählte Kulturthemen aus der Ostschweiz für ein grosses Publikum zugänglich machen. Dabei solle eine begründete journalistische Willkür klar den Vorrang vor vermeintlichen Gewohnheitsrechten haben.


Kultur in allen Lokalausgaben

Die lokale Kultur soll trotzdem nicht aus den Regionalseiten verschwinden. Themen, die nicht auf «Ostschweizer Kultur» abgehandelt würden, fänden weiterhin statt. „Die vormals lokalen Kulturredaktoren werden eine enge Absprache mit den jeweiligen Lokalredaktionen pflegen. Ebenso bleibe das kulturelle Schaffen der Ostschweiz nicht auf die Seite «Ostschweizer Kultur» beschränkt. „Originelle, wichtige oder besondere Themen können wie schon heute auf 'Focus'-Seiten oder auch auf den Seiten 'Thema' am Anfang der Zeitung plaziert werden.“


Beispiellose Solidarität

Gegen dieses Szenario hatte der Pfyner Künstler Alex Meszmer die Petition „Erhalt der Kulturseiten Regionalkultur Thurgau und Stadtkultur St. Gallen“ lanciert. Innert Kürze kamen statt der nötigen 500 drei Mal so viele, nämlich 1552 Unterschriften von teilweise namhaften Persönlichkeiten zusammen. Diese Petition hatte Meszmer heute dem Tagblatt-Chefredaktor Philipp Landmark übergeben wollen. Dazu kam es nicht. Die beispiellose Solidarität für die lokale Kultur und ihre Macherinnen und Macher sollte trotzdem nicht für die Katz sein. Mit dem Ostschweizer Kulturmagazin Saiten sowie dem Kulturportal thurgaukultur.ch gibt es durchaus unterstützenswerte Alternativen, die das „Gärtli-Denken“ mit Lust und Kompetenz weiterhin pflegen werden!

***

Bisherige Artikel zum Thema:

TZ schafft Kulturseite aus
Petition für Kulturseiten lanciert
Die Zeitung stirbt in Raten

Neu:

Kommentar in SAITEN

Kommentar im TAGBLATT

 

Petition entsorgt

Anstatt die online-Petition für den „Erhalt der Kulturseiten Regionalkultur Thurgau und Stadtkultur St. Gallen“ am Freitagmorgen wie abgemacht Tagblatt-Chefredaktor Philipp Landmark zu übergeben, entsorgte Initiator Alex Meszmer (Bild) in Pfyn den Print in einen Haushaltmüll-Container. Derweil Landmark in St. Gallen vergeblich auf das Treffen wartete, wie er twitterte. (ho/Bild: Sascha Erni)

 

KOMMENTAR *

 

zora debrunner • vor 3 Jahren
Als Unterzeichnerin der Petition fühle ich mich nicht von Alex Meszmer verarscht, sondern in meinen Befürchtungen in Sachen Politik des Tagblatts bestätigt. Der Herr Landmark hat sich im Vorfeld seiner eigenen Pressemeldung via Twitter nicht wirklich gesprächig, offen und interessiert an einem Dialog gezeigt. Schade!

Ich bin froh, dass Meszmer am Freitagvormittag nicht nach St.Gallen
gefahren ist, um „Tagblatt"-König Philipp Landmark die Petition
zu überreichen. Denn, so wie ich vermute, hätte der Chefredaktor
unserer überregionalen Zeitung auch hier keine Chance verstreichen lassen, sich herablassend und gleichgültig, aber dennoch medial verwertbar gegenüber den (Thurgauischen) Kulturschaffenden und somit seinen LeserInnen zu zeigen.

Ich für meinen Teil finde es schade, dass die Zeitung, mit der ich
aufgewachsen bin, immer mehr zu einer verkochten Spaghettisuppe ohne Sauce wird: langweilig, matschig und ohne Goût.

Wissen Sie, was Leser in meinem Umfeld über die Thurgauer Zeitung sagen?

„Die Thurgauer Zeitung lese ich nur noch, damit ich weiss, wenn jemand gestorben ist, den ich kenne."

Soweit ist es also gekommen. Gratuliere, Herr Landmark. Das haben Sie richtig gut hingekriegt.

