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von Andrin Uetz, 25.02.2023

«Ein grossartiger Ort für Experimente»

«Ein grossartiger Ort für Experimente»
Mit Patrizia Keller konnte die Kunsthalle Arbon eine vielseitige und sehr gut vernetzte Kuratorin für sich gewinnen. | © Anja Wille Schori

Wie geht es weiter mit der Kunsthalle Arbon? Die neue Kuratorin Patrizia Keller über ihre Zukunftspläne und die Kulturarbeit in der Provinz. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

thurgaukultur: Frau Keller, Sie sind freischaffende Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin. Davor waren Sie unter anderem Kuratorin und stellvertretende Leiterin vom Nidwaldner Museum in Stans, ein Mehrspartenhaus, in dem aktuelle Kunstausstellungen genauso wie kultur-historische Exponate Platz finden. Was reizt Sie an der Kunsthalle Arbon?

Patrizia Keller: Die Kunsthalle besitzt nicht nur eine grossartige Ausstellungsfläche, sondern auch einen einzigartigen Charakter. Das ist kein White Cube, sondern als ehemalige Industriehalle ein Raum, der selbst bereits eine Geschichte erzählt. Das ist sowohl für Künstler:innen wie auch für mich als Kuratorin eine spannende Herausforderung. Die Kunsthalle hat sich zudem als Ort für Experimente einen Namen gemacht. Hier wagen Künstler:innen gern mal etwas Neues, werden aus der Reserve gelockt. Es gibt viele Freiheiten.

Arbon ist eine sehr kleine Stadt, Stans ist ein Dorf; beide befinden sich in einer eher ländlichen Region. Ist das Kuratieren auf dem Land anders als in der Stadt?

Grössere Städte verfügen oft über mehr Institutionen und ein grösseres und vielseitigeres Publikum. Allerdings gibt es in den Städten auch mehr Konkurrenz. Tatsächlich habe ich bisher eher in Regionen ausserhalb der städtischen Zentren kuratiert. Es ist vielversprechend an Orten Kunst und Kultur zu vermitteln, welche sozusagen noch nicht übersättigt sind mit Angeboten. Vielleicht gibt es in der vermeintlichen Provinz auch mehr Freiheiten, obschon Freiheiten nicht das richtige Wort ist. Es sind andere Herausforderungen und daraus entstehen auch andere Möglichkeiten und Chancen.

 

Ein besonderer Ort - die Kunsthalle Arbon. Hier zum Beispiel bei der Ausstellung von Isabelle Krieg. Bild: Kunsthalle Arbon

 

„In der vermeintlichen Provinz gibt es andere Herausforderungen und daraus entstehen auch andere Möglichkeiten und Chancen.“

Patrizia Keller, Kuratorin

Sie haben auch Erfahrung im Bereich der Kulturförderung, waren von 2014 bis 2018 Teil des Aargauer Kuratoriums, hatten den Vorsitz im Fachbereich Bildende Kunst & Performance. Die Kunsthalle Arbon ist auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Kulturamt und der Kulturstiftung angewiesen. Kann diese Erfahrung hilfreich sein für die Umsetzung von künftigen Projekten in der Kunsthalle?

Es ist definitiv von Vorteil, wenn man sich in der Förderlandschaft Schweiz etwas auskennt. Ich habe zusätzlich zu meiner Erfahrung im Aargauer Kuratorium in meiner Doktorarbeit die Kunstförderung in der Schweiz seit 1980 untersucht. Es gibt heute eine grosse Vielfalt an Stiftungen, Institutionen und Fördergefässen. Wir haben heute in der Schweiz ein professionell organisiertes Fördersystem, gleichzeitig sind auch die Ansprüche gestiegen. Ein Ort wie die Kunsthalle könnte ohne Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Thurgau oder der wiederkehrenden Unterstützung der Stadt Arbon gar nicht bestehen. Für die Ausstellungen müssen wir jeweils zusätzliche Fördergelder und Sponsoren finden, um die Produktionen finanzieren zu können. Dafür ist es immer wichtig, auch das lokale Netzwerk zu pflegen.

 

„Wer die Kunsthalle besucht hat, ist begeistert, und wer sie noch nicht besucht hat, hat zumindest schon von der Kunsthalle gehört.”

Patrizia Keller, neue Leiterin Kunsthalle Arbon

Ihrer Vorgängerin Deborah Keller gelang es sehr gut eine eigene kuratorische Handschrift mit den Gegebenheiten der Kunsthalle, der Region und der Stadt Arbon zu verbinden. Was werden sie beibehalten? Was machen sie anders?

