14.11.2012
Kulis KulThurbetrachtung 41

Jack Kerouac ist zurück! Mit dem Buch „On the Road“ sind die Erinnerungen an eine ferne Jugend wieder da. An Träume und Hoffnungen, an Lebensentwürfe und Revoltegelüste. Und an den Glauben, ein unheimlich langes und volles Leben würde vor mir liegen. Nun – 35 Jahre später – ist das volle Leben schon teilweise aufgebraucht, gewisse Hoffnungen haben sich erfüllt, andere nicht, so bin ich nicht Holzfäller in Kanada geworden und habe mein Glück auch nicht in Berlin gesucht. Dafür habe ich Welten entdeckt, von denen ich damals nicht zu träumen wagte.
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In dieser fernen Vergangenheit gab es für mich und meine Freunde einen Fluchtort, wenn es mir zu Hause zu eng wurde. Ein altes Schulhaus in einem kleinen Nest, in dem zwei Frauen wohnten. M töpferte, S färbte Wolle und sass stundenlang am Webstuhl. Wir durften bei ihnen übernachten, brachten etwas zu Essen und Wein mit und kochten auf dem Feuer. Für uns unbekannte und aufregende Bücher standen hier herum, nächtelang diskutierten wir zu Musik von Neil Young, Janis Joplin und Jefferson Airplane über das Leben im Allgemeinen und unsere Perspektiven im Besonderen. Damals schrieb ich noch keine Kolumnen sondern wütende Gedichte, die ich scheu vortrug. S heiratete später einen Bauern und bekam vier Kinder, M lebt irgendwo mit einem Handwerker.
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Damals war das Buch von Kerouac eine Offenbarung für mich. „So müsste mein Leben sein, fiebrig schreibend den Tag aufsaugen und unterwegs sein.“ „Hier ist das Mittelland, Kuli, nicht Kalifornien!“ S lachte. „Du musst in deiner Welt unterwegs sein, so wie es eben möglich ist!“ Das Buch von Kerouac lag danach nicht mehr gleich leicht in meiner Hand, aus einer Möglichkeit wurde ein ferner Traum. Wenig später steckte mir M dann ein anderes Buch zu. „Das hier ist Road-Literatur über das Unterwegs-Sein in der Schweiz! Es gibt keine schönere Beschreibung, wie man ein hartes Ei essen kann, als eben hier.“
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So lernte ich den schnauzbärtigen Mann mit seinem merkwürdigen Koffer kennen. Ehrlich gesagt wünsche ich mir neben der Verfilmung von Kerouacs Kultroman auch eine aktuelle Version des Kneuss von Beat Brechbühl, der mich mit seiner eigensinnigen Art berührt hat.
Der Film müsste in diesem alten Schulhaus beginnen, draussen regnet es, im Ofen brennt ein Feuer, im Hintergrund läuft Harvest von Neil Youg, ein junger Ich-Erzähler streift durch den Raum, bleibt stehen und zieht das Buch mit dem gelben Umschlag aus dem Regal…
Kuli