 


Sascha Erni, .rb • vor 3 Jahren
Ich denke, man muss das mit dem »Kübeln« auch in Relation sehen. Als Alex Meszmer die Petition startete äußerte sich Herr Landmark vergleichsweise flott, schon nach drei Tagen. Via Twitter, am 13.6.: »Landmark gibt gerne Statements ab, wenn Zeit reif ist Spekulationen kommentiere ich nicht« (sic).

Zur Erinnerung, der Petitionstext findet sich hier: https://www.openpetition.de...

 

Herr Landmark nannte also am Freitag, den 13. Juni, die kommende Reorganisation der Bünde, das Zusammenstreichen der Kulturseiten und die wegfallenden Möglichkeiten für Kulturschaffende mindestens indirekt »Spekulation«, zu denen er sich nicht äußern wolle. Er kündigte aber Infos an, wenn die »Zeit reif« sei.

 

Am 17.6. fragte Alex Meszmer per Twitter nach, wann er die Petition symbolisch übergeben könne – es war immerhin eine Online-Petition, jeder hatte jederzeit vollen Einblick in die Kommentare und Unterschriften. Landmark schlug den 20.6. vor und versprach Terminvorschläge zu verschicken. Das geschah dann telefonisch. Termin Freitag, 11 Uhr.

Am Dienstag wurde ein Termin für Freitag vereinbart, um eine Online-Petition in Empfang zu nehmen, die sich um den Erhalt der Kulturseiten in ihrer gegenwärtigen Form bemüht und eine etwaige Zusammenlegung oder Streichung der regionalen und lokalen Kulturseiten als Abbau wahrnimmt. Und am Freitagmorgen findet sich in den verschiedenen Tagblättern dann das hier:

http://www.tagblatt.ch/aktu...

- Streichen der Zoom-Seite (Abbau?)

- »Integration« der bisherigen Regionalkultur-Redaktoren ins Ressort »Focus« (Abbau? Zusammenlegung?)

 

- Eine Seite »Ostschweizer Kultur« statt wie bisher die separaten Regionalkultur-Seiten (Zusammenlegung?)

 

- »Dabei soll eine begründete journalistische Willkür klar den Vorrang vor vermeintlichen Gewohnheitsrechten haben.« (Die Wahl des Wortes »Willkür« ist in dem Kontext ganz, ganz ... unklug. Auch wenn sie »journalistisch« und »begründet« sein soll.)

 

Wusste Landmark nicht, dass die bereits gefällten Entscheidungen am Freitag publiziert würden? Kaum. Weshalb hat er dann Meszmer zur Übergabe eingeladen? Der auch in der Thurgauer Zeitung abgedruckte Freitag-Artikel spricht nicht von »Möglichkeiten« oder »Diskussion« oder ähnlichem. Nein: »Bevorstehende Neugestaltung« (nicht »geplante«, sondern »bevorstehende«), keine Konditionalformen wenn's um die Mantelbünde oder Zusammenlegung von Ressorts geht. Also – um den Inhalt der Online-Petition.

 

... und kurz darauf veröffentlicht die SDA die Medienmeldung der Tagblatt-Gruppe, dass 10 Redaktoren entlassen, pardon, Stellen abgebaut werden, vorwiegend in den Kulturredaktionen. Im Online-Tagblatt selbst erscheint die SDA-Meldung um 12 Uhr. Eine Stunde, nachdem der Termin für die Übergabe gewesen wäre.

 

Weshalb soll sich dann der Petitionssteller noch nach St.Gallen bemühen? Der Drops ist gelutscht, die physische Übergabe einer Online-Petition, auf welche die Tagblatt-Gruppe und auch Herr Landmark die gesamte Zeit über Zugriff hatten eine Farce. Das Tagblatt hat die Petition während der gesamten Laufzeit nie bzw. nur als »Spekulation« kommentiert, schlägt dann einen Termin für die Übergabe der Petition vor – der ausgerechnet auf denselben Tag fällt, an dem die Öffentlichkeit über das Fait Accompli informiert wird?

