von Katrin Zürcher, 17.04.2014
Auf Eiersuche

Katrin Zürcher
Auf dem Fussweg vom Parkplatz zur Ittinger Kartause singt mir die Rottanne des Künstlerduos Hemauer/Keller ihren Traum von weissen Weihnachten entgegen. Falsches Fest; ich suche nach Ostereiern und –hasen im Kunst- und Ittinger Museum. Im Scheiterturm, der in einem Jahr um fast 20 Zentimeter geschrumpft ist, sind keine Osternester versteckt. Vor dem Museumseingang stehen zwar nicht Hase oder Huhn, aber Pferd und Bärin mit Jungem. Geschaffen hat sie aus Abfallmaterial der finnische Künstler Alpo Koivumäki.
Bevor ich das Museum betrete, werfe ich einen Blick auf den goldenen Schriftzug an der Fassade. „Denn nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt.“ Mit Ostern hat dieses Nietzsche-Zitat wenig zu tun. Die Ausstellungen im Kunstmuseum sind Joseph Kosuth, dem Urheber dieses Werks, sowie Tadashi Kawamata, dem Erbauer des Scheiterturms, gewidmet. In einer der Klausen hängen auch Bilder von Thurgauer Künstlern wie Adolf Dietrich. Er liebte die Tiere, doch den Hasen zog er die Meerschweinchen vor. Und den Eiern die ausgebrüteten Vögel.
Johannes der Täufer mit dem Lamm auf einer Wappenscheibe, die im Kreuzgang hängt. Rechts der heilige Bruno, der Ordensgründer der Kartäuser, in der Mitte das Wappen des heiligen Laurentius, des Ittinger Kirchenpatrons. Er wurde auf einem Rost zu Tode gefoltert. Bild: kaz.
Im Ittinger Museum haben vorchristliche Fruchtbarkeitssymbole wie Eier oder Hasen nichts verloren. Dafür stosse ich auf das Lamm, ein altes christliches Symbol. Agnus Dei, lateinisch für Lamm Gottes, steht für Jesus Christus, der am Kreuz für die Sünden der Menschheit geopfert wurde. An Ostern wird bekanntlich Jesu‘ Auferstehung gefeiert. Das Lamm findet sich zweimal im Kreuzgang des ehemaligen Klosters; einmal auf einer Wappenscheibe, einmal auf einem grossen Tafelbild von Lucas Wiestner aus dem Jahr 1691.
Agnus Dei, das Lamm Gottes, hier auf einem Tafelbild aus dem 17. Jahrhundert. Mit der Linken weist Johannes der Täufer auf die Stadt Frauenfeld mit den Churfirsten im Hintergrund. Durch diese Einbettung wurde den Gläubigen die biblische Geschichte nahegebracht. Bild: kaz.
Das Lamm gehört zu Johannes dem Täufer, dem Ordensheiligen der Kartäuser. Die beiden thronen auch in schwindelerregender Höhe am Hochaltar der jubelnden Rokokokirche (Bild ganz oben). Der Heilige hält mit der Linken den Stab mit dem Spruchband „Ecce Agnus Dei“ – seht das Lamm Gottes – und weist mit der Rechten auf das Lamm zu seinen Füssen. Die Skulptur von Matthias Faller ist in ihrer Lebendigkeit und Zartheit sehr berührend.
Ich wünsche Ihnen frohe Ostern und viel Glück beim Eiersuchen!
***
P.S: Eine glückverheissende Eiersuche findet an Ostern im Natur- und Archäologiemuseum in Frauenfeld statt. Informationen hier.
Ähnliche Beiträge
Die Maske des Lehrers
Der Künstler und Dozent Mark Staff Brandl arbeitet zurzeit im Sommeratelier der Remise Haus zum Komitee in Weinfelden an einem Buch über die Postmoderne. Im Videoblog erklärt er seine Rollen. mehr
1. August: Für jeden etwas dabei
Im Blog mit Zeichnungen von Sabine Hui, Beni Merk und Rina Jost zeigen wir den etwas anderen Blick auf die Idylle Thurgau. Der Zeichner Beni Merk sieht Stau in Konstanz und zwei Pfähle brennen. mehr
Bodensee-Zebra
Im Blog mit Zeichnungen von Sabine Hui, Beni Merk und Rina Jost zeigen wir den etwas anderen Blick auf die Idylle Thurgau. Die Illustratorin Sabine Hui hat's mit den Muscheln aus dem Kaspischen Meer. mehr

