von Peter Surber, 13.12.2018

Globalisierter Kantönligeist: Das Heimspiel

Globalisierter Kantönligeist: Das Heimspiel
Eine der Arbeiten, die beim Heimspiel 2018 zu sehen sind: De La Fuente Oscar de Franco Die Eigenschaften des Wassers, 2016 Mixed Multimedia. | © zVg

75 Kunstschaffende, teils in Kooperationen, an vier Ausstellungsorten: Das bietet das Heimspiel 2018. Bei der alle drei Jahre stattfindenden jurierten Kunstausstellung ist Glarus neu dabei, die Kantonszugehörigkeit spielt weiterhin die zentrale Rolle – ein alter Zopf? Ein Gastbeitrag von Peter Surber.

Glarus spielt jetzt auch mit beim Heimspiel – allerdings haben es nur zwei Kunstschaffende aus dem Glarnerland in die Schlussauswahl geschafft, Thomas Baumgartner und Katrin Hotz. Die weitaus überwiegende Zahl (30) kommt aus dem Kanton St.Gallen, mit Abstand folgen Vorarlberg (13), Ausserrhoden (11), der Thurgau (8), Liechtenstein (5) sowie Innerrhoden und Glarus mit je zwei Namen.

Wer darf, wer darf nicht?

Stolz auf seine überproportional vielen erfolgreichen Kunstschaffenden könnte dieses Jahr Appenzell Ausserrhoden sein. Das Heimspiel will zwar Kantonsgrenzen gerade überwinden – die «länderübergreifende Vernetzung» sei zentral für die Grossveranstaltung, schreiben die Kulturämter der Kantone und Länder als Veranstalter der Schau. Die Herkunft spielt dennoch unvermindert die entscheidende Rolle bei der Frage, wer überhaupt berechtigt ist, einzugeben. Wer dabei sein will, muss die richtigen zwei Buchstaben (AR, AI, SG, TG, GL oder AT oder FL) ausweisen können.

Wenn man die Namen durchgeht, stösst man hingegen fast überall auf andere Realitäten – «lebt und arbeitet in Berlin», «lebt und arbeitet in Düsseldorf» oder auch «arbeitet in Wien, Istanbul, Edinburgh und Dornbirn». Ob bei solchen globalisierten Biografien die Kantons- oder Landeszugehörigkeit nicht ein «alter Zopf» ist, könnte am Beispiel Heimspiel diskutiert werden. Oder umgekehrt: Ob ein Heimspiel seinen Namen verdient, wenn es nicht die Werkschau der hier Tätigen ist, sondern ein Panorama irgendwo arbeitender Kunstschaffender, die biografisch zum Teil nur lose mit der Ostschweiz verbunden und in der Region in keiner Weise präsent sind. Das Heimspiel stösst Fenster auf – aber schlägt auch andere zu.

Diese Arbeiten sind vertreten beim Heimspiel 2018

 

Dornbirn und Appenzell

370 Eingaben hat die dreiköpfige Jury gesichtet, vor drei Jahren waren es noch rund 450. 2012 hatten es 54 Kunstschaffende in die «Schau der Glücklichen» geschafft, 2015 waren es 76, weil erstmals neben St.Gallen auch Vaduz als Ausstellungsort mitmachte. 2018 sind es wieder fast gleich viele, und neben Kunstmuseum und Kunsthalle St.Gallen sind diesmal statt dem Liechtenstein der Kunstraum Dornbirn und das Kunstmuseum Appenzell als Ausstellungsorte mit dabei. Der Thurgau fehlt bisher als Ausstellungs-Standort.

Die Fachjury für das Heimspiel 2018 bildeten Ines Goldbach (Direktorin Kunsthaus Baselland), Fanni Fetzer (Direktorin Kunstmuseum Luzern) und Benno Schubiger (Kunst­historiker und Museologe). Eingereicht und ausgewählt worden seien Werke aus allen künstlerischen Gattungen,  sowohl den «klassischen» als auch den neuen Medien, heisst es auf der Heimspiel-Website: traditionelle «Tafelbilder» neben Video, klassische Skulptur neben konzeptuellem Objekt, Zeichnung neben Fotografie, das Einzelwerk neben komplexen Installationen.

