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von Katrin Zürcher, 09.04.2013

Buchhandlung Nagel verdient sich einen Preis

Buchhandlung Nagel verdient sich einen Preis
Martina Küng (li) und Marianne Nagel verkaufen nur Bücher, von denen sie überzeugt sind. Den Einkauf erledigen sie zweimal jährlich gemeinsam. | © Katrin Zürcher

Marianne Nagel verkauft in ihrer Buchhandlung im Herzen von Amriswil vor allem Bücher, die ihr selbst gefallen. So ist ein Roman durch ihre Empfehlung zum Schweizer Bestseller geworden. Jetzt hat der Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband ihren Laden als Buchhandlung des Jahres nominiert.

Katrin Zürcher

Das Windspiel an der Tür bimmelt zart, wenn man Marianne Nagels Buchhandlung an der Bahnhofstrasse 5 in Amriswil betritt. Auf der Glasvitrine beim Eingang stapelt sich das jüngste Werk des Schweizer Autors Joachim B. Schmidt. An den Wänden stehen Holzregale voller Bücher, Bildbände und bunter Teekrüge. „Bücher & Tee, ein gutes Gespann“, verkündet ein Schild. Auf einem Gestell finden sich mehrere Ausgaben von Jojo Moyes Roman „Ein ganzes halbes Jahr“. Der Holzboden knarrt beim Weitergehen. Das nächste Zimmer beherbergt Kinder- und Jugendbücher und ein lustiges braunes Stoffmonster, das über den Bücherschatz wacht. In einer Nische im Gang ist ein Dschungel-Spielzimmer eingerichtet. „Das ist unser Goldraum“, sagt Marianne Nagel, „er ist Gold wert, weil die Kinder oft gar nicht mehr hinaus wollen, auch wenn die Mütter ihren Bucheinkauf längst erledigt haben.“

In der Bücherwohnung

Wie in einem Esszimmer steht im Raum am Ende des Gangs ein Tisch mit vier Stühlen. Auf den Regalen locken Gartenbücher, liegt eine kleine Gartenschaufel, blühen in Töpfen Primeln und Osterglocken. Es riecht nach Frühling und druckfrischen Büchern. Der Durchgang gibt den Blick frei auf den vierten Verkaufsraum der verwinkelten Buchhandlung. Auf altem Fischgratparkett liegen Orientteppiche, laden zwei rote Sessel zum Schmökern in der Belletristik ein. Vor dem Fenster picken Spatzen und Finken emsig Körner vom Futterbrett. Am liebsten würde man sofort in diese charmante Bücherwohnung einziehen. Marianne Nagel lacht. „Ich trinke meinen Sonntagskaffee immer hier.“ Da ihre darüber liegende Wohnung durch eine Treppe direkt mit der Buchhandlung verbunden ist, kommt sie abends sogar im Pyjama herunter, um zu arbeiten. Mit von der Partie sind dann jeweils ihre beiden Katzen.

Nachts die Spätlese

Wer die Räume einen Abend lang ganz für sich haben möchte, kann die „Amriswiler Spätlese“ buchen. Das Angebot richtet sich an kleine Gruppen, die sich nach Ladenschluss für zwei Stunden in der Buchhandlung einschliessen lassen. Sie werden mit Sekt und Tee, Käse und Sandwichs, Baguette und Früchten versorgt und ihrem Lesehunger überlassen. Nach zwei Stunden öffnet Marianne Nagel die Türen wieder und verkauft auch angelesene Bücher, die man nicht mehr aus der Hand legen mag. Die Spätlese kostet 20 Franken pro Person. Doch auch wer während der Ladenöffnungszeiten in die Buchhandlung kommt, bekommt hin und wieder einen Kaffee serviert. „Für manche sind wir eine Insel der Ruhe, für manche ein Begegnungsort“, sagt Marianne Nagel. Sie freut sich, wenn es den Kunden in ihrer Buchhandlung ebenso wohl ist wie ihr selbst.

