von Inka Grabowsky, 04.05.2026
Der Untersee als Kunstraum

Nach zwei Jahren Vorbereitungszeit hat Anfang Mai die Freiluft-Ausstellung «hänne und dänne» eröffnet. In Steckborn, Berlingen und - gegenüber auf der deutschen Uferseite – in Gaienhofen gibt es bis Ende September 25 Kunstwerke zu entdecken, zum Teil an unerwarteten Orten. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
«Die richtigen Plätze für die richtigen künstlerischen Positionen zu finden, war eine der grossen Herausforderungen», sagt Judit Villiger, Mitglied im Vorstand des eigens gegründeten Vereins. «Im öffentlichen Raum spricht jeder mit. Das muss man aushalten können. Die Platzierung hat uns Monate gekostet. Zum Teil brauchte es extra Baubewilligungen.»
Ihre Vorstandskollegin, die Malerin und Homburger Gemeinderätin Clara Andrés sagt: «Die Arbeit mit den Künstlerinnen und Künstlern war eine Entdeckungsreise für uns. Es war anspruchsvoll, hat uns aber zusammengeschweisst.»
Wie Kunst verbindet
Die Idee zur Gemeinschaftsausstellung hatten Sabine Giesler von der Tourist-Info in Gaienhofen und Lisa Kull, Präsidentin des Kulturpools Untersee und Rhein, aus Berlingen. Sie sagt: «So viel ist hier passiert, so viel verbindet uns. Manches gerät in Vergessenheit. ‹Hänne und dänne› soll den Blick auf unsere gemeinsame Region öffnen.» Yvonne Istas, frühere Leiterin des Kreuzlinger Museum Rosenegg und heute Leiterin des Hesse-Museums in Gaienhofen, erntet Applaus bei der Vernissage für den Satz: «Kunst verbindet.»
Alle Kunstschaffenden hatten die Aufgabe mit ihrem Werken speziell auf die Situation der drei Gemeinden einzugehen. Niemand konnte einfach etwas aus seinem Archiv bereitstellen, alles wurde für die Orte neuangefertigt. Patricia Bucher beispielsweise hat sich der Geschichte des Schmuggelns zwischen Gaienhofen und Steckborn angenommen.
Von Schmugglern und Seezeichen
Sie hat zwei Unterstände gebaut: einen auf der deutschen Seite in Rot, einen auf der Schweizer Seite in Grün. «Begehrtes Schmuggelgut Anfang des 20. Jahrhunderts waren Kaffee und Zigarren. Also sind die Hütten gross genug, dass man darin sitzen kann, um eben Kaffee zu trinken oder eine Zigarre zu rauchen.»
Der Konstanzer Künstler Boris Petrovsky hat «Seemaphorische Gebärden» geschaffen. Semaphore sind Geräte zur Signalisation. Am Untersee winken sie sich jeweils vom Ufer aus zu. «Man darf gern rätseln, wofür die Stäbe da sind», sagt Petrovsky. «Die Konstruktionen in Steckborn und in Gaienhofen werden zwar am 27. September abgebaut, aber man soll es im Kopf behalten. Der Nachklang wird bleiben», sagt er.
Erinnerung an geschlossene Grenzen
Gleich an vier unterschiedlichen Stellen hängen die metallenen Flugblätter von Ursula Rutishauser. In Gaienhofen steht «Anders Denken» auf der gelaserten Platte aus Chrom-Nickel-Stahl in den Bäumen und löst damit eine ganze Kette von Assoziationen aus. Auf der Höri fanden in der Nazi-Zeit Andersdenkende eine Nische am Rand des deutschen Reichs. Und beim Begriff «Flugblatt», kommt einem schnell die Widerstandsorganisation «Weisse Rose» in den Sinn. «Mich interessieren Themen, bei denen man weiterdenken muss», so die 71-jährige Künstlerin.
In die gleiche Kerbe haut das Duo aus Beate Frommelt und Carla Hohmeister. Sie haben am Steckborner Schützengraben den Pulverturm mit einem vergrösserten Ausschnitt eines Dix-Gemäldes aus dem Jahr 1940 behängt. «Aufbrechendes Eis» heisst es im Original. Eine riesige Matte ist mit buntem Viskosegarn in Kreuzstich zu einem analogen Pixelbild geworden. «Es zeigt den Blick auf Steckborn in der Schweiz von deutschem Ufer aus», so Beate Frommelt. «Der Regenbogen symbolisiert eine Art ‹gelobtes Land›, gleichzeitig ist die Eisfläche auf dem Untersee bewusst zerhackt, so dass man nicht herüberlaufen kann.»
