von Daniel Badraun, 10.07.2016

Die Stickerin - gradlinig und stolz

Die Stickerin - gradlinig und stolz
Die Beerdigung von Jakob Roth | © Daniel Badraun

Am Freitag, 8. Juli, fand im Alfred Sutter-Park in Münchwilen die Premiere des Stücks „Die Stickerin“ von Markus Keller statt. Bereits zum zweiten Mal geniesst die „Bühne Thurtal“ Gastrecht im weitläufigen Gelände rund um die Villa Sutter.

Daniel Badraun

In der Festwirtschaft brutzeln die Stickerspiesse auf dem Grill und goldgelbe Countrycuts schwimmen im ÖI. Das gutgelaunte Publikum lässt sich verwöhnen, man geht durch den Park, diskutiert bei einem Glas Wein und geniesst den warmen Abend. Es herrscht Openairstimmung. Im Eingangsbereich des Geländes wurde eine Stickerei-Ausstellung eingerichtet. Ältere Sticker aus der Gegend stellen Muster, Maschinen und Arbeitsutensilien zur Verfügung. Eine Nachstickerin zeigt, wie Fehler ausgebessert werden. Farbige Garne und Sujets wohin man schaut.

Die Stimmung kippt

Gegen acht ertönt eine Dampfsirene. Zwischen fröhlich spielenden Kindern und Stickern, die aus ihren Häusern treten, geht das Publikum zur Tribüne. Da ist ein Platz, dahinter stehen drei Häuser, in denen die Heimsticker wohnen. Zuerst erscheint Traugott Steiner, den dier Zuschauer sofort ins Herz schliessen. Der listige Alte sucht immer wieder ein neues Versteck für seine Schnapsflasche und hat die Lacher auf seiner Seite, wenn seine Frau Martha ihm auf die Schliche kommt. „Das sind mini Härdöpfel“, sagt er mit Blick auf die Flasche zum Gemeindepräsidenten, als dieser einen Jungen verfolgt, der einen Sack Kartoffeln gestohlen hat.


Jakob und Lydia Roth wollen ein Haus kaufen. Bild: Daniel Badraun

 

Hinter dem fröhlichen Treiben wird immer mehr der bittere Alltag der Stickerfamilien sichtbar. Für die Unabhängigkeit nehmen sie Armut und Hunger in Kauf, dabei sind sie den skrupellosen Ferggern ausgeliefert, die ihnen Aufträge geben und die fertige Ware abnehmen. Nach dem Konkurs eines Stickers ersteigern sich Lydia und Jakob Roth sein Häuschen. Die dazugehörige Stickmaschine, die sie für ihre Existenz brauchen, geht zu einem überrissenen Preis an den Fergger Erwin Schläpfer, der die Familie Roth nun in der Hand hat und ihnen die Maschine zu einem Wucherpreis verpachtet.

Eindrückliches Sozialdrama

Die Alternative zur Heimstickerei ist die Fabrikarbeit. In der Villa Sutter gleich neben den Stickerhäusern residiert die Fabrikantenfamilie Hagman. Der alte Patron führt die Fabrik mit eiserner Hand und schafft es mit seinem Charisma, einen Streik zu beenden. „Verhandeln ohne nachzugeben“, ist seine Devise. Sein Sohn Fridolin möchte den Maschinenpark erneuern, so kann mehr produziert werden, die Handstickerei wird damit ersetzt. Fridolins Verlobte Katharina Sutter ist das Gewissen der Familie. Die junge Lehrerin stellt unbequeme Fragen, so weist sie auf die Kinderarbeit hin, deren Folgen erschöpfte Schüler im Klassenzimmer sind. Sie macht das Schicksal der ausgebeuteten Menschen sichtbar, die in den Augen der Fabrikanten „alles Rote“ sind.


Die Streikenden verhandeln mit der Fabrikantenfamilie Hagmann. Bild: Daniel Badraun

 

Der Berner Autor Markus Keller hat mit seinem Stück aus dem Jahr 2005 ein Sozialdrama geschrieben, das den Alltag der Sticker eindrücklich zeigt. Er bezieht Partei für die Zukurzgekommenen und denunziert den gnadenlosen Zynismus der Besitzenden. Die herrschenden Verhältnisse werden von den Armen kaum in Frage gestellt, sie sind zu sehr damit beschäftigt, ihre Kinder zu ernähren und nicht ganz im Elend zu versinken. Regisseurin Monika Wild und dem Laienensemble ist es gelungen, dem Text Leben einzuhauchen, entstanden ist eine Zeitreise in die nicht allzu ferne Vergangenheit, die alles andere war als die ‚gute alte Zeit’.

Nie schwerfällig

Zum Ensemble der Bühni Thurtal gehören auch zwei Tiere. Die Kuh Hollaia platziert während der Premiere einen wunderbaren Kuhfladen auf der Bühne, auf dem der Fergger Erwin Schläpfer auch ausrutscht, als wäre alles geplant. Ein weiterer Publikumsliebling ist die Ziege Lisette, die sich die Roths anstelle der Stickmaschine ersteigern. Sie sorgt immer wieder für ein wenig Fröhlichkeit im tristen Alltag der Familie.

Obwohl es für die Sticker kaum Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation gibt, ist die Inszenierung nie schwerfällig oder langatmig. Massenszenen wechseln sich mit intimen Situationen ab. Die Hauptdarstellerin Monika Ricklin spielt die Stickerin Lydia Roth überzeugend ohne falsche Gefühlsduselei. Sie ist mal hart, dann wieder feinfühlig und empfindsam. Ihren Kampf kann sie nicht gewinnen, dennoch geht sie gradlinig und stolz ihren Weg. Ganz stark die Szene, in der sie Wäsche aufhängt und sich dabei gegen den Fergger wehrt, der sie bedrängt.

 

Bildstrecke durch das ganze Stück

 

Das Bühnenbild von Thomas Baumann und Walter Jährmann besticht durch seine Einfachheit. Die Zwischenräume ermöglichen den Blick in die Weite des Parks. Fabrikarbeiter gehen zur Arbeit, drei Polizisten jagen einen Mörder, Betrunkene torkeln nach Hause und die Fabrikanten stossen mit den Damen an. Langsam kriecht die Dunkelheit aus den Büschen und macht sich ausserhalb der Lichtkegel breit. Da ist noch die Musik von Daniel Nussbaumer. Zeit zum Durchatmen. Die Klänge, welche die Szenen verbinden, sind wie Filmmusik, die die Gedanken zum Fliegen bringen und das Geschehen abrunden.

Das Ensemble und die Regisseurin können nach einem rundum gelungenen Theaterabend den begeisterten Applaus entgegennehmen.

 

www.bühnethurtal.ch

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