von Katrin Zürcher, 05.03.2013
Ganz aufmerksam

Katrin Zürcher
Weil der Stadtbus ziemlich voll ist, setze ich mich entgegen meiner Gewohnheit auf einen Platz mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Beim Blick aus dem Fenster freue ich mich über Details in den Frauenfelder Strassen, die mir neu erscheinen: Verspielte Türme an einer Fassade, ein als Kunstwerk gestalteter Brunnen, eine witzige Werbetafel. Obwohl ich schon oft daran vorbeigegangen bin, betrachte ich sie zum ersten Mal mit voller Aufmerksamkeit und habe das Gefühl, sie erstmals richtig zu sehen.
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Aufmerksamkeit bringt Lebensfreude – das gilt beim Essen ebenso wie beim Yoga, beim Musikhören genauso wie beim Bügeln. Unaufmerksamkeit hingegen kann zu ärgerlichen Zwischen- oder gar Unfällen führen. Wie aber ist es möglich, in jeder Minute des Tages ganz aufmerksam zu sein? – Wer das schafft, ist wohl erleuchtet. Vielleicht auch verrückt. Oder beides. Eine ver-rückte Position kann ja, wie auf meiner Busfahrt, zu einer neuen Sichtweise verhelfen.
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Zu Perspektivenwechseln lädt auch die Kunst ein. Das kantonale Kunstmuseum im ehemaligen Kartäuserkloster bietet mit seinen wechselnden Ausstellungen viele Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit den grossen Fragen des Lebens. Aktuell besonders empfohlen sei der Film der Antworten von Peggy und Thomas Henke, in dem zwölf Ordensschwestern ganz offen über ihre Spiritualität sprechen. Überhaupt verschaffen kulturelle Veranstaltungen eine Atempause im Alltag. An entsprechenden Angeboten mangelt es im Thurgau nicht, im Gegenteil. Immer wieder gibt es im reichhaltigen Angebot kostbare Perlen zu entdecken, wie letzte Woche an der Vorpremiere der A-Capella-Gruppe Zapzarap in Frauenfeld. Alles, was es dazu braucht, ist Aufmerksamkeit.