Steckborner Mücken und ein beschriebener Baum
Mit einem anderen Teil der Lokalgeschichte befasst sich Stefanie Koemeda. Sie ist in Ermatingen aufgewachsen, lebt und arbeitet inzwischen aber in Wien. «Ich habe von den Klöpplerinnen von Steckborn gelesen», erklärt sie. «Ihre ephemere Arbeit möchte ich in etwas Stabileres umwandeln, damit sie besser sichtbar wird.»
Das Muster «Steckborner Mücken», das in Endlos-Bändern verwandt wurde, ist nun auf Keramik-Plättli aufgebracht und steht in vier Metern Länge auf einem Parkplatz bei der Gastwirtschaft «Alte Sonne» am Ende der Seepromenade.
Von romantisch bis humorvoll
Poetisch wirkt der umschriebende Baum an der Schifflände von Rebecca Koellner. Mit Baumschutzfarbe und Nachleuchtfarbe hat sie ein Gedicht auf die Rinde aufgetragen. Direkt daneben nimmt ein illusionistischer Steg Bezug auf die optischen Täuschungen von M.C. Escher.
Der berühmte Grafiker hatte in den 1930er Jahren eine Weile in Steckborn gelebt. Aus einem bestimmten Blickwinkel reicht die wenige Meter lange Installation scheinbar bis zum anderen Ufer. «Ich hoffe, die Verbindung zwischen den Gemeinden ist echter», lacht der Künstler Gianin Conrad.
Humorvoll wirkt der kunstvoll verzierte Nistkasten am Feldbach von Frank Altmann. «Versuchsanordnung, um herauszufinden, was Spatzen von der Moderne halten», so der Untertitel.
Olfaktorisch nachhaltig ist das Projekt von Hanes und Marisa Sturzenegger-Mayer. Sie bespielen das Rebhüsli in Berlingen. Hier lagern sie Beutel mit eingeweichten und gekochten Soja-Bohnen. In Nestern aus Heu nehmen sie den speziellen Duft des Ortes in sich auf. Nach ein paar Tagen haben lokale Mikroorganismen die Bohnen fermentiert. Sie werden gewaschen und hundert Tage in Salzlake eingelegt. «Man riecht den Unterschied in der fertigen Soja-Sauce», ist Hanes Sturzenegger sicher.
Grosses Interesse der Kunstschaffenden
Unterstützt wird «Hänne und Dänne» von der Kulturstiftung. Sie ermöglicht die Zahlung eines Honorars von 3500 Franken pro Kunstwerk. Für die Aufbereitung des Umfelds, die Reisespesen oder Transportkosten konnten ein einige hundert Franken extra in Rechnung gestellt werden.
118 Kunstschaffende hatten Vorschläge eingereicht. Die Jury musste sich auf 14 beschränken, die 25 Projekte umsetzten. «Ich mache mit, weil mir der Regional-Bezug wichtig ist», sagt Felix Stöckle, der aus St. Gallen stammt und jetzt in Biel arbeitet. «Ich wollte mal wieder was zuhause machen.» Nun leuchtet seine Boje aus Neon und Glas an der Duschkabine der Badestelle in Berlingen und grüsst über den See.
Wanderung und Schifffahrt:Das bietet das Rahmenprogramm
Noch bis Ende September 2026 kann man sich auf Entdeckungsreise machen. Behilflich dabei ist die Schifffahrtgesellschaft Untersee und Rhein, die gerne zusätzliche Passagiere zwischen Steckborn und Gaienhofen befördert. «Wir freuen uns über jede Attraktivitäts-Steigerung am Untersee», sagt Geschäftsführer Remo Rey. «Hier haben wir nie Probleme mit einem zu geringen Wasserstand, so dass wir immer fahren können.» Drei spezielle Kunst-Fahrten mit Musik und Führung am Nachmittag des 21., 28. Juni und 5. Juli machen die Tour noch erlebnisreicher.
Kunstwanderführungen
Ab Steckborn mit Judit Villiger: am 10. Mai, 7. Juni, und 13. September
Ab Gaienhofen mit Carmen Jonas: am 9. Juli, 6. und 20. August

Von Inka Grabowsky
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