von Katrin Zürcher, 02.07.2013

Engagement für die Kunsthalle Arbon

Engagement für die Kunsthalle Arbon

Politik und Kunst haben vieles gemeinsam, findet Inge Abegglen, die sich seit einem Vierteljahrhundert für beides engagiert. Zurzeit ist sie mit der Ausstellung zum 20-Jahr-Jubiläum der Kunsthalle Arbon beschäftigt.

Katrin Zürcher

Auf den neugierigen Blick folgt der Schreck. Das goldgerahmte Brustbild gleich neben dem Eingang zeigt eine hübsche junge Frau mit ausladendem Hut. Ihre grossen braunen Augen schauen einen unschuldig an. Schon will man den Blick abwenden, da zwinkert sie einem verschwörerisch zu. Irritiert schaut man genauer hin. Die Frau auf dem Foto bewegt sich leicht, blinzelt erneut. Ein lebendes Bild, wie aus Harry Potters Zauberwelt? Schmunzelnd tritt Inge Abegglen hinzu. Sie ist Kuratorin der aktuellen Ausstellung von Olga Titus in der Kunsthalle Arbon, ausserdem Museumstechnikerin und Ausstellungsbetreuerin, und sie kennt das Geheimnis: Der goldfarbene Holzrahmen lässt sich öffnen. An der Rückwand klebt ein Computer-Tablet, das in einer Endlosschleife eine kurze Filmsequenz von und mit der im Thurgau geborenen und in Winterthur lebenden Künstlerin abspielt.

Zeit für Installationen

Inge Abegglen engagiert sich seit zwanzig Jahren für die Kunsthalle Arbon. Als gelernte Laborantin sei sie eher zufällig zur Kunst gekommen, erzählt sie. Mit einer Freundin habe sie im Kulturverein Arbon mitgearbeitet, der damals zusammen mit der Landenberggesellschaft im Schloss Arbon Ausstellungen organisierte. „Vor gut zwanzig Jahren begannen viele Künstler, installativ und gross zu arbeiten, und dafür war der Raum im Schloss zu klein. Deshalb gründeten wir die Kunsthalle Arbon.“ Mittlerweile ist Inge Abegglen das einzige noch aktiv mitarbeitende Gründungsmitglied. Das nötige Rüstzeug hat sich die heute 63-Jährige unter anderem im Lehrgang Kunstmanagement der Universität Bern angeeignet. Vorstandsmitglied Marlene Nägele sagt über sie: „Ihre Aufgabe in unserer Kunsthalle ist sehr umfassend.“

Jubiläumsausstellung im August

Auch für die Finanzen ist Inge Abegglen verantwortlich. Die Kunsthalle Arbon wird vom Kanton und der Stadt Arbon finanziell unterstützt. Im Gegenzug muss sie mindestens drei Ausstellungen pro Jahr realisieren. Weil jährlich zumindest ein Künstler, eine Künstlerin aus der näheren Umgebung stammen muss, liest sich die Liste jener, die seit 1993 an der Grabenstrasse 6 ausgestellt haben, beinahe wie ein „Who Is Who“ der Thurgauer Kunstszene. Für die bevorstehende Jubiläumsausstellung „Die zweite Dekade“ hat der Vereinsvorstand Künstler angefragt, die in den letzten zehn Jahren hier ausgestellt haben. Alle bekommen ein Panel von zwei Quadratmetern Grösse zugeteilt, auf der sie eine Arbeit präsentieren können. Inge Abegglen freut sich auf die Ausstellung, die am 17. August eröffnet wird, auch wenn deren Organisation speziell aufwendig ist.

Bei werkschau tg mit von der Partie

Die laufende Ausstellung, Olga Titus‘ „Ideal Artist“, ist die zweite in diesem Jahr. Da die Kunsthalle nicht geheizt ist, wird sie nur von April bis September betrieben. Dieses Jahr wird sie aber auch Ende Oktober und Anfang November geöffnet sein, da sie einer der fünf Ausstellungsorte der von der Kulturstiftung koordinierten Werkschau ist. Ausserdem beteiligen sich die Galerie Adrian Bleisch, der Kunstraum Kreuzlingen, das Kunstmuseum Thurgau und der Neue Shed Frauenfeld. Inge Abegglen war Teil der siebenköpfigen Jury, die aus 150 Bewerbungen rund 50 auswählte. Die Verantwortlichen der fünf Kunsträume bestimmten gemeinsam, wer wo ausstellen solle. „Bei uns muss jemand mit dem Raum arbeiten“, sagt sie, „etwas anderes funktioniert nicht.“ Der Verein legt den Schwerpunkt auf zeitgenössische Kunst, will laut Leitbild eine Plattform bieten für „künstlerische Auseinandersetzungen mit experimentellem Charakter“.

Das Dach rinnt

Der Vorstand lädt potenzielle Künstler immer zuerst zu einer Besichtigung vor Ort ein. Die 600 Quadratmeter grosse Kunsthalle ist mit einem durchgehenden Oberlicht ausgestattet, und auch der Bodenbelag ist nicht nach jedermanns Geschmack: Er gleicht einem schlecht unterhaltenen Parkplatz, ist geteert und voller Flickstellen und Löcher. Seit die Blechstanzfirma Schädler in den siebziger Jahren aus der Lagerhalle ausgezogen ist, wurde kaum etwas gemacht. Die Stadt kaufte die Halle, wollte ein Parkhaus einbauen, liess die Idee wieder fallen. Jetzt vermietet sie sie dem Verein zu einem symbolischen Mietzins. Für den Betrieb als Kunsthalle wurden einzig Wände eingezogen, um die unruhigen Backsteinwände zu verdecken. Nasse Flecken auf dem Boden zeigen, wo das Sheddach undicht ist. Inge Abegglen zuckt die Achseln: „Wir wissen, wo es heikel ist und platzieren dort nichts.“

Kunst zeigt Fehlleistungen

Der Industrie-Charme inspiriert aber auch. So hat sich die Künstlerin Muriel Baumgartner mit ihrer Ausstellung „Im Garten der Güter“ letztes Jahr den kaputten Asphaltboden zunutze gemacht. Sie platzierte künstliche Pflanzen so geschickt, dass die Halle wie eine Stadtbrache wirkte, die von der Natur langsam zurückerobert wird. „Es war eine extrem berührende und politische Arbeit“, sagt Inge Abegglen. Die gebürtige Deutsche, die seit 1973 mit ihrem Mann in Arbon lebt, ist seit 25 Jahren in der Politik aktiv. Als junge Mutter engagierte sie sich in der Schulbehörde. Heute ist sie Laienrichterin am Bezirksgericht Arbon, daneben amtet sie als Kassierin der SP Arbon und Präsidentin der SP-Frauengruppe Arbon. Seit fünf Jahren gehört sie dem Grossen Rat an. Kunst und Politik müssten sich nicht ausschliessen, findet sie, im Gegenteil: „Kunst kann gesellschaftliche Fehlleistungen aufzeigen und zum Nachdenken anregen. Sie kann der Gesellschaft zeigen, wohin die Zukunft führen soll.“

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