von Inka Grabowsky, 29.03.2019

Gefährlich, langweilig oder einfach schlecht?

Gefährlich, langweilig oder einfach schlecht?
Konstanz unterm Hakenkreuz: So sah sie aus, die NS-verherrlichende Kunst in Deutschland. Werner Rohlands „Einweihung der Rheinbrücke“ von 1938. | © Inka Grabowsky

Wie geht man mit politisch belasteter Kunst um? Ausstellen? Wegschliessen? Eine Annäherung am Beispiel von Kunst aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Nein, ganz so einach sei das nicht, sagt Christmut Präger, wenn man ihn danach fragt, woran man Nazi-Kunst erkennen könne. Einige hundert Werke seien zwar nach dem Krieg von den Aliierten im «Central Art Collecting Point» als Propaganda erfasst worden – bei denen wisse man es. Bei allen anderen müsse allerdings jeder Einzelfall geprüft werden: «Ein anonymes Bild ohne Jahreszahl könnte man schwerlich als NS-Kunst identifizieren», so der Experte für die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. «Ich bin selbst noch auf der Suche nach eindeutigen Merkmalen. Immerhin kann man sagen, dass bestimmte Themen - beispielsweise Prostituierte – bei den Nazis nicht gern gesehen waren. Und die Stilarten Impressionismus oder Expressionismus fanden auch keine Gnade vor ihren Augen. Doch die Grenzen sind fliessend.»

Der Heidelberger Kunsthistoriker war unlängst in Konstanz zu Gast, um genau darüber zu reden. Barbara Stark, Leiterin der Konstanzer Wessenberg-Galerie, hatte ihn im Rahmen der aktuellen Ausstellung «Heinrich Schmidt-Pecht. Kunst, Keramik und Konflikte» eingeladen. Schmidt-Pecht war Leiter der Wessenberg-Galerie in der Zeit von 1889 bis 1945. Er habe viele Verdienste, sagt Stark. In der Nazi-Zeit jedoch war er „darauf bedacht, mit seinen Ankäufen dem offiziell verordneten Kunstgeschmack zu entsprechen“, wie es im Begleittext zur Ausstellung heisst. 1937 trat er im Alter von 83 Jahren noch in die NSDAP ein. Die heutige Leiterin der Galerie, Barbara Stark, formuliert: „Es ist klar, warum in Konstanz keine Strasse nach ihm benannt wurde und wir hier im Kulturzentrum auch keinen ‚Schmidt-Pecht-Saal‘ haben.“

Christmut Präger zeigt die Postkarte von Klaus Staeck gegen die Breker-Büsten im Museum. Bild: Inka Grabowsky

Nazi-Kunst: Dämonisieren oder entmystifizieren?

Christmut Präger verweist in seinem Vortrag «Auspacken oder Wegschliessen? Bemerkungen zum Umgang mit NS-Kunst» auf die Rezeptionsgeschichte der Ausstellungen, die sich kritisch mit NS-Kunst auseinandersetzten, um Argumente für und gegen die Ausstellung von NS-Kunst zur Verfügung zu stellen. Durch die Jahrzehnte hiess es einerseits, man dürfe Nazi-Kunst nicht dämonisieren, müsste sie zeigen, um sie zu entmystifizieren oder dürfe nicht aus politischem Dirigismus eine Kunstrichtung verstecken. Ausserdem solle man nicht jene Künstler pauschal mitverurteilen, die sich mit harmlosen Landschaftsbildern und unverfänglichen Portraits über Wasser gehalten hätten. Andererseits wird festgehalten, dass Ausstellungen von NS-Kunst bei den Opfern des Regimes traumatische Erinnerungen weckten und dass NS-Skulpturen im öffentlichen Raum Rechtsextremen einen Aufmarschplatz bieten könnten.

Der Konflikt von Befürwortern und Gegnern des Zeigens entzündete sich immer wieder an den Skulpturen von Arno Breker. «Es gibt ja frühe Werke von ihm aus den 1920er Jahren», meint Christmut Präger. «Da würde ich heute auch sagen, das ist ein förderungswürdiger Künstler. Seine monumentalen Figuren finde ich dagegen künstlerisch nicht gelungen. Trotzdem war er damit damals erfolgreich. Es gab eben eine Synergie zwischen seinem Stil und den Bedürfnissen des Regimes.» Breker wurde in der Entnazifizierung offiziell als «Mitläufer» eingestuft. Er war bis zu seinem Tod 1991 künstlerisch aktiv und hat eine treue Fangemeinde. Als der Kunstsammler und Schokoladenfabrikant Peter Ludwig 1986 aktuelle Portraitbüsten, die Breker geschaffen hatte, öffentlich ausstellen wollte, kam es zu einem Aufschrei der Entrüstung. Pointiertester Gegner war der Künstler Klaus Staeck, der nicht nur eine zynische Postkarte mit der Aufschrift «Heim ins Museum, Kameraden!» schuf, sondern die Kunst aus der Nazi-Zeit auch als «willfährig», «drittklassig» und «ohne Qualität» einstufte.

