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von Isabel Schenk, 14.05.2024

„Die Wertigkeit von Kultur wird in der Politik häufig unterschätzt.“

„Die Wertigkeit von Kultur wird in der Politik häufig unterschätzt.“
Dorena Raggenbass übernimmt das Präsidium des Museumsverbundes MUSE.TG. Im Interview mit thurgaukultur.ch spricht sie über Ziele und Herausforderungen. | © Inka Grabowsky

Dorena Raggenbass war viele Jahre Stadträtin für Kultur in Kreuzlingen. Jetzt hat sie eine neue Aufgabe - als Präsidentin des Museumsverbunds MUSE.TG. Ein Gespräch über verschobene Museumsbauten, die Lage in den Thurgauer Museen und die grössten Herausforderungen der kommenden Jahre. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Im Jahr 2023 zählten die Thurgauer Museen zusammen rund 170'000 Besucherinnen und Besucher. «Der Thurgau hat eine grosse, vielfältige Museumslandschaft in allen möglichen Bereichen», sagt die ehemalige Stadträtin von Kreuzlingen und neu gewählte Präsidentin des Vereins MUSE.TG Dorena Raggenbass. Sie folgte Heier Lang an der Spitze von MUSE.TG, der das Präsidium nach 5 Jahren weitergibt.

Dorena Raggenbas, nach ihrem Austritt aus dem Stadtrat Kreuzlingen 2023 sagten Sie in einem Interview, dass Sie nicht gleich wieder in einen Verein eintreten wollten. Nun sind Sie unter anderem Präsidentin von MUSE.TG. Wie kamen Sie zu diesem Amt? 

Die Fragestellung war 2023 eine andere: Ich wurde vom Bodensee.tv gefragt, ob ich schon Pläne hätte. Das war damals nicht so. Nach der Pensionierung sind dann einige Vereine auf mich zugekommen, darunter MUSE.TG. Der Grund für die Anfrage war mein politischer Hintergrund. In der Zeit als Stadträtin haben das Seemuseum, das Museum Rosenegg und das Planetarium im Auftrag der Stadt Kreuzlingen ein Museumskonzept erarbeitet, das ins Museumskonzept der Stadt einfloss. An der anschliessenden Volksabstimmung 2016 wurden höhere Betriebsbeiträge für diese Museen bewilligt. Als Stadträtin konnte ich bei diesem Prozess Erfahrungen sammeln, wie man Museen, die auf Freiwilligenarbeit fussen, professionalisieren kann. Mein politischer Hintergrund, meine Erfahrung und mein Interesse waren für mich der Grund in den Vorstand von MUSE.TG einzutreten. 

Kulturpolitisch hat in den letzten Monaten vor allem die Aufschiebung des Ausbaus der kantonalen Museen Schlagzeilen gemacht. Als Grund wird die schlechte Finanzlage des Kantons genannt. Was sagen Sie und ihr Verein MUSE.TG dazu? 

Die Wertigkeit von Kultur und was durch die Kultur wiederum an Wert ausgelöst werden kann, wird in der Politik häufig unterschätzt. Natürlich kann man nur ausgeben, was man hat, dennoch sollte man es in den Kontext stellen, was welche Ausgaben später bringen. Gerade bei Umbauten fördert man die Wirtschaft, durch Werbung profitieren Grafiker und die Medien. Man sollte also bedenken, was ein Kulturfranken alles in der Gesamtwirtschaft auslöst. Es ist schade, wenn man von Steuersenkungen spricht, um attraktiv zu erscheinen und nicht gesehen wird, was man bei gleichbleibender Steuer alles Attraktives gestalten könnte, in der Kultur wie auch im Sport. Attraktive Kulturorte tragen wesentlich zur Attraktivität eines Kantons bei. Dies scheinen einige Politiker und Politikerinnen zu vergessen. Um den Thurgau aber in Schutz zu nehmen: Der Kanton Thurgau war immer sehr grosszügig, obwohl er ländlich geprägt ist. Die Entwicklungen in der Kulturgesetzgebung und der Aufbau des Kulturamtes, das es seit 2001 gibt, sind bemerkenswert. Auch die Wertschätzung gegenüber den Kulturschaffenden ist stark gewachsen. Eine solche Entwicklung innerhalb von 20 Jahren ist nicht selbstverständlich.