Deborah Keller und dem gesamten Vorstand ist es tatsächlich gelungen, die Kunsthalle Arbon zu einem Namen in der Schweizer Kunstszene zu machen. Wer die Kunsthalle schon besucht hat, ist begeistert, und wer sie noch nicht besucht hat, hat zumindest schon von der Kunsthalle gehört. Ich glaube, dass das unter anderem durch die Verbindung von lokalen und nationalen, sowie von jungen und etablierteren Positionen gelang. Und natürlich durch die ortsspezifischen Installationen, die in der Kunsthalle entwickelt werden. Diese Kombination möchte ich beibehalten und weiter vorantreiben.

 

„Ich möchte vermehrt auf Kollaborationen setzen. Auch die Vermittlung scheint mir ganz wichtig zu sein.“

Patrizia Keller, Kuratorin Kunsthalle Arbon

Darüber hinaus plane ich vermehrt auf Kollaborationen zu setzen. Es gibt tolle Institutionen und Initiativen in der Ostschweiz, zudem gab es gerade einige Wechsel in der Leitung mehrerer Häuser, neuen Wind, etwa im Kunstmuseum Appenzell, im Kunstmuseum St. Gallen oder im Zeughaus Teufen. In Arbon gibt es zudem die Ateliers des TaDA Projekts – der Textile and Design Alliance. Hier lassen sich nicht zuletzt aufgrund der industriellen Vergangenheit bestimmt gute Synergien bilden. Das könnte etwa eine gemeinsame Veranstaltungsreihe sein, oder man könnte zusammen einen weiteren Ort bespielen. Ganz wichtig scheint mir auch die Vermittlung zu sein. Wie bringen wir mehr Leute in die Kunsthalle? Wie erreichen wir öffentliches Interesse? Wie können wir Personen miteinbeziehen? Ich würde hier ebenso wie meine Vorgängerin auf interdisziplinäre Projekte setzen, oder versuchen, durch das Begleitprogramm ein zusätzliches Publikum anzusprechen.

 

Die Kunsthalle von aussen. Innen die Ausstellung von Reto Boller. Bild: Erwin Auf der Maur
Können Sie schon etwas zum neuen Programm verraten?

Wir haben drei Ausstellungen in dieser Saison. Zuerst mit Laura Mietrup eine junge Position aus Basel. Nach dem Kunsthaus Baselland ist das ihre zweite größere institutionelle Einzelausstellung und eine Premiere in der Ostschweiz. Unter dem Titel „Blurred” wird sie mit verschiedenen Objekten eine mysteriöse, theatrale Szenerie aufbauen. Sie arbeitet in einer eigenständigen Formensprache zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, ihre Arbeiten lassen viel Raum für Interpretationen und Assoziationen der Besuchenden. Die zweite Ausstellung ist mit Barbara Signer aus St. Gallen. Ihre Arbeiten wurden schon mehrfach in Gruppenausstellungen gezeigt, in der Kunsthalle Arbon findet nun ihre bislang grösste Einzelausstellung statt. Sie interessiert sich in ihrem Schaffen seit Längerem für Zustände oder Momente des Übergangs, der Transformation wie etwa für Tore und Portale. In der Kunsthalle Arbon entwickelt sie eine philosophisch-poetische Installation zu Fragen wie “Woher kommen wir? Was ist der Sinn unseres Daseins?”. Für die dritte Ausstellung haben wir mit Eric Hattan einen etablierten Künstler eingeladen. In seiner Arbeit lenkt er unseren Blick auf uns Vertrautes, eher Beiläufiges. Für seine Ausstellung in der Kunsthalle wird er über das ganze Jahr bis zur Ausstellung im In- und Ausland scheinbar achtlos liegen gelassene Objekte und Materialien aus dem Alltag sammeln, welche er in der Kunsthalle zu einem vielteiligen, feinen Netz zusammenbringen will. Alle drei Ausstellungen werden von einem Rahmenprogramm mit Konzert oder Performance begleitet.

Zum Abschluss noch: Gibt es etwas, worauf Sie sich besonders freuen?

Vor allem freue ich mich riesig darauf, diese unvergleichliche Halle bespielen zu dürfen. Nach der Planung über den Winter geht es jetzt so richtig los. Ich freue mich auch sehr, die Besuchenden kennen zu lernen. Meine Eltern wohnen übrigens in Steckborn, daher habe ich sozusagen auch Thurgauer Wurzeln, und so freut es mich sehr, nun in diesem Kanton wirken zu können.

 

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