«Ohne Kommentar kann man schwer belastete Künstler nicht ausstellen»

Christmut Präger, Kunsthistoriker  

Barbara Stark schliesst sich diesem Urteil teilweise an: «Ich war 2015 in der Ausstellung ‚GegenKunst‘, in der das NS-Bild «Die vier Elemente» von Adolf Ziegler der ‚Versuchung‘ von Max Beckmann gegenüberstand. Das war sehr verwirrend, aber es hat sofort klargemacht, was Qualität ist.» Wie blickt man im Thurgau auf das Thema? Der Direktor des Kunstmuseums Thurgau, Markus Landert sagt: «Solche Zusammenstellungen können durchaus erhellend sein, weil sich für uns Spätgeborenen die Kulturkämpfe jener Zeit erfahrbar machen. Ob es richtig ist, den Exponenten einer Rassen- und Kulturtheorie, die mehr oder weniger direkt zur Vernichtung ‚unwerten Lebens‘ und ‚unwerter Rassen‘ führte, einen späten Nachruhm zu gewähren, soll und muss kritisch diskutiert werden.» Bei Betrachtern, die nicht geübt in der Beurteilung von Kunst wären, könnten sich Missverständnisse ergeben.

«Rückwirkend Leute zu verurteilen ist einfach. Man weiss dann ja, wer gewonnen hat.»

Markus Landert, Direktor Kunstmuseum Thurgau  

«Ohne Kommentar kann man schwer belastete Künstler nicht ausstellen», sagt jedenfalls Christmut Präger. Man müsse erklären, in welchen historischen Kontext ein Werk entstanden sei, damit die Betrachter es verstehen könnten. «Das gilt schon für die Krieger-Denkmäler in unseren Städten», ergänzt Barbara Stark. «Wenn sie im Stadtbild sichtbar sind, ist man gezwungen, sich mit ihnen und der Ursache ihrer Aufstellung auseinanderzusetzen.» Markus Landert gibt allerdings zu bedenken, dass nur wenige Künstler eindeutig der Blut- und Boden-Ideologie zuzurechnen seien.  Es gäbe viele Graubereiche. «Rückwirkend Leute zu verurteilen ist einfach. Man weiss dann ja, wer gewonnen hat. Unser Enkel werden vielleicht auf uns Fleischesser und Vielflieger zurückblicken und sich fragen, warum wir nichts gegen die Umweltzerstörung gemacht haben.» 

Auch in der Schweiz gab es heimat-verherrlichende Kunst

Monumentale, heimat-verherrlichende Kunst ist kein Monopol der Nazis. Auch in der Schweiz gibt es entsprechende Werke aus den dreissiger und vierziger Jahren. «Die Schweiz hatte Angst überfallen zu werden», so Barbara Stark. «Deshalb sollte im Zuge der geistigen Landesverteidigung ein heroisches Menschenbild propagiert und die Heimatverbundenheit gestärkt werden. Das hat sich tatsächlich auch in monumentalen Wandbildern und Skulpturen manifestiert.» Es gäbe unterschiedliche Arten von Nationalismus, sagt Markus Landert. «Die geistige Landesverteidigung nutzte ganz bewusst Kunst und Architektur als Instrumente der Identitätsbildung. Die Rückbesinnung auf die eigene Kultur war ein wichtiges Mittel, um sich von der Ideologie des Nationalsozialismus abzugrenzen. Die Förderung der Kunst war ein adäquates Mittel, um die Eigenständigkeit der Schweiz zu betonen. Nicht zufällig begann der Kanton Thurgau in jener Zeit mit dem Aufbau einer Kunstsammlung.»  Mit einem Nationalismus, der über die Manipulation breiter Volksschichten eine Aggression nach Aussen vorbereite, habe die geistige Landesverteidigung wenig gemein. Sich auf die Vielfalt der Sprachen und der Kultur in der Schweiz berufend hätte die Schweizer Landesausstellung 1939 in Zürich nicht ausgrenzend, sondern integrativ gewirkt.

Eine sehr gegenwärtige Frage: Muss ein Künstler Vorbild sein?

Christmut Präger plädiert dafür, jeden Einzelfall zu prüfen, bevor man unkommentiert ein Bild aus kritischer Zeit ausstellt: «Es muss immer wieder gefragt werden, in welcher Situation Kunst entstand. Es ist viel Aktenforschung nötig. Wo wurde ein Werk gezeigt, wie wurde es besprochen, wer hat es gekauft, welche Aufträge folgten: Das zeigt die Haltung der Künstler.» Markus Landert stellt dagegen die grundsätzliche Frage, ob Künstlerinnen und Künstler Menschen sind, die sich durch moralisches Wohlverhalten auszeichnen müssen, oder ob nur ihr Werk zählt: „Ist das Werke von Günther Brus oder Adolf Wölfli wegzuschliessen, weil diese die gesellschaftlichen, moralischen Regeln nachweislich verletzt haben? Ist die Qualität der Werke von Künstlerinnen und Künstler an ihrer politischen Gesinnung zu messen? Und wo wäre dann die Grenze, die das Akzeptable überschreitet? Das sind schwierige Fragen.“ Da ist man dann plötzlich auch sehr gegenwärtig, wenn man an ähnlich gelagerte Diskussionen im Rahmen der #metoo-Debatte (zum Beispiel jene um den Schauspieler Kevin Spacey) oder an Auseinandersetzungen um die Verfehlungen der Sänger R. Kelly und Michael Jackson denkt. Endgültige Antworten hat auch Markus Landert nicht, aber er plädiert dafür, über die menschlichen Verfehlungen des Künstlers zu informieren. „Das führt dazu, dass man die Person nicht idealisiert und sich ganz dem Werk zuwenden kann. Es öffnet die Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden; über das Werk und den Künstler.“
 
Mehr zur Ausstellung „Heinrich Schmidt-Pecht. Kunst, Keramik und Konflikte.“ gibt es hier. Sie läuft in der Konstanzer Wessenberg Galerie noch bis zum 28. April.
 

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