«Attraktive Kulturorte tragen wesentlich zur Attraktivität eines Kantons bei. Dies scheinen einige Politiker und Politikerinnen zu vergessen.»

Dorena Raggenbass, Präsidentin MUSE.TG

 

Bildunterschrift: An der diesjährigen Jahresversammlung von MUSE.TG verabschiedete sich Heier Lang (4.v.l.) und Anna Fiechter (3.v.r.) aus dem Vorstand. Neu in den Vorstand gewählt wurden Michael Mente (1.v.r.) und Dorena Raggenbass (2.v.l.). Weiterhin im Vorstand aktiv sind Frauke Dammert (1.v.l.), Uschy Stutz (3.v.l.), Betty Sonnberger (4.v.r.) und Jürg Fetzel (2.v.r.). Die Geschäftsstelle wird von Sibylle Zambon geführt (nicht im Bild). Bild: zVg
Kommen wir zurück zu Ihrem neuen Verein: Was sind die Ziele von MUSE.TG? 

Der Verein hat drei Kernaufgaben: 

Die erste Kernaufgabe ist die Weiterbildung seiner Mitglieder: Der Verein soll ein Netzwerk für die Museen des Kantons Thurgau schaffen. Bei Fragen und Problemen vermitteln wir zwischen Museen und Fachleuten, beraten also nicht selbst. Der Verein organisiert darüber hinaus Tagungen und neu auch Workshops. In der letztjährigen Fachtagung ging es um den Kulturgüterschutz. Dieses Jahr wird die Textilpflege und -restauration Thema sein. In den Workshops wollen wir Knowhow zu aktuellen Fragen des Museumsbetriebs vermitteln. An der ersten dieser Kurzveranstaltungen haben sich sechs Fachleute vorgestellt. Sie bieten Unterstützungsangebote an, die von den Museen genutzt werden können. 

Ein zweiter zentraler Auftrag, den wir per Leistungsauftrag vom Kanton haben, ist die Förderung des Inventarisierens in den Museen. Dazu bieten wir unseren Mitgliedern eine Inventarisierungssoftware an, die vom Kanton finanziert wird. Die Inventarisierung, also das Anlegen eines Verzeichnisses der Sammlungsobjekte, verschafft den Museen einen guten Überblick über das, was sie haben und gibt an, wo es im Museum steht. Das ist insbesondere im Schadensfall wichtig. Das Inventar dient den Museen zudem als Grundlage für die Weiterentwicklung ihrer Sammlung und die Schärfung ihres Profils. 

 

Das ist MUSE.TG

Der Verein MUSE.TG wurde 1917 als Thurgauische Museumsgesellschaft gegründet, welche selbst Sammlungen besass. 1958 vermachte der Verein den Grossteil seiner Sammlungen an den Kanton Thurgau, 2018 übergab der Verein die letzten Sammlungsgegenstände dem Kanton. Seither versteht sich der Verein als Interessenvertretung der Thurgauer Museen und Sammlung mit einer professionellen Geschäftsstelle. Er bietet seinen Mitgliedern eine Plattform für die Vernetzung, fördert den Informationsaustausch und organisiert Veranstaltungen und Weiterbildungen für Mitglieder und Interessierte. Zurzeit zählt der Verein 68 Aktivmitglieder (Sammlungen und Museen) sowie 75 Passivmitglieder (Privatpersonen). 

Der Verein im Internet: https://www.muse.tg/

Unsere dritte Kernaufgabe ist die Kommunikation nach innen und aussen. Innerhalb des Vereins bedeutet es die regelmässige Information der Mitglieder, etwa durch Mails oder unseren Newsletter. Die Kommunikation nach aussen dient der besseren Sichtbarmachung der Thurgauer Museen sowie unseres Vereins. Das erreichen wir aktuell mit unserer Serie «Das Ding», einer Kooperation mit thurgaukultur.ch. Geplant ist ausserdem eine Faltkarte des Thurgaus, auf der alle Museen verzeichnet sind. Angedacht ist eine gedruckte Karte wie auch eine Karte in digitaler Form. 

