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von Barbara Camenzind, 19.04.2023

Brass im Kopf

Brass im Kopf
Schau mir in die Augen, Posaune: Trompeter Thomas Gansch war der Stargast des Abends. | © Albert Manser

So müssen Konzerte heute sein: Das Jubiläumskonzert von UnglauBlech im Casino Frauenfeld zeigte die Zukunft des Konzerterlebnisses. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Ein Innerrhoder der ein Megafon zückt, lässt aufhorchen. Trompeter Markus Graf gab vor dem Einlass die ersten Gebrauchsanweisungen für das Publikum im Konzertsaal. Sich leicht abwesend auf einen Sessel zu verkrümeln, während auf der Bühne geschuftet wurde, war nicht möglich.

Die Musiker bildeten einen Kreis, in der Mitte eine 360°-Kamera, darüber eine leuchtende Montgolfière, darum herum drapiert die Zuhörenden. Die wie in einer Art „Reise nach Jerusalem” alle zwei Stücke die Plätze zu tauschen hatten. Und die Möglichkeit, die Musik über Kopfhörer mitzuverfolgen. Schon bei den ersten Klängen überzeugte die runde Anordnung.

 

Im Kreis gespielt: Die Konzertanordnung bezog Publikum und Raum mit ein. Bild: Albert Manser

Grossstadt-Sound zwischen Club und Konzertsaal

Die sieben Profis am Blech und der Profi am Drumset hatten konnten sich perfekt abstimmen auf Rhythmus und Arrangement. Claudia Döffingers „Suite zum Unglaubiläum”, die die junge Komponistin erstmals für eine Brassband-Formation schrieb, begann schick avantgardistisch mit Tonrepetitionen, sich entwickelnden Pattern, hineinfunkenden erweiternden Akkorden und diesem hypnotisierenden Puls, wie er gutem Grosstadt-Sound im Spannungsfeld zwischen Club und Konzertsaal eigen ist.

Es hörte sich an wie der Soundtrack zu einer zeitgenössischen Version von Metropolis. Döffingers Musik ist ganz schön vielschichtig und UnglauBlech hatte ganz schön zu tun damit. Es war spannend, zuzuhören.

Ins Herz gejazzt

Wenn Vorbilder wie gute Kollegen sind: Der österreichische Trompeter Thomas Gansch (Mnozil Brass, Vienna Art Orchestra) gehört zu den Grossen der Bläserszene. In Frauenfeld, genauer gesagt am generations jazz festival habe er einst verstanden, wie der Klang von New Orleans entstand. Genauer gesagt, in einer Piano-Bar bei intensiven Gesprächen bis in die Morgenstunden. Erzählte Gansch und spielte auch so. Leicht rauchig, verführerisch, sirenenhaft wanderte seine Trompetenklänge durch die Kopfhörer erst ins Hirn und dann in den Bauch.

Der Trompeter spielte so, als wäre sein Instrument eine Singstimme, seine Sets die er mitbrachte, eine angeregte Runde unter Freunden, bei dem immer wieder einer die Stimme erhebt und andere beipflichten, widersprechen, lachen oder zuhören. Guter Jazz ist wie ein gutes Gespräch. Und davon gab es viel zu hören.

 

Schöpferische Kraft: Die Komponistin Claudia Döffinger. Bild: Albert Manser

Einbezug des Publikums hat sich bewährt

Nach Rossinis verballhornter, pardon, verballtrompeteter Tell-Ouvertüre war wieder einmal Platzwechsel angesagt, launig organisiert mit einer ordentlichen Portion Appenzeller Schalk. Neben dem Hörerlebnis, das auch Jazzmuffel begeistern konnte, beeindruckte die sportliche Leistung von UnglauBlech, für Kopf und Körper. Zwei Konzerte an einem Abend mit einem Programm, bei dem sie fast pausenlos bläserisch im Einsatz waren und das auswendig: Was für ein Ritt! Das braucht Kondition und Erfahrung.

Aufgegangen ist auch der körperliche Einsatz des Publikums mit Kreisform und Platzwechsel. Dieses Format hat die Zuhörenden mit einbezogen, ohne distanzlos oder beliebig zu wirken. Ganz sicher funktionierte dies auch bei der so genannten Klassik, vor allem bei Liederabenden. Befreit die Komponisten, die Musik vom Kerker des Podiums? Ja gerne, so gekonnt. Man muss es einfach machen.

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