 

Aus meiner Sicht hat Alex Meszmer mit dem »Kübeln« der bereits vor Tagen wenn nicht Wochen definierten Gesamtsituation nur ein Bild gegeben. Denn die Stimmen hatte das Tagblatt selbst bereits lange zuvor selbst entsorgt: Durch Nichtbeachtung eines Leserbegehrens, »alles nur Spekulation, dazu sagen wir nix« und der Wahl des Übergabetermins der über 1500 Unterschriften und zig Erläuterungen dazu. Und auch wenn Herr Landmark es nicht glauben mag, die meisten Tagblatt-Kulturseiten können auch aus dem Ausland gelesen werden. Machte ich erst vor ein paar Wochen in Köln. Online, eben.

 

Dass ausgerechnet ein Kulturschaffender dann daraus zynisch eine Performance macht sollte man ihm nicht vorwerfen. Ja, es wäre »netter« gewesen, hätte er den Termin einfach abgesagt. Herrn Landmark war der Termin aber offenbar wichtig, wenn er öffentlich seine Warterei via Twitter dokumentierte. Ich dachte, es ging nur um die Übergabe einer ausgedruckten Online-Petition? Weshalb wartet er da zwei Stunden drauf und schreibt am folgenden Tag einen Artikel dazu?

 

Ja – ich bin befangen. Ich habe die Fotos bei Meszmers Aktion gemacht. Aber: Die Idee dafür entstand erst am Freitag Morgen so gegen 9 Uhr. Die Petition war ernst gemeint, als Mittel zum Dialog, ganz ohne »Eigennutz«, »Gärtchen-Denken« oder »vermeintlichem Gewohnheitsrecht«. Dafür wird Meszmers Schaffen zu wenig oft in der Thurgauer Zeitung diskutiert und er schreibt, wenn auch mehr als ich, zu selten für den Regionalkulturteil, als dass DAS im Eigennutz groß relevant wäre.

 

Es wäre hier wirklich einfach nur um die Sache gegangen: Regionalkultur in Zeitungen. Und, etwas weiter gefasst: Was ist eine Regionalzeitung mit zusammengestrichenem Regionalteil? Die Kultur trifft's am härtesten, aber auch die Wirtschaftsredaktionen werden zusammengelegt. Wie Peter Surber fürs Saiten-Magazin schrieb: »Bei den KMU-lern dürfte Landmarks Schnöden über «Gewohnheitsrecht» und «Gärtli-Denken» mindestens so schlecht ankommen wie in der Kulturszene.«

 

Nur inszenieren sie die Sache nicht. Sie wählen mit dem Portemonnaie. Als Grund für die Reduktion der Regionalzeitungen wurde Inserate-Schwund genannt. Nun ja. Mit weniger regionalen Inhalten, weshalb sollte dann ein regional-tätiger KMU überhaupt noch Inserate in Betracht ziehen? Damit man im Appenzell von seinem Käsereispezialitäten-Geschäft erfährt? Oder vom Fitness-Center in Felben-Wellhausen?


Hanspeter Vetsch • vor 3 Jahren
Dass die Petition ein (gegenüber den Petitionären übler, wohl als «Installation» verstandener) Scherz werden könnte, habe ich vermutet und deshalb nicht unterzeichnet. Sachlich allerdings ist das Thema nicht vom Tisch, und das betrifft keineswegs bloss die Regionalkultur. Dass die TZ sparen muss, ist klar. Aber offensichtlich herrscht in St. Gallen ein medialer Provinzfrust, der in der Devise «Wir können wie die Grossen» mündet. Also wird (mit gütiger Hilfe des NZZ-Verlags und gegen den Willen des Chefs der NZZ am Sonntag) mit nicht vorhandenen finanziellen und personellen Ressourcen ein Blatt produziert, das dem zusätzlich bezahlenden Teil der Abonnenten der Tageszeitung (mir nicht) jeweils am Sonntagmorgen als Altpapier frisch ab Presse geliefert wird. Vielleicht wären in der Tagblatt-Chefetage ein paar Takte Stahlberger hilfreich.

Um unnötige Repliken zu vermeiden: Ich weiss sehr wohl, dass mit einer 100'000er Auflage die Schweinebauchanzeigen kommen. Bloss ist das viel teurer zu haben als eine zufriedene Leserschaft im lokalen (vor mir aus: provinziellen) Kerngeschäft, die die Tageszeitung(en) abonniert.