Wie sehen diese Vorhaben mit Blick auf die kantonalen Museen aus? 

Die kantonalen Museen spielen natürlich in einer anderen Liga als die vielen kleineren Museen im Thurgau. Sie haben bei der Inventarisierung beispielsweise andere Systeme, sind aber dennoch bei uns im Verein und schätzen die Vernetzung. Davon profitieren auch die kleineren Museen, die meist von Vereinen und Freiwilligen geführt werden. 

Wie steht es bei den kleineren Museen mit der Inventarisierung und Weiterbildung? 

Vor einigen Jahren wurde den Thurgauer Museen durch uns die Inventarisierungs-Software «Collectr.pro» zugänglich gemacht. MUSE.TG übernimmt für die Museen die Lizenzkosten. Die Bedienung ist relativ einfach und damit auch gut geeignet für Leute, die nicht jeden Tag damit arbeiten. Diese Software wurde speziell für kleine und mittlere Museen entwickelt und wird dauernd verbessert 

Bei der Weiterbildung haben wir zwei Formate: die jährlich stattfindende Fachtagung, welche sich einen Tag lang mit Referaten und Führungen mit einem Thema auseinandersetzt und neu die erwähnten Workshops. Das sind Kurzveranstaltungen, die auch online stattfinden können. Thematisch geht es neben dem Marketing, der Strukturierung des Museumsbetriebs und der Erarbeitung eines Museumskonzeptes auch um Kulturgüterschutz oder Szenografie. 

«Eine Herausforderung ist es, die Sichtbarkeit von Museen zu erhöhen.»

Dorena Raggenbass, Präsidentin MUSE.T

Was ist ihr persönliches Ziel als Präsidentin? 

Für die nächste Zeit ist der Austausch mit anderen Institutionen im Bodenseeraum geplant. Der Vorstand besucht zurzeit viele Museen des Vereins, um die Kontakte zu pflegen. Ich persönlich besuche einen Weiterbildungskurs vom Schweizerischen Museumsverband, um noch mehr Aspekte kennenzulernen, die für die Museumsarbeit wichtig sind. Ich bin erstaunt, dass sie mich überhaupt aufgenommen haben als Aussenseiterin, wobei ich natürlich die politische Hintergrunderfahrung habe und einbringen kann. Ausserdem habe ich, bevor ich in den Stadtrat von Kreuzlingen gewählt wurde, als gelernte Grafikerin 15 Jahre lang das Napoleonmuseum Arenenberg grafisch begleitet und Ausstellungen gestaltet. 

Was sind momentan die grössten Herausforderungen für die Museen im Kanton? 

Eine Herausforderung ist es, die Sichtbarkeit von Museen zu erhöhen, gerade jener Museen, die sich inhaltlich vor allem auf eine Region konzentrieren. Alle Museen im Thurgau funktionieren mit Freiwilligenarbeit – auch die grossen kantonalen Museen. Die Herausforderung für die Vereine ist es, den Verein zu erhalten, die Leute zu binden und daneben finanzielle Unterstützung zu bekommen. Wie viele Vereine haben auch die Museen mit Überalterung zu kämpfen, so dass es wichtig ist, auch junge Menschen zu gewinnen und zu begeistern. 

Was fasziniert Sie an Museen? 

Ich bin ein neugieriger Mensch. Mich interessieren Geschichten, einerseits Historisches, andererseits auch die Geschichte von verschiedenen Produkten oder Dingen, die in Museen bewahrt werden; seien es Bilder, Puppen, Schiffe oder Uhren. Ich finde es interessant, wie ein Thema im Museum inszeniert und das Vergangene damit lebendig gehalten wird. Alles, was dargestellt und präsentiert wird, damit es nicht stirbt und in Erinnerung bleibt, bildet den Boden für ein Weiterentwickeln. Museen sind ein Ort der Vermittlung und Bewahrung, aber auch Ausgangspunkt für Weiterentwicklung. Darum habe ich zum Präsidium von MUSE.TG «ja» gesagt. 

 

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