Liebe auf den ersten Blick

Auf den ersten Blick in die Buchhandlung verliebt hat sich auch Buchhändlerin Martina Küng. Die 23-Jährige ist in Olten aufgewachsen und hat zuletzt in einer grossen Buchhandlung in Thun gearbeitet. Seit gut zwei Jahren arbeitet sie Vollzeit bei Marianne Nagel. „Hier kann ich aktiv mitgestalten und beim Einkauf mitreden“, sagt sie, „während ich in einer grossen Buchhandlung verkaufen muss, was vorgegeben wird.“ Auch Beratung werde in grossen Buchhandlungen kaum mehr gewünscht. Ganz anders in Amriswil: „Oft denken wir schon beim Einkauf gezielt an unsere Kundinnen und Kunden, weil wir ihre Vorlieben kennen“, sagt die 62-jährige Chefin. Nicht nur aufgrund des Altersunterschieds, sondern auch weil sie ganz verschiedene Lesevorlieben haben, decken die beiden Fachfrauen ein breites literarisches Spektrum ab. Die Stammkundschaft dankt es mit fast blindem Vertrauen in ihr Urteil.

Internationaler Bestseller

Dieses Vertrauen führte auch dazu, dass die kleine Amriswiler Buchhandlung dem Buch eines deutschen Autors zum Schweizer Bestseller verhalf. Der im Jahr 2002 erschienene Roman „Herzenhören“ von Jan-Philipp Sendker berührte Marianne Nagel auf Anhieb. „Ich empfahl ihn meinen Kundinnen weiter“, erzählt sie. „Diesen gefiel er ebenfalls, sie empfahlen ihn ihrerseits weiter oder verschenkten ihn.“ So zog er von Amriswil aus immer weitere Kreise. Von dem bis jetzt in 25 Sprachen erschienenen Buch hat sie über 2000 Exemplare verkauft – eine unglaubliche Zahl für eine Buchhandlung ihrer Grösse. Letztes Jahr hat Jan-Philipp Sendker, mittlerweile ein internationaler Bestsellerautor, mit „Herzenstimmen“ eine Fortsetzung veröffentlicht; die Buchpremiere feierte er in Amriswil.

Kulturelle Bereicherung für die Stadt

Führte Marianne Nagel Autorenlesungen früher in ihrer Buchhandlung durch, so braucht sie mittlerweile eine grössere Bühne. Sie engagiert sich deshalb in der Gruppe „Buchstücke“, deren Veranstaltungen im Kulturforum Amriswil stattfinden und eine wichtige Rolle im kulturellen Leben der Stadt spielen. Als nächste Veranstaltung findet am 23. April die „Literatour“ statt; Anlass ist der Welttag des Buchs 2013. Und welches könnte das nächste Buch sein, das dank ihr zum Bestseller wird? Marianne Nagel: „Mich begeistert der in Island spielende Roman „In Küstennähe“ von Joachim B. Schmidt sehr, ich empfehle ihn gern und häufig.“ Ein Stapel davon liegt griffbereit auf der Vitrine bei der Kasse. Der junge Bündner Autor darf sich freuen.

***

Buchhandlung des Jahres

Drei Buchhandlungen hat die Fachjury des Schweizer Buchhandels für ihren diesjährigen Preis nominiert: die Buchhandlung Hirslanden in Zürich, die Münstergass-Buchhandlung in Bern und die Buchhandlung Nagel in Amriswil. Der Preis, der dieses Jahr zum vierten Mal vergeben wird, zeichnet einen Verlag und eine Buchhandlung aus, die sich fachlich besonders hervortun. Er ist mit 5000 Franken dotiert. Marianne Nagels Nomination begründet die Jury so: „Zahlreiche Veranstaltungen, ein handverlesenes Sortiment, Austausch mit der Kundschaft, profunde Leseerfahrung und eine einnehmende Persönlichkeit machen die Attraktivität der Buchhandlung Nagel aus, die sich auch in einem zunehmend schwieriger zu bewirtschaftenden Einzugsgebiet in Grenznähe mit Inspiration zu behaupten vermag.“ Bis zum 12. April kann die Fachwelt ihre Stimme für eine der Buchhandlungen abgeben. Die Feier findet am 22. April im Hotel Schweizerhof in Luzern statt. (kaz.)

***

P.S.:

Preisgekrönt mit dem Titel Schweizer Buchhandlung des Jahres 2013 wurde am 22. April die Buchhandlung Hirslanden, Zürich.

www.buchhandlung-nagel.ch

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