Stefan Keller • vor 3 Jahren
Ach, hätte er wenigstens einen Gebührensack benützt oder eine Gebührenmarke drauf geklebt. Ich hab es nicht gerne, wenn meine Unterschrift illegal entsorgt wird.

Alex Bänninger • vor 3 Jahren
Alex Meszmer hat unbedacht gehandelt. Es ärgert mich masslos, hinterher feststellen zu müssen, mich nicht an einer ernsthaften Aktion beteiligt zu haben, sondern an einem albernen Happening. Mit ihm ist die Tagblatt-Medien AG fein raus, weil sie behaupten kann, sich noch so gerne mit der Petition befasst zu haben, wäre sie vom Initianten nicht in den Mistkübel geworfen worfen. Das ist auch ein Affront gegenüber den Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern.

Markus Schär • vor 3 Jahren
Pardon, Alex: Wer sich jetzt von Alex Meszmer verarscht fühlt (sorry, Brigitta, das geht nicht anständiger), ist selber schuld. Denn wer zum Beispiel seine Kolumnen auf der Regionalkulturseite der TZ las, hätte es längst wissen können. (Ich habe das auch erst jetzt gemacht, mir reichten Twitter und Facebook für eine definitive Einschätzung.)

Nur ein paar Beispiele – mehr wäre zu viel der Ehre:

 

17.9.2012 (unter dem Titel „Kleiner Knigge"): „Wenn Sie das nächste Mal auf einen Kulturschaffenden treffen, dann verkneifen Sie sich doch bitte die Frage: ‚Wie finanzieren Sie sich?' Denn Hand aufs Herz, würden Sie die gleiche Frage Ihrem Metzger, Ihrer Coiffeuse oder Ihrem Automechaniker stellen? Sie ist ebenso indiskret wie ehrverletzend und unterstellt uns Kulturschaffenden, auf Kosten des Staates zu leben und unfähig zu sein, für sich selber zu sorgen."

 

26.5.2014: „Überall schiessen Defizite wie Pilze aus dem Boden, während munter Sparprogramme gesät werden, woraufhin die Kultur finanziell trocken gehalten wird, während andere in einem warmen Geldregen von Steuersenkungen planschen." (Der Mann kann Staatsausgaben und –einnahmen – aufgrund von Leistungen der Bürger und der Unternehmen – nicht auseinanderhalten.)

 

3.2.2014 (zum Mandat für die Verhandlungen über ein institutionelles Rahmenabkommen mit der EU): „Darin enthalten ist der Entwurf eines Verhandlungsmandats für die Teilnahme der Schweiz am Kulturförderungsprogramm Creative Europe. Das ist ein sehr wichtiger Schritt für die Schweizer Kulturschaffenden, Kulturinstitutionen und Kulturförderer, die dadurch den Zugang zu Förderprogrammen erhalten, sich endlich aktiv am Kulturaustausch beteiligen können und auch Zugang zu den EU-Kulturfördertöpfen bekommen. Am 9. Februar werde ich (als Vorstandsmitglied der Visarte) auf dem Weg nach Brüssel sein, um dort mit Verbandsvertretern aus dem ganzen europäischen Kulturbereich über Kultur und die Zukunft Europas im Hinblick auf die Europawahlen zu diskutieren. Die Initiative überschattet diese Reise."

 

3.3.2014 (nachdem die Pfyner, die Meszmer / Müller so am Herzen liegen, dass die Künstler sich von ihnen seit acht Jahren aushalten lassen, die Masseneinwanderungsinitiative mit 70 Prozent angenommen haben): „Nach den neueren Entwicklungen in der Schweizer Politik sind wir uns nicht so sicher, ob alle noch wissen, was Demokratie eigentlich ist." (Meszmer ist übrigens Deutscher.)

 

Das Happening der letzten Wochen fügte sich in dieses Bild: Anmassende Forderungen stellen, ohne die Probleme zu verstehen und zu einer Lösung beizutragen, also die geringste Eigenleistung zu erbringen – Kulturschaffen als parasitäre Existenzform.

 

 

* Seit März 2017 haben wir eine neue Kommentarfunktion. Die alten Kommentare aus DISQUS wurden manuell eingefügt. Bei Fragen dazu melden Sie sich bitte bei sarah.luehty@thurgaukultur.ch