Die Neuen, die Abwesenden

Die Jüngste im Finale ist die Foto- und Videokünstlerin Thi My Lien Nguyen aus dem Thurgau mit Jahrgang 1995, danach die St.Galler Tänzerin Juliette Uzor, Performer Wassili Widmer (AR), die Malerin und Objektkünstlerin Almira Medaric (TG) und der mit multimedialen Aktionen und Installationen hervorgetretene St.Galler De la Fuente Oscar de Franco, alle mit Jahrgang 1992.

Auffällig: Die jüngste Generation ist sehr international, mit diversen biografischen «Migrationshintergründen».

Die Ältesten im Jahr 2018 sind Hans Schweizer (1942, AR) und Ilona Ruegg (1949, SG). Ein halbes Dutzend Kunstschaffende kann man zu den Konstanten des Ostschweizer Kunstbetriebs trotz wechselnden Jurys zählen. Sie nämlich waren in den letzten vier Heimspielen 2009, 2012, 2015 und jetzt 2018 immer mit dabei: Zora Berweger (AR), Peter Kamm (SG), Lutz & Guggisberg (SG), Ilona Ruegg (SG), Francisco Sierra (AR) und Christian Vetter (SG).

Auch Absenzen gibt es – gewichtige, in vorangegangenen Heimspielen präsente Kunstschaffende wie Norbert Möslang, Alex Hanimann, Bernhard Tagwerker oder Josef Felix Müller, Künstlerinnen wie Judit Villiger, Aleksandra Signer, Marianne Rinderknecht, Rachel Lumsden etc. fehlen. Allerdings ist noch nicht bekannt, ob sie sich überhaupt beworben hatten.

Performances und Party

Von den eingereichten und für die Ausstellung für würdig befundenen Werken weiss man naturgemäss erst wenig. So ist vom Thurgauer Christoph Rütimann bekannt, dass seine Arbeit nicht an einem einzigen Ort gezeigt wird, sondern aus «7 Kulturkeulen für 7 Regionen» besteht, die jeweils an den Vernissagen den Kulturämtern übergeben werden. Oder: Die St.Gallerin Anita Zimmermann hat einen Chor ins Leben gerufen und mit ihm eine Performance eingespielt.

Performances werden auch an den Eröffnungen und im Verlauf der Ausstellungen zu sehen sein – und mit ihnen eine neue, offensichtlich spartensprengend arbeitende Kunstgeneration: In der Kunsthalle treten die Liechtensteiner Marc Norbert Hörler (AI) und Simon Kindle (FL) auf, in Appenzell Martina Morger (FL) und Wassili Widmer (AR), im Kunstmuseum St.Gallen Domingo Chaves (SG).

Die Dokumentationen sämtlicher, auch der nicht berücksichtigten Kunstschaffenden sind wiederum im Projektraum Nextex im Kulturkonsulat St.Gallen zu sehen. Die Präsentation gestaltet das Gaffa-Kollektiv. Es sorgt auch für die Heimspiel-Party nach der St.Galler Vernissage vom 14. Dezember.

Die Termine: Heimspiel, 16. Dezember 2018 bis 10. Februar 2019. Vernissagen: 13. Dezember, 20 Uhr, Kunstraum Dornbirn; 14. Dezember, 16 Uhr, Nextex St.Gallen, 18 Uhr, Kunsthalle St.Gallen, 20 Uhr Kunstmuseum St.Gallen; 15. Dezember, 17 Uhr, Kunstmuseum Appenzell. Das Festival im Internet: www.heimspiel.tv    

Hinweis: Der Text ist zuerst auf www.saiten.ch erschienen 

 

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