Belcanto zwischen Klopapier und Bettlaken

Die Rathausoper Konstanz zeigt mit der komischen Oper «La scala di seta» ein spritziges Frühwerk von Gioachino Rossini. Sie ist noch viermal zu sehen.
Giulia und Dorvil sind schon verheiratet, nur weiss das noch keiner. Und so kann Giulia im Pariser Hotel ihres Onkels Dormont den reichen Stammgast Blansac, aber auch den Hoteldiener Germano immer wieder ein wenig um den Finger wickeln, flirten, Hoffnungen wecken und sie wieder enttäuschen.
Gioachino Rossini hat seine komische Oper «La scala di seta» als 18-Jähriger geschrieben. Ein Frühwerk, das aber bereits voll der Stimmungen und musikalischen Einfälle ist, die auch die späteren grossen Opern von Rossini ausmachen. „Es gibt nichts Anziehenderes als die ungezwungene, ungekünstelte Fröhlichkeit der Rossinischen Musik. Sie ist so lieblich-kokett, so geschmackvoll und schön wie keine andere Musik leichteren Genres“, schreibt kein Geringerer als Tschaikowski. Dieser ungekünstelten Fröhlichkeit geht auch die Inszenierung der Konstanzer Regisseurin Elja-Duša Kedveš nach. Luftig-leicht, sommerlich-beschwingt, froh-bewegt und mit ansteckendem Humor kommt das Stück daher, mit einer gelungenen Kombination aus Leichtfüssigkeit und Eleganz.
„Es gibt nichts Anziehenderes als die ungezwungene, ungekünstelte Fröhlichkeit der Rossinischen Musik. Sie ist so lieblich-kokett, so geschmackvoll und schön wie keine andere Musik leichteren Genres.“
Pjotr Iljitsch Tschaikowski
Die Konstanzer Rathausoper ist auch dieses Jahr wieder nah beim Publikum, nicht nur räumlich, sondern auch atmosphärisch. Man schaut den Agierenden über die Schulter. Das schafft Verbindung, ist aber auch anspruchsvoll. Die Rathausoper kann sich nicht hinter teurer Technik oder bühnenbildnerischem Blendwerk verstecken, wie am anderen Ende des Sees. Sie muss Musik unmittelbar lebendig werden lassen, und das gelingt ihr an dieser entspannten Sommerpremiere.
Philipp Haag hat diese farbige Rossini-Oper für Kammerorchester bearbeitet. Unter der Leitung von Eckart Manke ist da mit einem nur 12-köpfigen Ensemble viel detailgenaue Spritzigkeit zu hören; raffinierte Details der quirligen, fantasievollen Partitur sind mit einer erstaunlichen Transparenz zu hören. Konzentriert und einfühlsam ist der Kontakt des Orchesters zur Bühne. Die in Deutsch gesungenen Rezitative begleitet Bernhard Renzikowski subtil und einfühlsam am Cembalo.
Überzeugendes mit kleinem Budget
Die Konstanzer Rathausoper zeigt auch bei dieser schwungvollen Produktion, dass man mit kleinem Budget Überzeugendes in den Hof des Renaissance-Rathauses zaubern kann, das hier zum Pariser Hotel mutiert. Nur sechs Sängerinnen und Sänger braucht es für diese Komödie, die sich entspannt zwischen einer kleinen Bar und einem wackeligen Turm samt Leiter entwickelt (Ausstattung: Joachim O. Steiner). Die Regie animiert augenzwinkernd zu vielen kleinen Versteckspielen, hinter Büschen, hinter Vorhängen, hinter einem Kleiderständer. Jeder belauscht hier irgendetwas, liebenswürdig wirken die Missverständnisse rund um Liebe und Begehren.
Da jongliert Hoteldiener Germano mit Klopapierrollen, die er dann endlich gekonnt drapiert, Giulia hantiert mit Bettlaken in Lavendel, der Sehnsuchtsfarbe des Hoteliers Dormont, gehalten. Da wagt Blansac zu fensterln und klettert mit Helm, Seil und rot leuchtender Stirnlampe auf den Turm, ein Liebesbrief wandert am dünnen Faden die Rathausfassade hoch. Regisseurin Elja-Duša Kedveš lauscht der Leichtigkeit und Farbigkeit von Rossinis Musik nach, Bühnenausstatter Joachim O. Steiner geht einem überzeugenden Farbkonzept nach, das der Opernstimmung Kontinuität verleiht.
Showeinlage mit Barhockern
Rossini war erst achtzehn, die Ansprüche an die Sängerinnen und Sänger sind aber schon sehr hoch. Mit Anastasia Churakova überzeugt eine eher lyrisch gestaltende und facettenreich empfindende Sopranistin in der Rolle der Giulia. Maria Reina Navarro Crespo, die als Giulias Cousine Lucilla am Ende Blansac als Mann abbekommt, punktet mit Klarheit und Brillanz. Warm und nachdenklich gestaltet Younes Müller seine Partie als Strassenmaler Dorvil, frecher und aufgeregter Timon Führ die Partie des Stammgasts Blansac. Tolle Präsenz, fast in einer heimlichen Hauptrolle, zeigt Lukas Eder als Lobby-Boy Germano. Er überzeugt in vielen Szenen als versierter Tollpatsch. Schliesslich Ljuban Živanović als Hotelbesitzer Dormont mit warmem Timbre.
Eine kleine Showeinlage mit sechs Barhockern präsentiert am Ende dieser lebendigen Rossini-Inszenierung nochmals die sechs Akteurinnen und Akteure. Heiss wie in Rossinis Geburtsort Pesaro und an den dortigen Rossini-Festspielen war es an der Premiere nur am Anfang im Rathaushof. Für zwei Euro gab es am Eingang ein wichtiges Requisit fürs Publikum: Den Fächer für etwas Luft an diesem beschwingten, intimen Opernabend.
Rathausoper Konstanz
«La scala di seta» von Gioachino Rossini wird noch viermal aufgeführt: Am 17., 19., 21. und 22. August, jeweils 20.45 Uhr. www.rathausoper.de


